Mein Silvestertrauma (Teil 1)

Offensichtlich habe ich hier noch nie über mein Silvestertrauma geschrieben, das wundert mich selbst ein bisschen. Denn die Geschichte meines Silvestertraumas ist – mal abgesehen davon, dass es sich um ein ernsthaftes Trauma handelt, mit Spätfolgen in Form von Silvesterhass und allem Drum und Dran – eine ziemlich absurde und auch ein bisschen lustige Geschichte. So im Nachhinein.
Mein persönliches Silvestertrauma stammt aus dem Jahr 2000, das zu diesem Zeitpunkt gerade ungefähr eine halbe Stunde alt war. Der Jahreswechsel 1999/2000, Sie erinnern sich, war unberechtigterweise ein besonderer. Schon im Juni dachten die Leute darüber nach, an welchem originellen Ort sie ihn verbringen könnten. Die Reichen dieser Welt flogen in einem Flugzeug irgendwo über Asien – Datumsgrenze und so, Erster sein. Wer sich das nicht leisten konnte, plante eine absolut grandiose, bombastische, pompöse, auf alle Fälle aber besondere Party.
Besonders war in dem Jahr auch die Angst, vor dem Weltuntergang, einer sonstigen gigantischen Katastrophe oder auch nur vor dem Jahr-2000-Problem. Ein Onkel von mir, inzwischen nicht mehr am Leben, damals schon unheilbar krank und auf ein Beatmungsgerät angewiesen, machte sich die größten Sorgen, dass der Chip in seinem Gerät die Arbeit einstellen und ihn selbst zur Unzeit aus dem Leben befördern könnte. Kurz: Was diesen Jahreswechsel betraf, war jeder in irgendeiner Weise hysterisch.
Nur ich nicht. Ich beschloss kurz vor Weihnachten, zusammen mit A. und M. eine Art Gegenveranstaltung zu organisieren: Nur zu dritt, Raclette, kurz anstoßen, dann schlafen, am nächsten Tag ein früher Neujahrsspaziergang, am Nachmittag Besuch bei Freunden. Okay, noch konsequenter wäre es gewesen, gar nicht zu feiern – aber den Weltuntergang im Bett zu erleben, kam mir irgendwie langweilig vor. Man ist ja doch neugierig.
Das Ganze spielte sich in Berlin-Friedrichshain ab, als es noch nicht ganz so hip war wie jetzt, sondern eher eine Mischung aus Alteingesessenen und Studenten. M. kam am Nachmittag vereinbarungsgemäß aus H. angereist, wir machten einen längeren Spaziergang, verbrachten einige Zeit damit, das Gemüse zu schneiden und noch mehr mit der Braterei. Sie wissen, wie das ist: Raclette zieht und zieht sich, am Ende stinkt die ganze Wohnung nach Käse, aber man kann dabei die tiefgründigsten Gespräche führen. Um Mitternacht stießen wir kurz an und aßen dann weiter, während sich die Nachbarn zum Feuerwerken auf der Straße versammelten.

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