Mein Silvestertrauma (Teil 4)

Das Seniorenheim war auch ganz aufgeregt, Evakuierte aufzunehmen. Allerdings war die Nacht nicht sehr erholsam – das klingt jetzt womöglich undankbar, aber erstens kann man ohnehin nicht von einer ganzen Nacht sprechen, zweitens diese Multifunktionsbetten, Sie wissen schon, drittens die Vorstellung, das Haus brennt ab und ich soll schlafen, und viertens die leisen Zweifel wegen der Bratsche und der Negative. Als ich jedenfalls um zehn aufwachte, hatte ich das Gefühl, allenfalls fünf Minuten geschlafen zu haben.
Der Neujahrsmorgen im Altersheim war wie ein skurriler Film, in dem der Regisseur versucht, die Obliegenheiten der Protagonisten mit Bildern von Vergänglichkeit und rotziger Gleichgültigkeit zu kontrastieren, um auf ironische Weise darzustellen, wie nichtig erstere doch sind. Es war der erste Tag im ersten Jahr, das mit einer 2 begann, und diese Alten schlurften wie an jedem normalen anderen Tag mit ihren Rollatoren durch das Haus, ihre umfangreichen Pillensammlungen gut sichtbar mit sich führend, betrachteten uns mit kühler Neugier und hatten nichts anderes im Sinn als die Frage, was es zum Mittag geben würde. Dieses Mittagessen zwang man uns, im Stolz, uns beherbergt zu haben, geradezu auf, weshalb wir es natürlich nicht ablehnen konnten. So kam es, dass meine erste Mahlzeit im Jahr 2000 eine Kohlroulade war. Eine Kohlroulade am ersten Januar um elf Uhr morgens – einer Zeit, um die ich an freien Tagen gerade anfange, ans Frühstücken zu denken.
Wir fuhren dann die zwei U-Bahn-Stationen zurück, betraten das Haus durch eine tiefe Pfütze und stellten fest, dass der Seitenflügel in überhaupt gar keiner Weise beeinträchtigt worden war. Offenbar war die Feuerwehr kurz nach unserer Entfernung vom Tatort eingetroffen und hatte den Brand in einer Weise gelöscht, die das Dachgeschoss ausgebrannt und das restliche Vorderhaus unbewohnbar zurückließ (Löschwasser). Das war aber nicht die Schuld der Feuerwehr.
Wir bemerkten schnell, dass sowohl das Gas als auch Strom und Heizung nicht funktionierten, und beschlossen darob, einfach in unserem geplanten Tagesprogramm fortzufahren: Spaziergang, Besuch bei Freunden. Als wir abends wiederkamen, ging alles wieder. Wir setzten uns an den gedeckten Tisch mit den halbvollen Sektgläsern, steckten den Stecker des Raclettegeräts in die Steckdose und beendeten das unterbrochene Mahl… (das ist nur halb gelogen).
Das Paradoxe an dieser Geschichte ist, dass wir Jahr-2000-Zyniker tatsächlich in gewisser Weise Opfer des Jahr-2000-Problems geworden sind: Der Grund dafür, dass die Feuerwehr nicht eintraf, war ein Computerproblem, ausgelöst durch schlampige Wartung und ein veraltetes System, das kann man zum Beispiel hier nachlesen. Die Notrufannahme brach zusammen, die Einsatzleitung wusste nicht mehr, welches Fahrzeug sich wo befand, und irgendwann bekamen die Löschzüge den Auftrag, einfach mal ziellos durch Berlin zu fahren und zu gucken, ob es nicht irgendwo brennt. Zufällig kam eben drei Stunden lang keiner bei uns vorbei.
Tja, und das ist der Grund dafür, dass mich jedes Silvester, wenn die Knallerei losgeht, ein ungutes Gefühl beschleicht. Nur ein Gefühl, unbewusst, ob ich will oder nicht. In meinem persönlichen Kalender bedeutet mir Silvester eigentlich mehr als zum Beispiel Weihnachten – aber irgendwie hasse ich es auch.
Ich wünsche Ihnen trotzdem einen guten Rutsch.


  1. Uff.

    Donnerstag, 31. Dezember 2009, 13:13 Uhr von isabo

  2. Das mit dem unguten Gefühl war dieses Mal übrigens wieder genauso – selbst im harmlosen Celle.
    Drüber schreiben hilft wohl doch nicht.

    Samstag, 2. Januar 2010, 20:21 Uhr von nicwest

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