Archiv März 2010

Das lahmste Gewitter des Jahres

Dienstag, 30. März 2010

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Hey, ich habe einen Blitz fotografiert. Sie erkennen ihn sicher, in der linken Hälfte des Fotos. Ganz links ist die Straßenlaterne, die um Mitternacht verlischt. Wenn man nach Mitternacht nach Hause kommt, ist man aufgeschmissen. Rechts sind die Fenster der christlichen Hausgemeinschaft. Die Bäume, die Sie da sehen, gehören denen, aber alle ihre Blätter fallen bei uns runter. Schreiende Ungerechtigkeit.
Und das Gewitter war um sieben in Oldenburg. Das lahmste Gewitter des Jahres.

Zeichen und Wunder

Dienstag, 30. März 2010

Gruß zuvor, und: Ich habe heute eine Hummel gesehen. Ein Blick in den Hummelkalender lehrt uns, dass die Hummelköniginnen an warmen Märztagen erstmals seit der Winterruhe ihre Verstecke verlassen und Nahrung suchen. Auch halten sie nach Orten Ausschau, wo sie eine Kolonie gründen können.
Die Menschen hingegen gründen spontane Kolonien auf Bürgersteigen, nein, auf Radwegen. Dort stehen sie und plaudern, und wüsste man es nicht besser, könnte man glauben, sie hätten alle gute Laune. Vor den Eisdielen sitzen Leute mit Sonnenbrillen.
Seit der Zeitumstellung scheint die Sonne zu ungewohnten Tageszeiten in seltsamen Winkeln auf meinen Schreibtisch. Ich bin sicher, das tut sie mit Absicht, um mich zu ärgern, weil ich in den Ferien arbeiten muss. Die beiden Kolleginnen, die zu zweit korrigieren, sind bestimmt schon wieder fertig mit ihren Klausuren, die Streber.
Einer der Finnen hat seinen Regenschirm im Auto vergessen. Er ist hübsch, der Regenschirm, und ich würde ihn gern behalten. Mache ich aber natürlich nicht. Ich brauche ja im Moment auch gar keinen Regenschirm, denn heute zum Beispiel hat es hier nicht einen einzigen Tropfen geregnet.
Mein nagelneuer Neffe guckt ziemlich misstrauisch auf dem ersten Foto seines Lebens. Wer will es ihm verdenken.
Zufällig habe ich im Ort gleich zwei pensionierte Ex-Kollegen getroffen. Der eine grüßte freundlich und ein bisschen schadenfroh – kann aber auch sein, dass ich mir das nur eingebildet habe. Der andere tat so als hätte er mich nicht gesehen.
Wie möchte ich sein, wenn ich pensioniert bin? Freundlich und auf jeden Fall schadenfroh. Und nicht nur ein bisschen.

Urlaub

Samstag, 27. März 2010


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Inzwischen wissen wir, wie es geht: Einmal vorher treffen, eine Kochliste schreiben, aus der sich die Einkaufsliste ergibt, das Auto vollladen, sehr früh morgens losfahren. Durch Hamburg durch sein, bevor dort irgendjemand wach ist, weiter nach Norden. Wer als erster das Meer sieht.
Der erste Strandspaziergang macht uns sehr müde, ebenso alle weiteren. Überhaupt, die Müdigkeit. Die Zeit zwischen Weihnachten und Ostern ist immer die anstrengendste, das kennen wir schon. Aber so ausgelaugt wie in diesem Jahr waren wir selten.
Das Programm besteht aus nicht viel mehr als Strand, lesen, kochen, schlafen. Nun gut, das Reimlexikon haben wir auch wieder mit und die schwarzen und weißen Tasten.
Wir sammeln Hühnergötter und wärmende Handsteine. Die schnellen Strandläufer sind auch wieder da, mit ihren dürren Beinchen legen sie wahre Trommelwirbel auf dem Sand hin, auf der Suche nach Nahrung im flachen Wasser.
Schlafen ist das wichtigste. Wir schlafen nachts und zu jeder erdenklichen Tageszeit. Manchmal morgens, nicht lange nach dem Aufstehen, weil das Frühstück so anstrengend war.
Bei der ganzen Schlaferei fällt es uns schwer, auf Betriebs-
temperatur zu kommen. Die kreative Energie war im letzten Jahr höher, aber diesmal machen wir mehr gemeinsam. Wir wildern in fremden Revieren, sozusagen. Die Ergebnisse sind manchmal überraschend, oft aber besser als wenn jeder seins macht.
Lieblingswörter dieses Urlaubs: Herr-lich!, anzuwenden auf die Sonne, den Geruch des Meeres, das prasselnde Feuer im Ofen und das Apfelgelee der Kollegin K., müde natürlich und Fragen über Fragen, wenn wir wieder mal nicht wissen, ob das Wasser kommt oder geht. Außerdem muss man empört Funzel! rufen, wenn man die Deckenlampe im Kaminzimmer anschaltet.
Ich habe noch nicht einmal richtig Lust zum Fotografieren, sehr ungewöhnlich. Am letzten Tag schreiben wir doch noch eine To-do-Liste, die ernüchternd lang ausfällt. Was haben wir eigentlich die ganze Zeit gemacht? Ach ja, geschlafen.

Ferien

Donnerstag, 18. März 2010

Der letzte Schultag vor den Osterferien endet mit dem gewohnten donnerstäglichen Volleyballspiel, das durch das Ferienanfangsgefühl zu einem besonderen wird – die üblichen Konflikte werden doppelt gründlich ausgefochten. Kollegin B. zum Beispiel ist berühmt dafür, lieber zu diskutieren als den Bällen hinterherzurennen. Es würde sie mal interessieren, sagt sie sinnend, als sie gemächlich dem Ball hinterherschreitet, ob sie einen Regelverstoß begehe, wenn sie beim Angriff die imaginäre Linie über dem Netz mit ihrer Hand überquere, wenn sie also quasi in den gegnerischen Luftraum eindringe. Das möchte er mal erleben, entgegnet darauf der Sportkollege S., dass die Kollegin mit T in den gegnerischen Luftraum eindringe: „Da müsste man dir schon ein Trampolin hinstellen.“
Morgens hatte ich mit meiner Fünften in einer unerwartet aufgetauchten Zusatzstunde ein paar Folgen Shaun das Schaf gesehen, unter anderem eine, wo eins der fiesen Schweine tatsächlich auf einem Trampolin auf und ab hüpft und dadurch einen unschätzbaren Vorteil beim Gemüsefußball erwirbt.

Wohl könnten wir alle ab und an ein Trampolin gebrauchen.
Aber jetzt sind erstmal Ferien.

Alt und faltig

Freitag, 12. März 2010

Als Einstieg in das Thema Beschreibung in der fünften Klasse lasse ich immer jeden anonym einen Mitschüler beschreiben, und die anderen müssen die beschriebene Person dann erkennen. Natürlich beschreibt irgendwer immer auch mich. Diesmal begann der entsprechende Text so: „Die Person ist alt und hat faltige Haut…“ Auf meinen vehementen Protest antwortete die vorlaute Schülerin, ich solle mich glücklich schätzen, bei ihrer Oma sei das alles noch viel schlimmer. Dem Rest der Klasse fiel nichts Besseres ein als sich totzulachen.
Unter einem Vorwand mussten sie in der nächsten Klassenlehrerstunde, die eigentlich Methodentraining und Konfliktlösung vorbehalten ist und von den Schülern nicht als Unterricht wahrgenommen wird, Rezepte à la Loriots Nilpferd in Burgunder schreiben. Zwar hatten sie dabei ziemlich viel Spaß. Aber als ihnen hinterher aufging, dass sie gerade eine Extrastunde Deutschunterricht zum Thema Vorgangsbeschreibung gehabt hatten, war es schon zu spät. Ätsch.

Im Kino

Sonntag, 7. März 2010

Das Kino ist eine Institution in der Stadt. Es ist groß, alt und fast immer leer. Es rentiert sich nicht. Besitzerin und Betreiberin ist eine alte Dame, die dem spärlichen Publikum die Filme zeigt, die sie selbst gut findet. Am Massengeschmack orientiert sie sich nicht. Ums Geld geht es ihr auch nicht.
Immerhin nimmt sie an den Schulkinowochen teil – vielleicht, um einmal im Jahr das Gefühl eines vollen Saales zu genießen. Wir sind mit drei Klassen angereist. Die Kinder nehmen Platz, die Lehrer bezahlen. Auf die Frage des Kollegen, ob er mit Karte bezahlen könne, muss die alte Dame gar nicht antworten, sie guckt einfach nur.
Drei Klassen, drei Häufchen Geld. Die alte Dame zählt. Das dauert eine Weile. Sie verzählt sich. Sie zählt noch einmal und macht sich Bleistiftnotizen auf einem karierten Block. Sie vergleicht die Summen mit den Beträgen, die sie sich vorher notiert hat. Auf dem einen Haufen fehlt etwas, auf dem anderen ist zu viel.
Wir stehen um sie herum und sehen ihr beim Zählen zu. Die Schüler im Saal werden unruhig. Wir wissen genau, dass die Gesamtsumme stimmt. Dass auf dem einen Häufchen exakt der Betrag fehlt, der auf dem anderen zu viel ist, sagen wir ihr mehrmals, aber es nützt nichts. Erst als die Kollegin ihr das gesamte Geld noch einmal vorzählt, ist sie zufrieden. Es müsse ja alles seine Ordnung haben, sagt sie, und das stimmt natürlich.
Im Kino ist es eiskalt, aber der Film ist gut. Als wir uns von der alten Dame verabschieden, merkt sie an, dass ja leider niemand den Film bis zu Ende gesehen habe. Auf den Einwand des Kollegen, der Film sei doch vorbei gewesen, antwortet sie nicht, sie guckt nur. Sie möchte Abspannsitzenbleiber im Publikum.
Die Kinder sagen am nächsten Tag, sie hätten den Film lieber in einem Kino gesehen, in dem die Sitze nach hinten ansteigen. Und Popkorn hätten sie auch gern gekauft.
Solchen Ansinnen begegnet die Dame mit Verachtung, auch wenn sie das so nicht sagen würde.