Mein Silvestertrauma (Teil 2)

Die Wohnung befand sich im Seitenflügel, Hochparterre. Um zwanzig nach zwölf hörte man im Innenhof ungewöhnlich viele Stimmen, aber wir dachten uns nichts dabei, denn einige Nachbarn hatten auch im Hof Feuerwerk veranstaltet. Um halb eins sagte A., man müsse wohl doch mal nachgucken, was da los sei, das Ganze komme ihm komisch vor. Ich stand auf, ging ins Nachbarzimmer, aus dem man den besten Blick auf den Hof hatte, hob eine Lamelle der Jalousie an und spähte hindurch. Der Blickwinkel war, wie sich jeder wird vorstellen können, ein ziemlich eingeschränkter. Ich sah die Oberkörper von Leuten und etwas, das ich für den Rauch von Silvesterknallern hielt. Zwar waren das ziemlich viele Leute, aber mein Gott, Berlin ist eben eine bevölkerte Stadt. Alles in Ordnung, verkündete ich, als ich ins Wohnzimmer zurückkehrte, die Nachbarn versammeln sich in großen Mengen im Hof, aber sonst ist nichts ungewöhnlich.
A. sah mich an und verschwand dann selbst im Nebenzimmer. Offenbar guckte er auch mal weiter nach oben als ich es getan hatte, denn als er ins Wohnzimmer zurückkam, sagte er: Das Haus brennt. Im selben Moment klopfte jemand in gewalttätiger Art und Weise an die Wohnungstür. Auf ein solches Klopfen hätte ich niemals geöffnet, wenn ich nicht schon gewusst hätte, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Draußen standen zwei Polizisten, deren betont sachliche Art überhaupt nicht zu dem brutalen Geklopfe passte. Mit tiefen, ruhigen Stimmen sagten sie, unser Haus brenne, und wir müssten evakuiert werden: „Nehmen Sie ein paar Gegenstände mit, die Ihnen wichtig sind. Sie haben zwei Minuten.“
Zwei Minuten, um zu entscheiden, welche Gegenstände mir so wichtig sind, dass sie nicht verbrennen dürfen – das war ein bisschen wenig, fand ich. M. hatte es leicht, sie nahm einfach alles mit, womit sie angereist war. Ich verbrachte eindreiviertel Minuten mit Nachdenken und eine viertel Minute mit dem Einpacken des Ordners, in dem meine sämtlichen Zeugnisse abgeheftet sind und mit dem Greifen meiner Bratsche. Das mit der Bratsche war Quatsch – sie ist nicht besonders gut und nicht besonders wertvoll, und Musik machen ist keines meiner echten Lebensbedürfnisse. Ich spiele gern mit anderen zusammen, ich kann mich dank jahrelanger Erfahrung in Orchestern gut durchpfuschen, ansonsten bin ich technisch ziemlich schlecht. Wenn nicht irgendein Konzert ansteht – freiwillig übe ich nicht.
Auch den Zeugnisordner fand ich im Nachhinein ziemlich unpassend. Zeugnisse sind doch etwas Reproduzierbares, oder? In jeder Schule und Universität gibt es doch Listen über Absolventen und deren Noten. Und mir ist doch völlig egal, ob es sich um ein Original oder ein Duplikat handelt. Selbst Abstammungsurkunden kann man jederzeit im Ordnungsamt nachkaufen. Insgesamt also zwei glatte Fehlentscheidungen. Ich habe seitdem öfter über die Frage nachgedacht, was wirklich unersetzbar ist und bin immer wieder auf Negativfilme gekommen. Müsste ich jetzt noch einmal entscheiden, ich nähme die Ordner mit den alten Negativen mit und natürlich meinen Computer. Der ist inzwischen so voll mit Wichtigem, dass es schon fast erschreckend ist.


  1. Spannend und traumatisch. (Ich hoffe, der Rest hat es auch unbeschadet überstanden, oder war tatsächlich alles weg? Schüttel.) Gleich überlegt, was es bei mir wäre. Wohl die Festplatte.

    Donnerstag, 31. Dezember 2009, 12:17 Uhr von Herr Rau

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