Archiv Mai 2010

Die Mühen der Ebene (31. Mai)

Montag, 31. Mai 2010

Elternabend.
Danach mit den Eltern gezecht.
Nacht.

Die Mühen der Ebene (30. Mai)

Sonntag, 30. Mai 2010

Von hier aus gesehen liegt die nächste Prokrastinationsambulanz in @adelhaids Küche. Es gibt noch eine in Münster, aber das ist weiter. Fuhr ich heute Nachmittag also flugs mit dem Fahrrad dorthin, nachdem ich vormittags, äh, nicht recht vorangekommen war. Man räumte mir freundlicherweise die eine Hälfte des Küchentischs für meine 12er-Klausuren frei, an der anderen wurden Aufsätze Klasse 5 korrigiert. Am Herd wurden Rhabarbergelee und Lemon Curd gekocht. Konzentrierte Atmosphäre, nur unterbrochen durch die leise vor sich hinknackenden Geleegläser, das Vorlesen der besten Stellen und die Kommentare der Köchin. Jetzt hab ich Tipp-Ex an den Fingern und wenigstens angefangen. Großartig.

Die Mühen der Ebene (29. Mai)

Samstag, 29. Mai 2010

Die Nachbarin holt die Post hoch und tut beleidigt, weil die Kollegen mir eine Postkarte aus London geschrieben haben und ihr nicht. Ich hatte die aber bestellt.
Sie haben mir sogar zwei Postkarten geschrieben, allerdings haben sie die erste in einem Café vergessen. Die heute ankommt, ist Nummer zwei (steht extra drauf), und ich bin gespannt, ob Nummer eins auch noch eintrifft – vielleicht ist jemand fürsorglich und wirft sie in einen Briefkasten.
Die Bestellung betraf auch das Motiv (ein Mitglied des Königshauses), und sie haben die allerkitschigste Lady-Di-Postkarte gekauft, die ich je gesehen habe. Sehr schön.
Als ich die Postkarte gelesen habe, gehe ich hinüber zur Nachbarin, um ihr zu zeigen, dass auch Grüße an sie darauf stehen. Antwort: Das habe ich schon gesehen, aber es ändert nichts.

Die Mühen der Ebene (28. Mai)

Freitag, 28. Mai 2010

Wenn die Kollegin, die mit Leidenschaft auf die Jagd geht, davon erzählt, wie sie ihren Hund auf die Jagdhund-Führerschein-Prüfung vorbereitet, ist das immer ziemlich komisch. Allein schon die Jägersprache ist einen eigenen Blogeintrag wert, und auch die seltsamen Verrichtungen, die das bedauernswerte Tier vollführen muss, bringen jeden Nicht-Jäger zum Kichern. Wir haben schon verabredet, dass ich mal zum Training mitkommen und darüber schreiben darf.
Heute, beim Essen in der piefigsten Gaststätte im Ort, erzählt sie, sie habe gestern aus Wut beinahe ihren Hund erschossen. Das Tier besitze gefühlte zwei Gehirnzellen und sei einfach nicht in der Lage zu begreifen, was sie von ihm wolle. Gestern habe sie seine schwächste Disziplin mit ihm trainieren wollen, die Wasserarbeit – wir sehen uns an und heben die Augenbrauen – bei der der Hund eine tote Ente, die sie selbst im Internet für teures Geld habe erstehen müssen, schwimmend apportieren solle, ohne sich durch das ein paar Meter neben ihn aufs Wasser gefeuerte Schrot ablenken zu lassen. Was aber habe ihr Hund getan? Er habe, als das Schrot aufs Wasser prasselte, umgehend beigedreht, sich auf eine Insel geflüchtet und dort erstmal ein Entennest ausgeraubt. Dann sei er hierhin und dahin getanzt und habe alle ihre Befehle komplett ignoriert, auch dann noch, als sie gebrüllt waren. Und dann, sagt sie, immer noch aufgebracht, habe sie gedacht, jetzt reichts, habe nachgeladen und… Feuer, denken wir alle, aber nein – sie habe dann doch nur aufs Wasser geschossen. Jedoch habe sie sich sehr beherrschen müssen.
Wir reden noch ein bisschen über Tiercharaktere, ich erzähle diese Geschichte, und die Jägerin schließt starrköpfig: Und morgen gehe ich wieder meinen Hund anbrüllen. Haben Sie heute schon Ihren Hund angebrüllt?, sagt jemand. Haben Sie heute schon Ihren Hund erschossen?, sage ich. Das ist der Titel für deinen heutigen Blogeintrag, befiehlt U. und steht auf, um zu bezahlen, ich werde das überprüfen.
Guter Titel – aber geht leider nicht. Ich verschenke ihn weiter, nehmen Sie ihn mit, wenn Sie möchten.

Die Mühen der Ebene (27. Mai)

Donnerstag, 27. Mai 2010

Ich hab mal wieder Lust auf Tagebuchbloggen.
Frau L. brach heute in echte Wuttränen aus, weil der Kopierer nicht tat, was sie von ihm wollte. Letzteres passiert ihr öfter, ersteres habe ich noch nie erlebt, wenngleich ich sie schon häufig laut hadernd vor dem Gerät habe stehen sehen. Sie ist mittlerweile fest davon überzeugt, dass der Kopierer ihr – und nur ihr – gegenüber Gefühle entwickelt hat. Nicht schön, von einer Maschine verachtet zu werden.
Kollegin ohne T wurde dabei beobachtet, wie sie telepathisch unterrichtete – die Schüler in der Klasse, sie draußen auf dem Flur. Warum bei dem Experiment die Tür offen stehen musste, ist nicht ganz klar – womöglich konnten die beteiligten Kräfte keine Wände durchdringen. Oder die Ausschweifung am Abend zuvor hatte die Wirksamkeit der Befähigung eingeschränkt.
Aus Gründen brauchten wir in Deutsch in meiner Fünften den Text des Liedes Hänsel und Gretel. Ich kam bis Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald / Es war so finster und auch so bitter kalt – und weiter nicht. Ein elfjähriges Kind hingegen sang mir umstandslos alle drei Strophen vor, ohne lange darüber nachdenken zu müssen. Das ist mal Allgemeinbildung.

Bahnhof verstehen

Sonntag, 23. Mai 2010

Der Roman Austerlitz von W.G. Sebald beginnt am Bahnhof von Antwerpen. Der Erzähler steht auf dem Platz vor der Centraal Station und berichtet, wie er an der Vorderfront des Gebäudes hinaufblickt:

Jetzt aber sah ich, wie weit der unter dem Patronat des Königs Leopold II. errichtete Bau über das bloß Zweckmäßige hinausreichte, und verwunderte mich über den völlig mit Grünspan überzogenen Negerknaben, der mit seinem Dromedar als ein Denkmal der afrikanischen Tier- und Eingeborenenwelt hoch droben auf einem Erkerturm zur Linken der Bahnhofsfassade seit einem Jahrhundert allein gegen den flandrischen Himmel steht.


Ganz allein ist er nicht, denn auf seinem Kopf sitzt eine Taube.

Im Wartesaal mit dem melancholischen Namen Salle des pas perdus, der „eher für einen Staatsakt als zum Warten auf die nächste Zugverbindung nach Paris oder Ostende“ erbaut scheint, trifft der Erzähler auf Jacques Austerlitz und beginnt ein Gespräch. Austerlitz mit seinem Interesse an Architektur und seiner umfänglichen Bildung dient als Medium, um dem Leser – scheinbar assoziativ und rhizomatisch – Informationen über bestimmte Wissensgebiete zu vermitteln. So macht er den Erzähler beispielsweise mit der Entstehungsgeschichte des Antwerpener Bahnhofs vertraut:

Gegen Ausgang des 19. Jahrhunderts […], als Belgien, dieses auf der Weltkarte kaum zu erkennende graugelbe Fleckchen, mit seinen kolonialen Unternehmungen sich auf dem afrikanischen Kontinent ausbreitete, als an den Kapitalmärkten und Rohstoffbörsen von Brüssel die schwindelerregendsten Geschäfte gemacht wurden und die belgischen Bürger, von grenzenlosem Optimismus beflügelt, glaubten, ihr so lange unter der Fremdherrschaft erniedrigtes, zerteiltes und in sich uneiniges Land stehe nun im Begriff, als eine neue Wirtschaftsgroßmacht sich zu erheben, in jener jetzt weit schon zurückliegenden und doch unser Leben bis heute bestimmenden Zeit, war es der persönliche Wunsch des Königs Leopold, unter dessen Patronat sich der anscheinend unaufhaltsame Fortschritt vollzog, die nun auf einmal im Überfluss zur Verfügung stehenden Gelder an die Errichtung öffentlicher Bauwerke zu wenden, die seinem aufstrebenden Staat ein weltweites Renommee verschaffen sollten.

(Das ist, wohlgemerkt, ein einziger Satz.) Als Vorbild diente der damals neue Bahnhof von Luzern, der wie der Antwerpener Hauptbahnhof beim Betreten der Eingangshalle das Gefühl vermittelt, „als befänden wir uns, jenseits aller Profanität, in einer dem Welthandel und Weltverkehr geweihten Kathedrale“. Austerlitz erklärt die einzelnen architektonischen Elemente und verweist auf die in 20 Metern Höhe angebrachte goldene Uhr, die als Statthalterin der neuen Omnipotenz noch über dem Wappen des Königs rangiere und zu der alle Reisenden aufblicken müssten, weil sie gezwungen seien, ihre Handlungsweise an ihr auszurichten.


Unter der Uhr steht: Eendracht maakt macht.

Der Bahnhof als steinerne Manifestation der aufstrebenden Kolonialmacht – stellt sich nur die Frage, weshalb andere Bahnhöfe in anderen Ländern ebenso monumental und sakral aussehen. Grand Central in New York zum Beispiel, oder auch der Lehrter Bahnhof in Berlin, der mitnichten nur rational-funktionalistisch ist.
Vielleicht feiert die Eisenbahnhalle den Kult des Geschwindigkeitsraums, den zentralen Knotenpunkt der Bewegung, den Durchgangs- und Verteilerraum, der in Gestalt des ausgehängten Fahrplans und der aus- und einsteigenden Reisenden eigentlich mehrere Orte gleichzeitig ist. Ein Bahnhof ist womöglich sogar das Gegenteil eines Ortes – ein Zustand, ein temporärer Halt in der Bewegung. Vielleicht ist diese Vorstellung eines Nicht-Ortes so beängstigend, dass die Architektur sagen muss: Doch, dies ist ein Ort, und zwar ein besonderer.
Antwerpen Centraal jedenfalls ist seit W.G. Sebalds Beschreibung renoviert worden – weder ist das Foyer „stark heruntergekommen“ noch ist das Zifferblatt der mächtigen Uhr „von Eisenbahnruß und Tabaksqualm eingeschwärzt“.
Der Salle des pas perdus ist im Antwerpener Hauptbahnhof nicht zu finden, vielleicht war er an der Stelle, wo sich jetzt das Royal Café befindet.


Hall of useless pacing.

Vom Alter

Freitag, 21. Mai 2010

Aus Gründen frage ich drei Fünftklässler, wovon sie gerade reden. Einer von ihnen antwortet ziemlich altklug, sie sprächen gerade über ihre Kindheit. Hähä, sage ich überrascht und füge dann – nicht minder altklug – hinzu, die sei doch noch längst nicht vorbei, ihre Kindheit. Sie widersprechen wortreich, und es gibt nur eine kleine Meinungsverschiedenheit, als die beiden Elfjährigen kurzzeitig bezweifeln, ob die Kindheit des Zehnjährigen auch wirklich schon vorbei sei. Wann er denn endlich elf werde? Im September. Das scheint in Ordnung. September – Kindheit vorbei.
Dann rechnen sie aus, wie alt sie alle drei zusammen sind. Ich lasse die unvorsichtige Bemerkung fallen, da seien sie zusammen ja immer noch jünger als ich alleine. Mein Alter ist ein gut gehütetes Geheimnis, was natürlich wilde Spekulationen nährt. Allerdings sind sie inzwischen vorsichtig geworden mit dem Raten. Ob ich mich daran erinnere, fragt der Zehnjährige, wie neulich jemand wissen wollte, ob ich siebenundvierzig sei? Äh, nein, sage ich, und was ich denn geantwortet habe. Er versichert glaubhaft, ich hätte gedroht, das Kind aus der Klasse zu schmeißen. Das sei mir gänzlich entfallen, sage ich, aber ich könne das jederzeit unterschreiben. Trotzdem wagen sie einen neuen Versuch. Ob ich vielleicht vierzig oder einundvierzig sei, wollen sie zaghaft wissen. Nein, bin ich nicht.
Ich bin in einem Alter, in dem bekannte Sportler jünger sind und die jüngsten Bundesminister ungefähr gleich alt, in dem alte Fünftklässler-Eltern etwas älter und junge Eltern sehr viel jünger sind. Ich bin sozusagen im idealen Fünftklässler-Eltern-Alter und finde es manchmal irritierend, dass die tatsächlichen Fünftklässler-Eltern ein Leben leben, das so gänzlich anders ist als meins, obwohl wir alle mit Kindern zu tun haben, sogar mit denselben. Denselben altklugen Fünftklässlern, die alle – sich selbst nicht ausgenommen – für älter halten als sie sind.