Archiv 2009

Advent

Dienstag, 1. Dezember 2009

Eigentlich geht mir dieser ganze Weihnachtsschnickschnack auf die Nerven, und zwar sowas von. Aber heute habe ich, ganz und gar unerwartet, weil das mit den Nerven nämlich allgemein bekannt ist, einen Adventskalender bekommen – neinnein, nicht Schokolade, Fotos! – und mich dabei ertappt, dass ich mich darüber gefreut habe. Danke, Mechthild!
Und:





Limerick (62)

Sonntag, 15. November 2009

There once was a poet named Todd
whose meter was seriously flawed.
His limericks would tend
to come to an end
suddenly.

Die Kräfte…

Dienstag, 10. November 2009

… der Autosuggestion lassen sich offensichtlich nicht beliebig lang aufrechterhalten. Jetzt ist also doch kein Sommer mehr, auch der letzte Mohikaner hat die Waffen gestreckt, resigniert, sich fallen gelassen. –
Wenn ich Schülern erklären will, was Autosuggestion ist, lese ich ihnen immer die hier zitierte Stelle aus Julio Cortázars Roman Rayuela vor. Die finden sie meistens nicht annähernd so lustig wie ich – aber egal, Hauptsache, sie verstehen den Begriff.

Es ist Sommer

Montag, 9. November 2009

`

„Jetzt ist Sommer, egal ob man schwitzt oder friert,
Sommer ist was in deinem Kopf passiert.
Es ist Sommer, ich hab das klar gemacht,
Sommer ist wenn man trotzdem lacht.“
Wise Guys

Neu: Jetzt schon um Viertel nach fünf

Sonntag, 25. Oktober 2009

Der Klassenfisch

Freitag, 23. Oktober 2009

Bei uns fängt neuerdings die erste Stunde sehr früh an, um halb acht. Wenn man dann noch, so wie ich in diesem Halbjahr, eine Frühaufsicht erwischt hat, dann patrouilliert man an einem bestimmten Wochentag ab viertel nach sieben durch Gebäude und über Schulhöfe, um zu überwachen, ob auch alles in Ordnung ist.
Ich schlurfe gewöhnlich im Halbschlaf durch die Schule, erinnere mich an mein warmes Bett und denke mit Sehnsucht das Wort Kaffee, gelegentlich aufgeschreckt durch übereifrige Schüler, die ich am liebsten anknurren würde: Ich finde es gut, wenn ihr mich grüßt, aber nicht um diese Uhrzeit.
Neulich während der Frühaufsicht geriet ich auf der Suche nach Stille und Frieden in den Klassenraum der Kollegin T. – und stand plötzlich und unerwartet vor dem Klassenfisch. Der Klassenfisch ist der einzige seiner Art in unserer Schule, und ich kannte ihn schon, bevor ich ihn das erste Mal sah, denn er ist berühmt. Kinder aus anderen Klassen pilgern in Frau T.s Klasse, um ihn zu besichtigen.
Der Klassenfisch wohnt in einem Glas, das ich mir immer als das klassische runde Goldfischglas vorgestellt hatte, das aber eckig ist, wie sich jetzt herausstellte. Seine Mahlzeiten bezieht er aus der Hand eines rotierenden Fütterdienstes, den die Klasse, eine ziemlich chaotische Fünfte, sehr gewissenhaft versieht.
Vor ein paar Tagen stand ein Kind in höchster Aufregung und den Tränen nahe vor dem Lehrerzimmer und verlangte ganz eilig nach Frau T., – irgendetwas Sachfremdes war im Fischglas gefunden worden, ich glaube ein Brotkrümel. Alle Kollegen, die in Frau T.s Klasse unterrichten, sind sich einig: Der Klassenfisch tut allen gut – die Aufmerksamkeit, die Verantwortung, die beruhigende Wirkung.
Nur er selbst hat es leider nicht so gut. Kollegin K., die große Tierfreundin, verdarb es sich gründlich und für alle Zeiten mit der Klasse, als sie gleich in der ersten Unterrichtsstunde ohne Umschweife verkündete, das Glas sei viel zu klein. Auch Frau S. sprach schon davon, dass ihr das Tier verängstigt erscheine, wegen der vielen Aufmerksamkeit. Als ich mich zum Fischglas niederbeugte, musterte mich der Klassenfisch einmal kurz und drehte mir dann verächtlich den Rücken zu.
Da stand ich also um viertel nach sieben, die Hände auf die Knie gestützt, und betrachtete aus zwanzig Zentimetern Abstand den Klassenfisch von hinten. Er hatte sich bereits mit sehr großen Zahlen beschäftigen müssen (mit ganz vielen Nullen nämlich), er hatte gelernt, wie die Zeichensetzung bei wörtlicher Rede geht, er wusste schon einiges über Vor- und Frühgeschichte, und er konnte sagen: „There are five rubbers under the book.“ Dazwischen hatte er sich anstarren lassen müssen, er hatte Diskussionen über seine Ernährung angehört, und nur in den Herbstferien, die er in der Wohnung von Frau T. verbracht hatte, hatte er etwas Ruhe gehabt.
Ich seufzte, richtete mich auf und setzte meinen Rundgang fort – etwas weniger schlecht gelaunt.

Reine Willkür

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Antje Rávic Strubel ist eine Autorin, deren Bücher ich unbesehen im Hardcover erwerbe, sobald sie erscheinen. Vor ein paar Tagen stieß ich auf ein Buch von – besser: mit – ihr, das es im Hardcover überhaupt gar nicht gibt, und das mir wahrscheinlich eine Weile entgangen war, weil es so unscheinbar ist: Wenn ich auf eine Lösung stoße, ist der Text zu Ende. Werkstattgespräch mit Antje Rávic Strubel.
Ein poetologisches Interview anlässlich einer Lesereise in Norddeutschland im letzten und vorletzten Jahr, dazwischen Fotos von der Raufasertapete in ihrer Potsdamer Wohnung, na ja. Das damals neue Buch war Kältere Schichten der Luft, über das ich hier schon mal was geschrieben habe.
In dem Roman geht es unter anderem um die verschwimmende, nicht allzu klare Grenze zwischen den Geschlechtern. Dazu äußert Antje Rávic Strubel im Werkstattgespräch einen Gedanken von Judith Butler, der mir gleichzeitig sehr verblüffend und sehr logisch erscheint (für Judith-Butler-Leser ist das ein alter Hut, und es ist mir ein bisschen peinlich, dass ich da erst jetzt drauf stoße):

Einer der zentralen Gedanken von Butler […] ist die für mich damals erstaunliche Feststellung, dass es im Grunde bestimmte Dispositionen des Körpers sind, die in willkürlicher Zusammenfügung erst die Konstruktion Geschlecht ergeben. Die Genitalien werden mit bestimmten Eigenschaften besetzt, um eine Einteilung der Menschen vorzunehmen. Genauso gut könnte es auch andere Kriterien zur Beschreibung und Einteilung sein. X-Beiner und O-Beiner, Blau- und Braunäugige.

Das überzeugt mich sofort und lässt mich umgehend andere Beispiele für mögliche Geschlechtereinteilungen suchen: angewachsene und nicht angewachsene Ohrläppchen, Leute, die die Zunge rollen können, und Leute, die das nicht können, Leute mit absolutem Gehör und Leute ohne…
Natürlich kann ich mir auch Gegenargumente überlegen. Aber ich finde die Vorstellung von der Willkür der Geschlechtereinteilung ziemlich… äh… sexy.