Im Kino

Das Kino ist eine Institution in der Stadt. Es ist groß, alt und fast immer leer. Es rentiert sich nicht. Besitzerin und Betreiberin ist eine alte Dame, die dem spärlichen Publikum die Filme zeigt, die sie selbst gut findet. Am Massengeschmack orientiert sie sich nicht. Ums Geld geht es ihr auch nicht.
Immerhin nimmt sie an den Schulkinowochen teil – vielleicht, um einmal im Jahr das Gefühl eines vollen Saales zu genießen. Wir sind mit drei Klassen angereist. Die Kinder nehmen Platz, die Lehrer bezahlen. Auf die Frage des Kollegen, ob er mit Karte bezahlen könne, muss die alte Dame gar nicht antworten, sie guckt einfach nur.
Drei Klassen, drei Häufchen Geld. Die alte Dame zählt. Das dauert eine Weile. Sie verzählt sich. Sie zählt noch einmal und macht sich Bleistiftnotizen auf einem karierten Block. Sie vergleicht die Summen mit den Beträgen, die sie sich vorher notiert hat. Auf dem einen Haufen fehlt etwas, auf dem anderen ist zu viel.
Wir stehen um sie herum und sehen ihr beim Zählen zu. Die Schüler im Saal werden unruhig. Wir wissen genau, dass die Gesamtsumme stimmt. Dass auf dem einen Häufchen exakt der Betrag fehlt, der auf dem anderen zu viel ist, sagen wir ihr mehrmals, aber es nützt nichts. Erst als die Kollegin ihr das gesamte Geld noch einmal vorzählt, ist sie zufrieden. Es müsse ja alles seine Ordnung haben, sagt sie, und das stimmt natürlich.
Im Kino ist es eiskalt, aber der Film ist gut. Als wir uns von der alten Dame verabschieden, merkt sie an, dass ja leider niemand den Film bis zu Ende gesehen habe. Auf den Einwand des Kollegen, der Film sei doch vorbei gewesen, antwortet sie nicht, sie guckt nur. Sie möchte Abspannsitzenbleiber im Publikum.
Die Kinder sagen am nächsten Tag, sie hätten den Film lieber in einem Kino gesehen, in dem die Sitze nach hinten ansteigen. Und Popkorn hätten sie auch gern gekauft.
Solchen Ansinnen begegnet die Dame mit Verachtung, auch wenn sie das so nicht sagen würde.

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