Archiv Oktober 2009

Einkaufslyrik (4)

Sonntag, 4. Oktober 2009

Milch
Obst
Kuchen 2x
Joghurt
Lütsche Trinken, Essen, Knabbern
Trinken
Katzenfutter
Toast
Hundefutter
Knabbern
Frischkäse
Mett
Leber
Fleisch
Klopapier

Offenbar Einkäufe für eine Fleisch- und Knabberparty, bei der auch die Hunde, die Katzen und die Kinder nicht zu kurz kommen.

Folge 1
Folge 2
Folge 3

1. Oktober – Beginn der Heizperiode

Donnerstag, 1. Oktober 2009

“Nun werden die Morgenträume wieder interpunktiert von den Nöten des heißen Wassers, das Mr. Robinson aus dem Keller in freistehenden Rohren durch Stockwerk nach Stockwerk aufwärts schickt. Das Wasser erschrickt vor der kalten Luft, prallt allseitig vor der ungleichen Federung, so daß im Schlaf ein alter Kerl erscheint, neben dem Kopfende des Bettes aufragend, der hat eine eiserne Kehle, eine schartige Röhre hat der im Hals, der atmet mit Rasierklingen, der frißt Glas und Schrott. Noch springen kleine Kiesel auf und ab, knallen hin und her. Unverhofft beengt, führt der Atem des Wassers schnelle ängstliche Schläge gegen das Metall. Der gleichmäßige Rhythmus zerfasert in schwächlichen, versiegenden Herztönen. Der Kerl denkt nicht ans Sterben, der treibt sich einen Stacheldrahtbesen in die Kehle, unter kratzenden, kitzelnden, schabenden Lauten, die geradezu behaglich klingen. Zum Nachräumen schickt er kleine Männer mit scharfen Hämmern hinein, die das Rohr abklopfen mit bedächtigen, unverhofften Hieben, abwechselnd mit dem spitzen und dem stumpfen Ende. Die werden alle in mehreren bürstenden Schwüngen hochgehustet und stürzen dann dumpf unten auf, mit einem Zirpen, als brächen ihnen die Knochen. Langsam spült der Kerl nach, aber nicht in einem Schluck, sondern mit einzeln fallenden Tropfen, die hüpfen wie Flöhe. Ein Scherbenhaufen rasselt abwärts, ineinander klirrend, ohne indessen aufzuschlagen in dem schmetternden Knall, den die Erwartung vorbereitet hat. Die Scherben sind verklumpt in gläserne Bälle, mit denen gurgelt einer. Jetzt hüstelt er. Er fühlt sich nicht bemerkt, er räuspert sich viele behäbige Male. Endlich hustet er los, mit kräftigen Schulterstößen. Endlich ist der Schlaf so fadenscheinig, daß die Bilder mitten im Laufen reißen. Es ist kein Traum, es ist das morgendliche Anlaufen der Heizung.
Die Heizperiode hat begonnen.”

Uwe Johnson, Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl, Frankfurt am Main 1970, S. 131/132