Archiv Januar 2010

Die Hübschigkeit der Schauspieler (3)

Sonntag, 31. Januar 2010

Wer früher stirbt ist länger tot (2006) mit Markus Krojer, Fritz Karl, Jule Ronstedt, Jürgen Tonkel.

Das letzte Treffen war im April letzten Jahres gewesen, danach war offensichtlich kein Termin mehr zu finden, an dem niemand nicht konnte.
Diesmal ist eine Reihe von Gästen anwesend, das Riesensofa ist geradezu überfüllt, zwei müssen auf dem Boden sitzen. Unter den Gästen ist auch jemand, die länger nicht zu Besuch war, weshalb das Gespräch sich um alles Mögliche dreht, aber nur selten um den Film. Außerdem gibt es Zombies, die uns schleichend betäuben, trotz Resteessens vorher. Immerhin bekommen wir mit, dass der Hübschigkeitsfaktor der Schauspieler ziemlich hoch ist.
„Nie nicht sterben“ will der Elfjährige, denn wer früher stirbt, muss länger im Fegefeuer braten. Wir können uns nicht recht einigen, ob die Hauptfigur dumm oder nur naiv ist. Die vielen anwesenden Norddeutschen haben Schwierigkeiten mit dem Bairischen, einer behauptet gar, da sei ja Schwyzerdütsch leichter zu verstehen. Ob die Beerdigungsmusik echte bayerische Volksmusik sei, will jemand wissen, das kann aber niemand beantworten.
Ausgehend von dieser Frage kommen wir auf den Begriff Inzidenzmusik, den die anwesenden Fachleute natürlich hervorragend erklären können. [Übrigens liebe ich ja Meta-Witze über Hintergrundmusik in Filmen: „Could someone please turn down that shrill music? I’m trying to commit mass murder here!“ Vgl. TV Tropes (examples, film).]
Wer wie ich glaubt, der Hauptdarsteller habe den ganzen Film hindurch dasselbe T-Shirt an, kann im Internetz nachlesen, dass es am Anfang hellblau ist und mit jeder weiteren Sünde dunkler wird. Der Physiker legt außerdem Wert auf die Feststellung, dass ein toter Hase nicht explodiert, wenn man versucht, ihn mit einem Stromschlag wiederzubeleben.
Ein sehr schöner Dialog ist dieser hier: „Dadn Sie eventuell mit mir vögeln?“ – „Was?“ – „Also ned oda?“

Die Mühen der Ebene (29. Januar)

Freitag, 29. Januar 2010

Heute sind wir umgezogen. Von einem viel zu kleinen Lehrerzimmer, vollgemüllt und mit originaler 70er-Jahre-Möblierung ausgestattet, in einen großen, hellen, sauberen Raum. Statt langer Tischreihen gibt es dort Gruppentische mit jeweils acht Plätzen. Insgesamt sind genug Plätze da, das war im alten Lehrerzimmer anders. Eine Typisierung des Umzugsverhaltens im Kollegium ergibt dieses Bild:

  • Kollegen, die schon im Vorfeld Tischgemeinschaften festlegen und bei Betreten des neuen Raumes Reservierungszettel auf den bevorzugten Tischen verteilen.
  • Kollegen, die dieses Vorgehen boykottieren und sich auf einen der reservierten Plätze setzen.
  • Kollegen, die die Heizung im Rücken und gleichzeitig einen Blick nach draußen fordern – ein Ding der Unmöglichkeit.
  • Kollegen, die den ganzen Vormittag lang schlechte Laune haben, weil eine ganz und gar tischfremde Person ihren Platz widerrechtlich besetzt hält und mit dem Vorwurf Du sitzt auf meinem Platz! nicht zu vertreiben ist.
  • Kollegen aus der Schulleitung, die sich über schülerhaftes Benehmen mokieren, die aber im Besitz eines riesigen eigenen Büros sind, in dem sie ganz allein arbeiten dürfen.
  • Kollegen, die eigentlich unterrichtsfrei gehabt hätten, aber trotzdem anreisen, um sich einen Platz zu sichern.
  • Kollegen, die kopflos in der Schule herumlaufen und jeden nach ihren verschwundenen Kartons fragen. Niemand hat die gesehen, geschweige denn geklaut.
  • Kollegen, die sich nicht in der Lage sehen, in der dritten Stunde die Zeugnisse zu verteilen, weil sie ja dazu ihren Platz verlassen müssten.
  • Kollegen, die ganz allein an einem der Achtertische sitzen, während an den anderen Tischen gestritten und gefeilscht wird.
  • Kollegen, denen das alles egal ist.
  • Und schließlich gab es noch den einsamen Kollegen, der sich auf seinen angestammten Platz im alten Lehrerzimmer setzte und dort den ganzen Vormittag lang traurig sitzen blieb.

    Die Mühen der Ebene (28. Januar)

    Donnerstag, 28. Januar 2010

    Deutsch Klasse 5, Grammatik. Was ein Subjekt ist und wie man es erkennt, haben sie selbst herausgefunden, um das zu üben, bekommen sie ein Arbeitsblatt, auf dem die Subjekte nicht am Satzanfang stehen, sondern mittendrin, und also schwerer zu erkennen sind. Da stehen Sätze wie Zwei Pedale haben Fahrräder, Eine Panne hat die Reißzwecke ausgelöst oder Zwei Fahrraddiebe beobachteten Schüler bei ihrem Diebstahl. Nach einer Weile kapieren sie, dass sie nicht nur mechanisch wer oder was? fragen können, sondern auch auf die inhaltliche Logik achten müssen.
    Als alles verglichen und begründet ist, wollen sie wissen, ob ich mir diese Sätze selber ausgedacht habe. Ich verneine wahrheitsgemäß und frage, warum sie das glauben. Na ja, die Sätze seien so… komisch.
    Später sprechen wir über unseren Beitrag zum Schuljahrbuch, in dem sich jede Klasse auf einer Seite vorstellt. Unter dem offensichtlich tiefen Eindruck einer kürzlich gelesenen Geschichte über ein verheerendes Gemetzel, das ein Fuchs auf einem Hühnerhof anrichtet, macht jemand den Vorschlag, die Klasse als Hühner darzustellen und mich als Fuchs.
    Nachmittags folgt die Verabschiedung zweier Kollegen in den Ruhestand. Während geredet wird (von sechs Reden sind zwei gut, eine noch dazu lustig), tragen die Köchinnen die erlesensten Speisen in den Raum. Aber es muss geredet werden. Einer der Pensionäre, er sieht den ganzen Tag über schon geradezu glückstrahlend aus, eröffnet schließlich das Buffet mit den Worten: „Genug geredet. Wir wollen essen.“ (Und das meint er nicht im Sinne von: Wir wollen jetzt die Hände falten und dem Herrn danken, sondern eher so: Es ist drei Uhr, und wir hatten alle kein Mittagessen.) Der andere Ruheständler hatte zuvor diesen Satz geäußert: Hoffentlich dauert das nicht so lange, ich muss noch einkaufen.

    Sächsisch: Drei minus

    Samstag, 16. Januar 2010

    Beim Zeugnisschreiben fallen mir zwei Geschichten wieder ein, die der Berliner Kollege U. vor Jahren mal erzählt hat. Er benutzte sie als Belege für seinen grundsätzlichen Eindruck, dass Schüler gerne einfach hinnehmen, was man ihnen vorsetzt, ohne selbst ein bisschen mitzudenken.
    U. pflegte den Brauch, bei der Zeugnisausgabe – nicht bei den Kurzen, sondern in der Oberstufe – ein Unsinns-Zeugnis zu verteilen an einen Schüler, von dem er annahm, dass er nicht beleidigt sein oder einen großen Schreck bekommen würde. Das Zeugnis sah auf den ersten Blick ganz normal und seriös aus, nur enthielt es ein Fach, das es gar nicht gab, zum Beispiel Sächsisch. In den meisten Fällen, erzählte U., war es mitnichten so, dass der betreffende Schüler sich eins grinste und die Herausgabe des echten Zeugnisses verlangte. Sondern er meldete sich und sagte voller Empörung: „Hier ist ein Fehler in meinem Zeugnis! Ich habe doch den Sächsisch-Kurs gar nicht belegt!“
    Mit einer achten Klasse machte U. einmal einen Fahrradausflug in Berlin – vom Wedding an den Wannsee oder so. Unterwegs verfuhren sie sich. U. bedeutete der Klasse zu warten, er werde mal jemanden nach dem Weg fragen. Als er zurückkam, sagte er aus Quatsch: „Ach du meine Güte, wir sind an der polnischen Grenze. Habt ihr alle eure Pässe mit?“ Woraufhin ein wilder Protest losbrach: „Sie haben uns überhaupt nicht gesagt, dass wir unsere Pässe mitbringen sollen! Wir wussten das gar nicht! Mann ey, Scheiße.“
    Tja, so sind sie wohl.

    Doppelter Boden

    Freitag, 8. Januar 2010

    Es gibt ein Interview mit Ian McEwan über seinen Roman Atonement (2001), in dem er erzählt, wie er L.P. Hartleys großartigen Pubertätsroman The Go-Between (1953) gelesen hat, dem sein eigenes Buch in einigen Punkten verpflichtet ist – als Schüler in der Bibliothek seines Internats nämlich. The Go-Between spielt um 1900, und es werden darin ab und zu Karikaturen aus der Zeitschrift Punch aus dieser Zeit beschrieben. Die Internatsbibliothek besaß diese Jahrgänge, und Ian McEwan erzählt, wie faszinierend er es fand, die Lektüre zu unterbrechen, um sich die Zeitschrift anzusehen, die sich gerade im selben Augenblick eine Figur in einem Roman auch ansah – Doppelung der Wirklichkeiten, realer Intertext als Teil der Fiktion.
    Daran musste ich denken, als ich kürzlich einen Roman las, in dem jemand von einem Lied berichtet – es wird sehr ausführlich erklärt, worum es darin geht, die Sängerin wird beschrieben, der Refrain wird zitiert und mit alledem wird natürlich auch die Figur charakterisiert und ein Kommentar zum Geschehen abgegeben und so weiter. Das Video zu diesem Lied kann man sich im Internet ansehen, und als ich das tat, konnte ich denselben Realitäts-Thrill spüren, den Ian McEwan beschrieb. Allerdings war ich auch ein bisschen enttäuscht, denn ich mochte das Lied nicht besonders, und das warf einen Schatten auf die Figur.
    Ein Roman, der das Spiel mit dem Intertext auf die Spitze treibt, ist Offene Blende von Antje Rávic Strubel (2001) – insgesamt ein etwas überambitionierter Erstling, aber in dem Punkt genial. Es kommt eine Figur vor, die „die Thomas“ heißt, eine Schauspielerin:

    Die Thomas hatte ein Gesicht, in dem sie nur ein bißchen die Lippen heben oder die Brauen verschieben mußte, und es zeigte die komplette Ausstattung von Erotik bis Distanz, von anschmiegsamer Katzenfrau zur geheimnisvollen Androgynen, von der ersten Nacht bis zur allerletzten, in der sich das Gesicht nur noch schwer aus der Müdigkeit schält.

    Ungefähr in der Mitte des Buchs verlässt „die Thomas“ zusammen mit einer Regisseurin und einer Filmcrew New York, um in Ägypten einen Film zu drehen. Auch Henry, ein Freund der Protagonistin, reist mit – er ist Statist und schreibt Briefe über die Dreharbeiten nach New York. Am Ende sitzt die Hauptfigur im Kino und sieht eben jenen Film:

    Sie weiß nicht, in welchem Film sie sitzt, bis sie auf einmal Henrys Gesicht auf der Leinwand entdeckt. Eine kurze Sequenz nur, Kamera close-up auf seinem schwitzenden Gesicht, er hat einen Schlauch in der Nase und liegt auf weißen Krankenlaken. Das Bett rüttelt, ein Lastkraftwagen, ein Krankentransport mit Schwestern vom Roten Kreuz. […] Schnitt.
    Die Kamera schwenkt über eine Straße, dann sieht man einen verfallenen Landsitz. Eine Frau, die Spiegelscherben auf Schnüre hängt, um ihr Gesicht zu sehen.

    Es ist ganz klar, welcher Film gemeint ist – nur dass er nicht von einer Regisseurin gedreht wurde, und dass die Krankentransport-Szene, so genau man auch hinschaut, so nicht darin vorkommt. Ich glaube, das ist Absicht: Ätsch, sagt die Autorin, du denkst, du erkennst etwas wieder, aber das kannst du gar nicht, weil du das, was ich da beschreibe, noch nie gesehen hast. Eine fiktive Fiktion innerhalb der Fiktion, dreifach gebrochene Realität, ganz und gar nicht verlässlich.
    Ebenso wenig wie die Wirklichkeit selbst.

    Erstarrung

    Sonntag, 3. Januar 2010
















    Ich such’ im Schnee vergebens
    Nach ihrer Tritte Spur,
    Wo sie an meinem Arme
    Durchstrich die grüne Flur.

    Ich will den Boden küssen,
    Durchdringen Eis und Schnee
    Mit meinen heißen Tränen,
    Bis ich die Erde seh’.

    Wo find’ ich eine Blüte,
    Wo find’ ich grünes Gras?
    Die Blumen sind erstorben,
    Der Rasen sieht so blaß.

    Soll denn kein Angedenken
    Ich nehmen mit von hier?
    Wenn meine Schmerzen schweigen,
    Wer sagt mir dann von ihr?

    Mein Herz ist wie erstorben,
    Kalt starrt ihr Bild darin;
    Schmilzt je das Herz mir wieder,
    Fließt auch ihr Bild dahin!

    Friedrich Rückert

    Neujahrsspaziergang

    Freitag, 1. Januar 2010