Heute sind wir umgezogen. Von einem viel zu kleinen Lehrerzimmer, vollgemüllt und mit originaler 70er-Jahre-Möblierung ausgestattet, in einen großen, hellen, sauberen Raum. Statt langer Tischreihen gibt es dort Gruppentische mit jeweils acht Plätzen. Insgesamt sind genug Plätze da, das war im alten Lehrerzimmer anders. Eine Typisierung des Umzugsverhaltens im Kollegium ergibt dieses Bild:
Kollegen, die schon im Vorfeld Tischgemeinschaften festlegen und bei Betreten des neuen Raumes Reservierungszettel auf den bevorzugten Tischen verteilen.
Kollegen, die dieses Vorgehen boykottieren und sich auf einen der reservierten Plätze setzen.
Kollegen, die die Heizung im Rücken und gleichzeitig einen Blick nach draußen fordern – ein Ding der Unmöglichkeit.
Kollegen, die den ganzen Vormittag lang schlechte Laune haben, weil eine ganz und gar tischfremde Person ihren Platz widerrechtlich besetzt hält und mit dem Vorwurf Du sitzt auf meinem Platz! nicht zu vertreiben ist.
Kollegen aus der Schulleitung, die sich über schülerhaftes Benehmen mokieren, die aber im Besitz eines riesigen eigenen Büros sind, in dem sie ganz allein arbeiten dürfen.
Kollegen, die eigentlich unterrichtsfrei gehabt hätten, aber trotzdem anreisen, um sich einen Platz zu sichern.
Kollegen, die kopflos in der Schule herumlaufen und jeden nach ihren verschwundenen Kartons fragen. Niemand hat die gesehen, geschweige denn geklaut.
Kollegen, die sich nicht in der Lage sehen, in der dritten Stunde die Zeugnisse zu verteilen, weil sie ja dazu ihren Platz verlassen müssten.
Kollegen, die ganz allein an einem der Achtertische sitzen, während an den anderen Tischen gestritten und gefeilscht wird.
Kollegen, denen das alles egal ist.
Und schließlich gab es noch den einsamen Kollegen, der sich auf seinen angestammten Platz im alten Lehrerzimmer setzte und dort den ganzen Vormittag lang traurig sitzen blieb.