Mein Silvestertrauma (Teil 3)

Dann mussten wir das Haus verlassen, zusammen mit allen Nachbarn, auch denen aus den beiden angrenzenden Häusern. Die Polizisten malten Bleistiftzeichen an die Türen, um sich zu merken, welche Wohnungen schon evakuiert waren, und verwiesen den Menschenpulk hinter ein rot-weißes Absperrband. Da stand man und fror und schaute hoch zum Dachgeschoss des Vorderhauses, das lichterloh brannte. Von Feuerwehr keine Spur. Wie immer in solchen Situationen geraten die Leute schnell ins Reden, und irgendwer weiß immer mehr als die anderen, und irgendwann wussten alle Bescheid: Ein selbstgebastelter Silvesterknaller war die Ursache, abgeschossen angeblich aus dem Haus gegenüber, aber das blieb bis zum Schluss unklar. Er besaß besondere Brandintensität und hatte sich irgendwo festgehakt und die hölzernen Dachgauben entzündet. Verletzt war niemand, die Leute aus der Dachgeschosswohnung waren im Urlaub. Mich macht übrigens heute noch wütend, dass der Schuldige ungestraft davongekommen ist.
Was sich danach abspielte, lässt sich aus damaliger Perspektive so beschreiben: Drei Stunden lang standen wir vor dem brennenden Haus, bis vier Uhr morgens. In dieser Zeit trafen unglaublich viele Polizeiwagen ein, das Verhältnis Polizisten – Evakuierte muss ungefähr eins zu eins betragen haben, aber keine Feuerwehr. Polizisten und Evakuierte standen gemeinsam herum und sahen hilflos zu, wie die Flammen größer und größer wurden, langsam hinunter in die vierte Etage krochen und auf die Nachbarhäuser überzugreifen drohten. Die Polizei hatte zahlreiche Überlebenstricks auf Lager, zum Beispiel hatte sie einen beheizten Bus bereitgestellt, in dem man warmen Tee trinken konnte. Polizeilicher Autorität ist es auch zu verdanken, dass ich nachts um drei die Toilette völlig fremder Leute benutzte, die währenddessen nebenan im Wohnzimmer ungerührt ihre Party weiterfeierten.
Und irgendwann kam die Polizei auch auf die Idee mit den Wasserwerfern. Ich war nie auf einer Demonstration, bei der Wasserwerfer eingesetzt wurden, aber im Fernsehen sieht das immer so aus, als verursachten die mindestens blaue Flecken. Vor dem brennenden Haus erinnerte der Strahl der Wasserwerfer eher an die müde Fontäne eines alternden Walfischs – er erreichte die Höhe des Dachgeschosses nicht einmal annähernd. Ein ziemlich lächerlicher Anblick, nice try. Wo indes die Feuerwehr blieb, wusste niemand.
Irgendwann hat dann wohl jemand beschlossen, die Evakuierten nicht länger dem Anblick ihres bedächtig abbrennenden Hauses auszusetzen. Ohne genau zu wissen, wie und warum, saßen wir plötzlich im Privatwagen eines unbekannten Herren, der ankündigte, uns in ein Seniorenheim in der Nähe zu bringen, dort könnten wir übernachten. Müdigkeit, Kälte und Ungewissheit hatten mich inzwischen grantig gemacht, so dass ich ihn rundheraus und nicht im höflichsten aller Töne fragte, wer er denn bitteschön überhaupt sei. Es war mir dann doch ein bisschen peinlich, meinen eigenen Bezirksbürgermeister nicht zu kennen, und als Buße werde ich mich bis an mein Lebensende ohne nachzuschlagen an seinen Namen erinnern: Helios Mendiburu. Ein interessanter Mensch übrigens und ein Netter, der uns auf der Fahrt erzählte, er sei es gewohnt, in der Silvesternacht nur kurz am Sekt zu nippen und dann Leute wie uns nach einem Notfallplan in öffentlichen Einrichtungen zu verteilen. Das mache er jedes Jahr so, nichts Besonderes. In Amtssprache heißt das wahrscheinlich bürgernah, ich fand es so rührend, dass ich ihm hinterher einen Bedankmichbrief ins Rathaus geschickt habe – ich hoffe, er hat sich gefreut.


  1. hmm wirklich interessanter Bericht und als Feuerwehrler möchte ich mal wissen was da schief gelaufen ist. Habe sowas noch nie gehört, echt seltsam.

    Donnerstag, 31. Dezember 2009, 12:56 Uhr von Flo

  2. Hier steht mehr darüber.

    Donnerstag, 31. Dezember 2009, 14:49 Uhr von nicwest