Archiv Mai 2010

Antwerpen

Sonntag, 16. Mai 2010


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Die Empfehlung kam von Therese, der Inhaberin unseres B&B: Ein kleines Restaurant, zentral gelegen zwar, aber eigentlich nie voll. Nichts Besonderes, nur einheimisch und garantiert ohne Touristen. Zentral, aber ohne Touristen? Als wir davor standen, sahen wir, warum – es war nur zimmerbreit, eingequetscht zwischen zwei Falafelrestaurants, umgeben von schicken Kneipen und Lokalen, und der einzige Betrieb, der draußen keine Stühle hatte. Wo nebenan angesagte junge Leute auf dem Gehweg speisten, stand hier ein einsames angekettetes Fahrrad. Im Fenster ein Schild mit dem Namen, aber ohne Hinweis auf die Natur des Etablissements.
Die Tür klemmte, deshalb dachten wir zuerst, es sei geschlossen. Drinnen war aber Licht. Nachsichtig lächelnd öffnete die Wirtin, eine ältere Dame, schwarze Augen, schwarzgraue Haare, schwarzes Kleid, und musterte uns kurz. Sie musste wissen, dass Touristen nur auf Empfehlung von Therese kamen, aber sie ließ sich nichts anmerken. Wir waren die ersten Gäste, und wenn sie uns unten hingesetzt hätte, hätte das womöglich andere Leute angelockt, die durch die Fenster hätten sehen können: Dies ist ein Speiserestaurant. Sie aber fragte nur: Three persons?, und wies nach oben, in den ersten Stock, der über eine steile Holztreppe zu erreichen war.
Dann legte sie Mozart auf, irgendein Klavierkonzert, und brachte uns die Speisekarte. Die sah bei allen anders aus, einheitlich war nur die vor dreißig Jahren mit Schreibmaschine geschriebene Hauptkarte und eine handgeschriebene Zusatzkarte. Wir lasen die unterschiedlichen Speisekarten und hörten Mozart. Irgendwann kam die Wirtin, erstaunlich leichtfüßig, über die steile Treppe zu uns hoch und fragte, ob wir alles lesen könnten. Äh, nein. Sie übersetzte das Handgeschriebene flüssig ins Englische, ließ uns Zeit bei der Wahl und verschwand dann über eine weitere Treppe, die wir bis dahin noch gar nicht bemerkt hatten, in den zweiten Stock. Dort war die Küche.
Kaum hatte sie unsere Bestellung abgegeben, wurde der Koch hörbar aktiv. Die Dielen quietschten und knarrten über unseren Köpfen, man hörte Kochtopfscheppern, das Zischen von heißem Öl, und konnte riechen, wie unser Essen langsam fertig wurde. Zwischendurch kam die Wirtin mit Getränken und Vorspeisen, und es war behaglich. Die beiden anderen Gäste, die noch eintrafen – selbstverständlich keine Touristen – wurden ebenfalls in der ersten Etage platziert. Sie bestellten eine Flasche Wein, die ihnen formvollendet dargeboten wurde. Wir Touristen tranken Bier, hatten aber nicht das Gefühl, gegen gute Sitten zu verstoßen, im Gegenteil.
Das Essen war hervorragend. Das Fleisch auf den Punkt, an Pommes Frites braucht man in Belgien ohnehin nicht zu zweifeln, der Nachtisch ausgezeichnet. Die Wände des Restaurants waren vollgehängt mit Bildern – Zeichnungen, aber auch Aquarellen. Wir scherzten, dass die Wirte bestimmt viele Künstler kennen und ihr vorzügliches Essen gegen Naturalien, also Bilder, verkauften. So wie das hier aussieht, sagten wir im Spaß, wird sich das nie rentieren. Die Rechnung war handgeschrieben, und wir konnten gerade einmal die Summe darunter entziffern.
Als wir die Geschichte am nächsten Tag Therese erzählten, lachte die nur. Jaja, sagte sie, die beiden, die wollen gar kein Geld verdienen. Die kennen viele Künstler, die ihr Essen mit Bildern bezahlen. Das wird sich nie rentieren, aber es ist nett. Konntet ihr die Speisekarte entziffern? Macht euch nix draus, können wir auch nie. –
Die Rückseite der Restaurant-Visitenkarte sieht so aus:

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T’Spreeuwke – jemand eine Ahnung, was das heißt?

Bart

Mittwoch, 12. Mai 2010

Das Spiel mit den fünf berühmten Belgiern ist einfach, es geht so: Nennen Sie fünf berühmte Belgier – aus dem Kopf, nicht aus dem Internetz. Rubens, Bruegel und Magritte fallen Ihnen vielleicht ein, wenn Sie kunstinteressiert sind, Jacques Brel natürlich (mein persönlich berühmtester Belgier), Eddy Merckx und noch ein paar Fußballer und Tennisspielerinnen. Und natürlich Adolphe Sax, der Erfinder des Saxofons. Belgien ist ein unscheinbares Land, europäischer als alle anderen EU-Länder, aber nicht gerade berühmt für seine, äh, Berühmtheiten.
Umso echter und authentischer ist es, einen unberühmten Belgier zu kennen. Ich kannte zumindest mal einen: Bart aus Antwerpen. Wir trafen uns in Glasgow, wo wir zur selben Zeit ein Auslandsstudienjahr verbrachten. Er wohnte in einem ganz anderen Wohnheim als ich, und ich weiß gar nicht mehr, wie wir uns kennenlernten – wahrscheinlich auf irgendeiner Party gemeinsamer Bekannter. Jedenfalls begegneten wir uns ziemlich früh in diesem Jahr, so dass wir viel Zeit für gemeinsame Unternehmungen hatten.
Die bestanden vor allem aus Wandertrips in den Highlands. Wir pflegten abends zusammen eine Landkarte zu studieren, um uns dann am nächsten Morgen sehr früh – ungefrühstückt und frierend – am Busbahnhof zu treffen und gen Norden zu fahren, wo wir eine spektakuläre neue Route ausprobieren wollten. Oft waren noch andere Leute dabei, eine besondere Bereicherung war stets Javier, der Spanier aus Barts WG, der in seinem nur halb verständlichen Englisch die interessantesten Dinge erzählte. Auf dessen wortreiche Empfehlung zum Beispiel las ich Evelyn Waughs A Handful of Dust, inzwischen eins meiner Lieblingsbücher.
Auf diesen Trips hatten sich gewisse Rituale etabliert. Beim Busfahren morgens sprachen wir kein Wort miteinander – zu früh. Kaum waren wir am Ziel angelangt, hockten wir uns irgendwo hin und aßen erstmal sämtliche Vorräte auf, schließlich hatten wir noch nicht gefrühstückt. Oft hatten wir Joghurt mit und die Löffel vergessen, und es gibt peinliche Fotos, auf denen wir Joghurt mit dem kleinen Finger löffeln. Wir hatten grundsätzlich Plastiktüten dabei, falls wir Resten von Schnee begegneten, auf denen man rodeln konnte – ziemlich kindisch, aber immer ein Riesenspaß. Einmal merkten wir nach der Hälfte der Wanderung, dass wir uns in der Rückfahrtszeit geirrt hatten, und mussten den Rest des Wegs joggend zurücklegen.
Auf der Busfahrt zurück redeten wir über alles und jedes, oft über Sprache, weil das ein Thema war, das uns beide interessierte. Ich weiß noch, wie ich nicht glauben konnte, dass die Flamen zu einigen ihrer Substantive die Artikel nicht kennen, zum Beispiel zu Bus. Müssen die tatsächlich fragen „Wann kommt Bus?“
Ich mochte immer, wie Bart Englisch sprach, mit unbehauchten Konsonanten nämlich, das klang weich und freundlich. Er bestand auch darauf, dass das flämische Niederländisch weniger hart und sehr viel eleganter sei als das holländische.
Unser bester Ausflug war der West Highland Way. Leider hatten wir nicht so viel Zeit – er musste seine Diplomarbeit schreiben, ich hatte auch irgendetwas Dringliches zu tun – so dass wir zwischendurch Bus fahren mussten und nur die Hälfte schafften. Als wir in Fort William ankamen, schrieben wir einen Essay über die Tour (leider verschollen) und kauften den Aufkleber I’ve walked West Highland Way, den wir in zwei Teile zerschnitten. Meiner ist der obere, und ich habe ihn aufbewahrt bis heute.
dieser Text ist nicht lesbar
dieser auch nicht
dieser auch nicht
Um uns würdig zu verabschieden und bei der Stadt Glasgow zu bedanken, liefen wir an einem heißen Tag im Juni 30 Kilometer durch die Stadt und machten genau hundert Fotos. Eins davon ist ein wirklich gutes Bild, aber ich finde es im Moment nicht. Wenn das verschwunden ist, es wäre wirklich schade.
Barts Diplomarbeit steht immer noch in meinem Bücherregal. Sie trägt den Titel Modelling Genetic Algorithms und ich habe sie natürlich nicht gelesen, ich würde sie gar nicht verstehen. Ich würde sie aber auch niemals wegwerfen, unter anderem, weil auf dem Vorsatzblatt mein Name zu lesen ist, im Kreis der Freunde „with whom I had a wonderful time in Glasgow“. Und wir mit ihm.
Wir haben uns noch je einmal besucht und dann aus den Augen verloren, wie das so ist. Man kann ihn googeln und wiederfinden, aber das ist gar nicht unbedingt nötig.
Warum fällt mir das alles gerade jetzt ein? Weil ich über Himmelfahrt nach Antwerpen fahre. Mit den Berliner Freunden, die seit Tagen besorgte Mails schreiben, wegen der Aschewolke.

Post

Samstag, 8. Mai 2010


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Man schreibt mir aus dem Jahr 2070. Da bin ich ungefähr hundert, und am 6. Mai, stelle ich mir vor, werde ich nach dem Morgenspaziergang einen Liegestuhl im Garten aufgestellt haben und dort den ganzen Tag bücherlesend verbracht haben. Vollendete Zukunft.
Ich schreibe auch jemandem – einen Krankenbrief, mit der Hand. Bei tückischen Krankheiten und Todesfällen kündigt die deutsche Sprache ihr Verhältnis mit mir. Sie macht sich aus dem Staub, stellt sich abseits und sieht schadenfroh zu, wie ich versuche, hohle Worthülsen zusammenzubasteln. Die Genesungswünsche klingen unaufrichtig optimistisch, Fragen nach dem Krankheitsalltag sind reine Ausweichmanöver, der Grat zwischen Mitgefühl und Sentimentalität ist zu schmal für mich.
Womöglich will mich die Sprache Demut lehren.

Limerick (64)

Dienstag, 4. Mai 2010

Sherlock Holmes sprach verärgert zu Watson:
„Dieser Fall ist mal wieder zum Katson.
Hättest du nicht gedöst,
wär er längst schon gelöst,
und wir könnten jetzt damit pratson.“

Kramuri

Samstag, 1. Mai 2010

Der erste Mai war dieses Jahr abgespeichert unter hab ich nix von, und wenn ich mich gestern nicht zufällig darüber gewundert hätte, dass schon am Freitag die Wochenendbeilage in der Zeitung liegt, dann hätte ich jetzt hungern müssen.
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Wenn der Kuchen spricht, haben die Krümel Pause.
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Die Vermieterfamilie hat sich versammelt und beklopft mal wieder das Haus. Religiöse Feiertage sind heilig, auch an Sonntagen wird nicht gearbeitet. Weltliche Feiertage hingegen – pfff. Ich dreh mal die Musik lauter.
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Schimmel sind als Fohlen offensichtlich alle irgendwie braun oder schwarz und werden erst später weiß; dieser Vorgang heißt freundlicherweise ausschimmeln, nicht anschimmeln oder verschimmeln.
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Could we have kippers for breakfast?
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Gestern beim Einkaufen das brandneue Kollegenkind bewundert. Zum Glück schläft er gerade, sagte der Kollege, er kreischt in letzter Zeit immer so laut, wenn er wach ist.
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Auf meinem Schreibtisch liegen 19 Abituraufsätze. Das Prokrastinationskomitee tagt bereits und wird mir demnächst Vorschläge unterbreiten, denke ich.
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See you later, Ajax the Greater.