Archiv Februar 2010

Wie originell

Samstag, 20. Februar 2010

Im Magazin der SZ war letzten Freitag dieser Text zu lesen. Er handelt von Originalität und Nachahmertum, der erste Satz lautet: „Menschen, die sich von einem Zug überfahren lassen, tun dies meistens an einem Montag oder Dienstag.“
Mal abgesehen davon, dass der Artikel indirekt das Recht auf Freitod in Frage stellt, wogegen mir schon einige Argumente einfallen würden, dachte ich beim Lesen spontan an dreierlei:
#1 Auf einem Berliner U-Bahnhof, vielleicht Mehringdamm oder Möckernbrücke, sah ich einmal jemanden, der den Eindruck machte, er würde sich vor den nächsten einfahrenden Zug werfen. Er stand sehr dicht an den Gleisen, hatte den Kopf gesenkt, sah zu Boden und schien komplett mit der Welt abgeschlossen zu haben. Ich war zehn Meter entfernt und geriet langsam in Panik: Soll ich ihn ansprechen? Nach der Uhrzeit fragen? Soll ich mich ihm unauffällig nähern und ihn im entscheidenden Moment zurückreißen? Ich stand da wie gelähmt, tat gar nichts und schloss die Augen, als der Zug einfuhr. Glücklicherweise passierte nichts, aber ich glaube bis heute nicht, dass ich mir das eingebildet habe.
#2 Ein einziges Mal habe ich am Berliner Fotomarathon teilgenommen – ein Rahmenthema, 12 Stunden Zeit, 24 Bilder zu bestimmten Unterthemen. Das war vor neun Jahren, das Rahmenthema war Hier bin ich Mensch. Es war heiß an dem Tag, die Mittagspause verbrachte ich am Landwehrkanal, ich zog die Sandalen aus und dann wieder an, und Thema Nummer zwölf war Fehler machen, und also fotografierte ich meine Füße, rechte Sandale am linken Fuß, linke Sandale am rechten Fuß. Ich fand das eigentlich ganz lustig und originell, bis sich bei der Siegerehrung herausstellte, dass außer mir noch dreiundzwanzig andere Leute dieselbe Idee hatten.
#3 Eine Mitschülerin von mir hat sich im Sommer nach dem Abitur umgebracht. Mittlerweile bin ich doppelt so lange am Leben wie sie.

Es pfoff im Flur

Dienstag, 16. Februar 2010

In diesem Haus spukt es neuerdings. Seit gestern ist hier ein merkwürdiger wiederkehrender Pfeifton zu hören, der so ähnlich klingt wie ein Vogelpiepen oder wie die erste halbe Sekunde eines pfeifenden Wasserkessels.
Es trat zum ersten Mal gestern Nachmittag auf, als die Nachbarin und ich drüben in ihrer Wohnung saßen, Tee tranken und die Ereignisse des Tages besprachen. Kurze hohe Töne im Abstand von ungefähr einer Minute. Zuerst dachten wir, die neuen Nachbarn von unten hätten sich einen Vogel angeschafft, aber so regelmäßig pfeift kein Tier.
Heute berichtete die Nachbarin, das Gepfeife habe sie um ihren wertvollen Morgenschlaf gebracht und entwickelte eine Theorie von einem pfeifenden Marder auf dem Dachboden. Sie hatte auch eine passende Geschichte parat, die sich angeblich in ihrem Elternhaus zugetragen hatte, von einem Marder, den eine Falle nicht getötet, sondern nur verletzt habe, so dass er tagelang schreiend wie ein kleines Kind auf dem Dachboden herumgegeistert sei, woraufhin ein Jäger habe kommen und das waidwunde Tier mit einem Gewehr erlegen müssen, und die Kugel habe dann gut sichtbar im elterlichen Schlafzimmer in der Decke gesteckt. Womöglich hat sie sich diese Geschichte eigens ausgedacht, aber ich stieg trotzdem hinauf auf den Boden.
Natürlich war dort nichts zu sehen. Dafür aber zu hören – das Pfeifen klang von oben als käme es von unten, nämlich aus der Wohnung der Nachbarin. Eine Viertelstunde lang standen wir lauschend in ihrem Flur und hatten dann die Küche als den Raum ausgemacht, in dem die Pfiffe am lautesten waren. Meine vorsichtige Frage, ob es sich nicht vielleicht um Mäuse handeln könne, verwarf die Nachbarin mit einer überzeugenden Mäusestimmenimitation, die in der Tat ganz anders klang als das seltsame Pfeifen. Wir öffneten sämtliche Schränke, in der bangen Erwartung, den pfeifenden Hausgast mit gespitzten Lippen zwischen Tellern und Tassen sitzen und gewissenhaft seiner selbstgewählten Beschäftigung nachgehen zu sehen.
Doch da war nichts. Wir gingen dann arbeiten, mit der leisen Hoffnung, die Pfiffe möchten bei unserer Rückkehr verstummt sein. Das war nicht der Fall. Nicht ohne einander zu versichern, dass wir noch alle Sinne beieinander haben und die Töne tatsächlich hörbar und vorhanden sind, beschlossen wir, dem Phänomen vorerst nicht weiter auf den Grund zu gehen. Die Nachbarin wird wahrscheinlich demnächst wahnsinnig werden oder ausziehen. Aber auch hier an meinem Schreibtisch kann man das Pfeifen sehr gut hören.
Da! Da war es wieder…

(Aus der Serie Geschichten nach Tweets.)

Toll

Dienstag, 16. Februar 2010


Ich kann den Schnee nicht mehr sehen.

Feinde fürs Leben macht man sich dieser Tage, wenn man auf den Stoßseufzer „Ich kann den Schnee nicht mehr sehen“ voller Überzeugung antwortet: „Ich finds toll.“ Ich finds aber wirklich toll – die Helligkeit, die gedämpften Geräusche, wie der Schnee glitzert, wenn die Sonne darauf scheint. Ich bin allerdings auch um den Winter 1978/79 betrogen worden, denn damals hatte ich eine schwere Nebenhöhlenentzündung, lag zwei Wochen im Bett und durfte danach lange nicht draußen spielen. Also: Toll.


Ich finds toll.

Die Mühen der Ebene (5. Februar)

Freitag, 5. Februar 2010

Im örtlichen Schwimmbad bin ich noch nie gewesen. Es sieht klein aus von außen, das zugehörige Freibad hat vor anderthalb Jahren dicht gemacht, und es ist beliebt bei Schülern – was sollen die auch sonst machen in diesem Kaff beschaulichen Heideort. Zwei von ihnen treffe ich bereits auf dem Weg dorthin, sie haben mich aber schon mal vom Zehnmeterbrett springen sehen, deshalb habe ich bei denen nichts zu verlieren.
Ich bin zu spät, die anderen warten schon. Man drückt mir eine Eintrittskarte in die Hand, schnell umziehen, duschen, am Beckenrand versammeln. Bloß nicht ins Wasser, bevor man dazu aufgefordert wird – nicht vergessen, wir sind Schüler. Einschwimmen, dann erste Anweisungen vom Beckenrand: Jeweils in der Mitte der Bahn macht ihr eine Rolle vorwärts. Gleichmäßig ausatmen dabei, sonst kriegt ihr Wasser in die Nase. Natürlich kriegen wir alle Wasser in die Nase. Auch in die Ohren, weshalb wir die nächsten Direktiven nur halb verstehen: Tauchen, vom Beckenrand abstoßen, halbe Rolle… Wir machen das alles sehr beflissen, mit mehr oder weniger Erfolg.
In meiner eigenen Schulzeit bestand Sportunterricht aus mündlichen Befehlen und Pfiffen aus Trillerpfeifen. Heutzutage bekommen die Schüler Arbeitsblätter mit Abbildungen von komplizierten Bewegungsabläufen und mit Arbeitsaufträgen, im Schwimmunterricht sind die sogar laminiert, wegen dem Wasser. Wir bestaunen die Laminate, versuchen das alles zu verstehen, diskutieren ein bisschen, sagen der Übungsleiterin, was sie vielleicht anders formulieren sollte, probieren noch einmal aus, kriegen mehr Wasser in die Nase. Und in die Ohren. Die beiden Schülerinnen, die ich auf dem Weg ins Schwimmbad getroffen habe, schauen interessiert herüber, weitere Schüler haben sich angefunden.
Am Ende ist einer der Kolleginnen schlecht, sie hat im Wasser zu oft die Orientierung verloren. Alle bekommen Pralinen als Dank. Und wir hoffen natürlich, dass die Prüfung gelingt. Nein: Wir wissen das.

Die Mühen der Ebene (3. Februar)

Mittwoch, 3. Februar 2010

Gestern um viertel nach fünf hatte ich bereits vier Mal Schnee geschaufelt und mir schon so etwas gedacht, da gab die Verkehrsmanagementzentrale die Schulausfall-Meldung für heute heraus. Das war ziemlich früh, aber der öffentliche Nahverkehr in der Region war schon vormittags zum Erliegen gekommen, und heute wären die Schulbusse entweder gar nicht oder unberechen-
bar unregelmäßig gefahren. Nach einigen Telefonkonferenzen war klar, dass das Kollegium sich selbstverständlich zum Dienst ein-
zufinden habe, auch wenn kein einziger Schüler zu betreuen sein würde.
Ich gehe schon allein deshalb hin, um die Schneeberge auf dem Schulhof zu fotografieren. Die Atmosphäre im Gebäude ist friedlich und unheimlich zugleich. Pausen-
halle und Mensa liegen da wie ausgestorben, die Sonne spielt Schattenspiele auf den leeren Gängen. Diese Stille und ein ganz normaler Werktag – das passt nicht recht zusammen. Ein einziger Schüler wird in der Schule gesichtet, er hört sich verlegen den Spott der anwesenden Kollegen an und geht dann stracks wieder nach Hause. Der Hausmeister stöhnt über die Schneemassen, die er in den letzten zwei Tagen mit seinem Baggerchen bewegen musste. Aus einigen Fenstern im Tiefparterre kann man kaum noch etwas sehen – da ist aber auch bloß die selten benutzte Küche drin. Ich trage ein paar Kisten aus dem alten ins neue Lehrerzimmer, besichtige einige neue Büros, lerne, wie man die Tür namens Eingang B aufkriegt (erst das Knöpfchen drücken, dann schließen) und stelle fest, dass ich, obwohl nicht gerade klein, mein neues Postfach nur auf Zehenspitzen erreichen kann. Nach anderthalb Stunden frage ich höflich, ob ich noch gebraucht werde und gehe wieder nach Hause. Da ist es gerade elf – normalerweise hätte ich bis vier Unterricht gehabt.
Womöglich hätte ich mich am Nachmittag gelangweilt, aber ich habe gerade zwei tolle neue Bücher, dies und dies.