Der Klassenfisch
Bei uns fängt neuerdings die erste Stunde sehr früh an, um halb acht. Wenn man dann noch, so wie ich in diesem Halbjahr, eine Frühaufsicht erwischt hat, dann patrouilliert man an einem bestimmten Wochentag ab viertel nach sieben durch Gebäude und über Schulhöfe, um zu überwachen, ob auch alles in Ordnung ist.
Ich schlurfe gewöhnlich im Halbschlaf durch die Schule, erinnere mich an mein warmes Bett und denke mit Sehnsucht das Wort Kaffee, gelegentlich aufgeschreckt durch übereifrige Schüler, die ich am liebsten anknurren würde: Ich finde es gut, wenn ihr mich grüßt, aber nicht um diese Uhrzeit.
Neulich während der Frühaufsicht geriet ich auf der Suche nach Stille und Frieden in den Klassenraum der Kollegin T. – und stand plötzlich und unerwartet vor dem Klassenfisch. Der Klassenfisch ist der einzige seiner Art in unserer Schule, und ich kannte ihn schon, bevor ich ihn das erste Mal sah, denn er ist berühmt. Kinder aus anderen Klassen pilgern in Frau T.s Klasse, um ihn zu besichtigen.
Der Klassenfisch wohnt in einem Glas, das ich mir immer als das klassische runde Goldfischglas vorgestellt hatte, das aber eckig ist, wie sich jetzt herausstellte. Seine Mahlzeiten bezieht er aus der Hand eines rotierenden Fütterdienstes, den die Klasse, eine ziemlich chaotische Fünfte, sehr gewissenhaft versieht.
Vor ein paar Tagen stand ein Kind in höchster Aufregung und den Tränen nahe vor dem Lehrerzimmer und verlangte ganz eilig nach Frau T., – irgendetwas Sachfremdes war im Fischglas gefunden worden, ich glaube ein Brotkrümel. Alle Kollegen, die in Frau T.s Klasse unterrichten, sind sich einig: Der Klassenfisch tut allen gut – die Aufmerksamkeit, die Verantwortung, die beruhigende Wirkung.
Nur er selbst hat es leider nicht so gut. Kollegin K., die große Tierfreundin, verdarb es sich gründlich und für alle Zeiten mit der Klasse, als sie gleich in der ersten Unterrichtsstunde ohne Umschweife verkündete, das Glas sei viel zu klein. Auch Frau S. sprach schon davon, dass ihr das Tier verängstigt erscheine, wegen der vielen Aufmerksamkeit. Als ich mich zum Fischglas niederbeugte, musterte mich der Klassenfisch einmal kurz und drehte mir dann verächtlich den Rücken zu.
Da stand ich also um viertel nach sieben, die Hände auf die Knie gestützt, und betrachtete aus zwanzig Zentimetern Abstand den Klassenfisch von hinten. Er hatte sich bereits mit sehr großen Zahlen beschäftigen müssen (mit ganz vielen Nullen nämlich), er hatte gelernt, wie die Zeichensetzung bei wörtlicher Rede geht, er wusste schon einiges über Vor- und Frühgeschichte, und er konnte sagen: „There are five rubbers under the book.“ Dazwischen hatte er sich anstarren lassen müssen, er hatte Diskussionen über seine Ernährung angehört, und nur in den Herbstferien, die er in der Wohnung von Frau T. verbracht hatte, hatte er etwas Ruhe gehabt.
Ich seufzte, richtete mich auf und setzte meinen Rundgang fort – etwas weniger schlecht gelaunt.
vielleicht könnte man ihm eine Pflanze schenken…
Montag, 26. Oktober 2009, 18:35 Uhr von SkiopodeGruß