Archiv Donnerstag, 31. Dezember 2009

Mein Silvestertrauma (Teil 4)

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Das Seniorenheim war auch ganz aufgeregt, Evakuierte aufzunehmen. Allerdings war die Nacht nicht sehr erholsam – das klingt jetzt womöglich undankbar, aber erstens kann man ohnehin nicht von einer ganzen Nacht sprechen, zweitens diese Multifunktionsbetten, Sie wissen schon, drittens die Vorstellung, das Haus brennt ab und ich soll schlafen, und viertens die leisen Zweifel wegen der Bratsche und der Negative. Als ich jedenfalls um zehn aufwachte, hatte ich das Gefühl, allenfalls fünf Minuten geschlafen zu haben.
Der Neujahrsmorgen im Altersheim war wie ein skurriler Film, in dem der Regisseur versucht, die Obliegenheiten der Protagonisten mit Bildern von Vergänglichkeit und rotziger Gleichgültigkeit zu kontrastieren, um auf ironische Weise darzustellen, wie nichtig erstere doch sind. Es war der erste Tag im ersten Jahr, das mit einer 2 begann, und diese Alten schlurften wie an jedem normalen anderen Tag mit ihren Rollatoren durch das Haus, ihre umfangreichen Pillensammlungen gut sichtbar mit sich führend, betrachteten uns mit kühler Neugier und hatten nichts anderes im Sinn als die Frage, was es zum Mittag geben würde. Dieses Mittagessen zwang man uns, im Stolz, uns beherbergt zu haben, geradezu auf, weshalb wir es natürlich nicht ablehnen konnten. So kam es, dass meine erste Mahlzeit im Jahr 2000 eine Kohlroulade war. Eine Kohlroulade am ersten Januar um elf Uhr morgens – einer Zeit, um die ich an freien Tagen gerade anfange, ans Frühstücken zu denken.
Wir fuhren dann die zwei U-Bahn-Stationen zurück, betraten das Haus durch eine tiefe Pfütze und stellten fest, dass der Seitenflügel in überhaupt gar keiner Weise beeinträchtigt worden war. Offenbar war die Feuerwehr kurz nach unserer Entfernung vom Tatort eingetroffen und hatte den Brand in einer Weise gelöscht, die das Dachgeschoss ausgebrannt und das restliche Vorderhaus unbewohnbar zurückließ (Löschwasser). Das war aber nicht die Schuld der Feuerwehr.
Wir bemerkten schnell, dass sowohl das Gas als auch Strom und Heizung nicht funktionierten, und beschlossen darob, einfach in unserem geplanten Tagesprogramm fortzufahren: Spaziergang, Besuch bei Freunden. Als wir abends wiederkamen, ging alles wieder. Wir setzten uns an den gedeckten Tisch mit den halbvollen Sektgläsern, steckten den Stecker des Raclettegeräts in die Steckdose und beendeten das unterbrochene Mahl… (das ist nur halb gelogen).
Das Paradoxe an dieser Geschichte ist, dass wir Jahr-2000-Zyniker tatsächlich in gewisser Weise Opfer des Jahr-2000-Problems geworden sind: Der Grund dafür, dass die Feuerwehr nicht eintraf, war ein Computerproblem, ausgelöst durch schlampige Wartung und ein veraltetes System, das kann man zum Beispiel hier nachlesen. Die Notrufannahme brach zusammen, die Einsatzleitung wusste nicht mehr, welches Fahrzeug sich wo befand, und irgendwann bekamen die Löschzüge den Auftrag, einfach mal ziellos durch Berlin zu fahren und zu gucken, ob es nicht irgendwo brennt. Zufällig kam eben drei Stunden lang keiner bei uns vorbei.
Tja, und das ist der Grund dafür, dass mich jedes Silvester, wenn die Knallerei losgeht, ein ungutes Gefühl beschleicht. Nur ein Gefühl, unbewusst, ob ich will oder nicht. In meinem persönlichen Kalender bedeutet mir Silvester eigentlich mehr als zum Beispiel Weihnachten – aber irgendwie hasse ich es auch.
Ich wünsche Ihnen trotzdem einen guten Rutsch.

Mein Silvestertrauma (Teil 3)

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Dann mussten wir das Haus verlassen, zusammen mit allen Nachbarn, auch denen aus den beiden angrenzenden Häusern. Die Polizisten malten Bleistiftzeichen an die Türen, um sich zu merken, welche Wohnungen schon evakuiert waren, und verwiesen den Menschenpulk hinter ein rot-weißes Absperrband. Da stand man und fror und schaute hoch zum Dachgeschoss des Vorderhauses, das lichterloh brannte. Von Feuerwehr keine Spur. Wie immer in solchen Situationen geraten die Leute schnell ins Reden, und irgendwer weiß immer mehr als die anderen, und irgendwann wussten alle Bescheid: Ein selbstgebastelter Silvesterknaller war die Ursache, abgeschossen angeblich aus dem Haus gegenüber, aber das blieb bis zum Schluss unklar. Er besaß besondere Brandintensität und hatte sich irgendwo festgehakt und die hölzernen Dachgauben entzündet. Verletzt war niemand, die Leute aus der Dachgeschosswohnung waren im Urlaub. Mich macht übrigens heute noch wütend, dass der Schuldige ungestraft davongekommen ist.
Was sich danach abspielte, lässt sich aus damaliger Perspektive so beschreiben: Drei Stunden lang standen wir vor dem brennenden Haus, bis vier Uhr morgens. In dieser Zeit trafen unglaublich viele Polizeiwagen ein, das Verhältnis Polizisten – Evakuierte muss ungefähr eins zu eins betragen haben, aber keine Feuerwehr. Polizisten und Evakuierte standen gemeinsam herum und sahen hilflos zu, wie die Flammen größer und größer wurden, langsam hinunter in die vierte Etage krochen und auf die Nachbarhäuser überzugreifen drohten. Die Polizei hatte zahlreiche Überlebenstricks auf Lager, zum Beispiel hatte sie einen beheizten Bus bereitgestellt, in dem man warmen Tee trinken konnte. Polizeilicher Autorität ist es auch zu verdanken, dass ich nachts um drei die Toilette völlig fremder Leute benutzte, die währenddessen nebenan im Wohnzimmer ungerührt ihre Party weiterfeierten.
Und irgendwann kam die Polizei auch auf die Idee mit den Wasserwerfern. Ich war nie auf einer Demonstration, bei der Wasserwerfer eingesetzt wurden, aber im Fernsehen sieht das immer so aus, als verursachten die mindestens blaue Flecken. Vor dem brennenden Haus erinnerte der Strahl der Wasserwerfer eher an die müde Fontäne eines alternden Walfischs – er erreichte die Höhe des Dachgeschosses nicht einmal annähernd. Ein ziemlich lächerlicher Anblick, nice try. Wo indes die Feuerwehr blieb, wusste niemand.
Irgendwann hat dann wohl jemand beschlossen, die Evakuierten nicht länger dem Anblick ihres bedächtig abbrennenden Hauses auszusetzen. Ohne genau zu wissen, wie und warum, saßen wir plötzlich im Privatwagen eines unbekannten Herren, der ankündigte, uns in ein Seniorenheim in der Nähe zu bringen, dort könnten wir übernachten. Müdigkeit, Kälte und Ungewissheit hatten mich inzwischen grantig gemacht, so dass ich ihn rundheraus und nicht im höflichsten aller Töne fragte, wer er denn bitteschön überhaupt sei. Es war mir dann doch ein bisschen peinlich, meinen eigenen Bezirksbürgermeister nicht zu kennen, und als Buße werde ich mich bis an mein Lebensende ohne nachzuschlagen an seinen Namen erinnern: Helios Mendiburu. Ein interessanter Mensch übrigens und ein Netter, der uns auf der Fahrt erzählte, er sei es gewohnt, in der Silvesternacht nur kurz am Sekt zu nippen und dann Leute wie uns nach einem Notfallplan in öffentlichen Einrichtungen zu verteilen. Das mache er jedes Jahr so, nichts Besonderes. In Amtssprache heißt das wahrscheinlich bürgernah, ich fand es so rührend, dass ich ihm hinterher einen Bedankmichbrief ins Rathaus geschickt habe – ich hoffe, er hat sich gefreut.