Archiv Juni 2010

Letzte Obliegenheiten

Freitag, 25. Juni 2010

Andere pflegen wesentlich bizarrere Rituale – Kollegin G. zum Beispiel schreddert jedes Jahr voller Genugtuung ihren Schuljahreskalender, und ich stelle mir vor, wie sie dabei Freudentänze tanzt und Triumphgesänge grölt – mein erster Akt in den Sommerferien besteht stets darin, die Schulschlüssel vom Schlüsselbund abzumontieren. In diesem Jahr ging das nicht sofort, weil ich heute noch einmal in die Schule musste, um die Klassenblumen abzuholen. Die stehen jetzt im Garten und werden, wenn ich im Urlaub bin, versorgt von der Nachbarin von unten. Als ich das zerrupfte Aussehen mit der mangelnden Funktionstüchtigkeit meines Blumendienstes rechtfertigte, meinte sie nur: Das wollen wir doch mal sehen, ob wir die nicht wieder aufpäppeln können. Die Klassenblumen sind also offensichtlich in guten Händen.


Sportfest. Dramatische Wolken und die Erörterung der D-Frage.

Beim Sportfest am vorletzten Schultag überlegte meine Fünfte, ob sie mich nicht ab jetzt duzen könne, da man ja nun seit einem Jahr erfolgreich zusammenarbeite und gut miteinander auskomme. Das Ansinnen musste ich aus pädagogischen Gründen natürlich ablehnen, und sie wollten sich schier totlachen, als ich ihnen eröffnete, dass ich sie siezen werde, sobald sie die elfte Klasse erreichen.
Von den sechs Korrigierstiften meiner bevorzugten Marke, die ich am Anfang des Schuljahres gekauft hatte, ist ein fast leerer übrig. Ist das jetzt viel oder wenig? Im Chaos der letzten Tage ging mein Lieblingskugelschreiber verloren. Der Schreibtisch ist der letzte Ort in der Wohnung, den aufzuräumen ich mich zwinge; eigentlich bin ich ein ordentlicher Mensch, aber Schule und Systematik sind bei mir Antonyme. Nach dem Schreibtischaufräumen ist der nächste Punkt auf meiner Liste, eine Urlaubsliste zu schreiben – kein Urlaub ohne Liste, keine Liste ohne den Punkt Liste schreiben. Nur auf der Urlaubsliste fehlt der.
Ich mach hier also für eine Weile das Licht aus. Sie finden selbst heraus, wann es weiter geht, oder? Danke fürs Mitlesen, und bleiben Sie mir gewogen. Wiedersehen.

Spucker

Donnerstag, 24. Juni 2010

Ich kann es nicht glauben. Ferien.
Die Besichtigung meines nagelneuen Neffen war überfällig. Merkwürdige Kennenlernrituale pflegt der: Zuerst spuckt er mir auf die Schulter und grinst mich zahnlos an, dann kippt ihm der Kopf vornüber, und er schläft binnen Sekunden ein.
Nix los mit Kleinkindern.

Die Mühen der Ebene (20. Juni)

Sonntag, 20. Juni 2010

Sonntags arbeiten Lehrer eigentlich immer, weil sie den Unterricht für Montag vorbereiten müssen. Ich habe gar keinen regulären Unterricht mehr in den letzten drei Tagen vor den Ferien, aber trotzdem habe ich heute etwas getan, das mit Schule zu tun hatte. Meine Aufgabe ist es immer, die musikalischen Schulveranstaltungen für die Schul-Homepage und die lokalen Käseblätter zu besprechen, und also musste ich etwas schreiben über das Musical des Unterstufenchors, das gestern Abend zum ersten Mal aufgeführt worden war.
Das war eine eher langweilige Schreibaufgabe: Jeder muss gelobt werden, parataktischer Satzbau ist erwünscht, Witz nicht gefragt. Ein Verlaufsprotokoll des Schreibprozesses sähe so aus:

Ich habe offensichtlich schon ein bisschen angefangen nachzudenken, denn als ich mich an den Computer setze, kann ich sofort einen Satz hinschreiben, der auf jeden Fall drin sein muss. Einen zweiten Satz weiß ich auch schon, aber er hat nichts mit dem ersten zu tun. Ich lasse eine große Lücke und kümmere mich erstmal um die Bügelwäsche. Währenddessen denkt es anscheinend weiter in mir, denn beim nächsten Aufenthalt am Schreibtisch kann ich dem ersten Satz zwei weitere hinzufügen. Dann versuche ich an Baustelle zwei weiterzubasteln, produziere aber nur Halbsätze und einzelne Wörter. Also mache ich wieder was anderes und werfe nebenbei ab und zu einen Blick auf den Bildschirm. Irgendwann fällt mir eine Verknüpfung zwischen Baustelle eins und Baustelle zwei ein, ab dem Zeitpunkt geht es flott voran. Ich springe noch ein paar Mal auf, um diverse andere Dinge zu erledigen, produziere nebenbei aber erstaunlich kohärente Sätze. Für die Überschrift konsultiere ich die Partitur des Musicals, weil ich ein griffiges Zitat brauche, das das Stück angemessen zusammenfasst. Dann warte ich ein paar Stunden – eine Nacht wäre eigentlich das Minimum – bevor ich das Ganze nochmal lese. Ich finde drei dicke Fehler, korrigiere sie und schicke den Text ab.

Das ist ganz und gar anders als ich es meinen Schülern beibringe. Schon in Klasse 5 rede ich von Schreibplan und Struktur – erst überlegen, dann schreiben.
Ich hingegen schreibe total planlos, verlasse mich auf meine Intuition und den Computer, bin gänzlich unstrukturiert. Eben zum Beispiel habe ich gerade nebenbei ein Poesiealbum befüllt, getwittert und eine CD gebrannt– keine besonders guten Voraussetzungen für einen strukturierten, kohärenten Text.
Die Schreiberin in mir sagt: Tja. Die Lehrerin sagt: Nur wer die Regeln beherrscht, kann sie brechen.

Die Mühen der Ebene (19. Juni)

Samstag, 19. Juni 2010

Seit heute kann ich wieder von drinnen sehen, wie draußen das Wetter ist. Hat was.
Und falls Sie Vuvuzelaspieler oder -spielerin sind – hier sind Noten.

Die Mühen der Ebene (18. Juni)

Freitag, 18. Juni 2010

Es war ein Kampf gegen die Uhr. Um elf begann die Feier zur Entlassung der Abiturienten, um halb zwei das Fußballspiel. Zwar gibt es seit einigen Tagen eine Semi-Public-Viewing-Zone im selten benutzten Konferenzraum neben dem Lehrerzimmer, man musste also nicht erst nach Hause fahren. Die Frage war aber, ob die Veranstaltung rechtzeitig beendet sein würde.
Die Redner trugen auf ihre Weise zur Beantwortung dieser Frage bei. Der Festredner aus der Schulleitung behauptete, er habe die letzten Tage damit verbracht, seine Rede zu kürzen, und hielt dann doch einen dreiviertelstündigen Power-Point-Vortrag. Der Beitrag der Goldenen Abiturienten wurde spontan um den Vortrag zweier Jazz-Standards erweitert – unter anderem spielte ein Pianist mit acht Fingern, die restlichen zwei steckten in einem Verband. Der Silberne Abiturient sprach einfach sehr schnell. Die Abiturienten selbst sagten genau das, was sie sich vorgenommen hatten – meine Wette, dass sie Wassermetaphorik verwenden würden, habe ich glatt gewonnen. Der Elternvertreter erwähnte nur das Allernötigste und brauchte nicht länger als drei Minuten. Am besten war der Bürgermeister, offensichtlich ein Pragmatiker. Er sagte, nun sei es ja so, dass allen das Fußballspiel im Nacken sitze, und da wolle er seine Rede ein bisschen kürzen, er zitiere mal was aus dem letzten Absatz. Und siehe da, das Zitat habe ich behalten:
Das Leben kann man rückwärts verstehen, leben muss man es aber vorwärts (Kierkegaard).
Ich saß in der letzten Reihe, und als ich einmal zur Toilette ging, sah ich, dass die Zwölftklässler, die für den Sektausschank zuständig waren, in der Mensa Frisbee spielten. Neben mir saß Frau L. und sorgte für Stimmung. Weil ich ziemlich erkältet bin, fütterte sie mich pausenlos mit Hustenbonbons, und nebenbei machte sie fiese Bemerkungen über die Kleidung der Abiturienten. Als der achtfingrige Pianist Bye Bye Blackbird spielte, sang sie laut mit. Und als am Anfang die Abiturienten vor lauter Aufregung im Laufschritt in die Aula einzogen, kicherte sie so ansteckend, dass die ganze letzte Reihe mitlachen musste.
Die Veranstaltung war um Punkt halb zu Ende. Ich habe dann noch ein Glas Sekt getrunken und ein paar Leuten gratuliert, und als ich in den Konferenzraum kam, stand es zwei zu zwei. In Gelben Karten.

Nachtrag: Oh, und der Verein ist wieder aktiv. Großartig!

Die Mühen der Ebene (17. Juni)

Donnerstag, 17. Juni 2010

Schulwandertag: Ruhe in den Gängen, kaum Unterricht. Nur wenige Kollegen im Haus. Fortbildung für einen Teil der Fachgruppe Deutsch.
Implementierung hieß das Zauberwort – eigentlich eher ein Unwort. Die ersten Stunden waren zäh, man fragte sich ernstlich, was die eigentlich mit diesen sinnentleerten Begriffen meinen. Was nochmal müssen die Schüler wissen und können? Dann ging es ans Inhaltliche, damit kannten wir uns besser aus. Das Wikipedia-Prinzip. Im Übrigen fallen ja Kollegen in entsprechenden Situationen sofort in schülerhaftes Verhalten zurück („Ihr redet ja schon wieder über was anderes…“).
Am Nachmittag hatte ich ungewöhnlich viel Zeit. Zwar musste ich die Unterrichtsstunden Nr. 2 und 1 vor Beginn der Ferien vorbereiten. Aber ich konnte die Zeitung von vorne bis hinten durchlesen, ich konnte einkaufen, und ich konnte eine kleine Runde drehen auf dem Rad in der Sonne.

Die Mühen der Ebene (16. Juni)

Mittwoch, 16. Juni 2010

Ich habe heute einen 18-jährigen Jungen zum Heulen gebracht, das ist der vorläufige Höhepunkt in meiner Karriere als Kinderschänderin. Außerdem habe ich drei mündliche Abiturnachprüfungen protokolliert, zweiunddreißig Zeugnisse geschrieben und die Unterrichtsstunden Nr. 6 bis 3 vor den Ferien absolviert.
Die Entschädigung für all das war ein sehr niedliches nachträgliches Geburtstagsständchen meiner Klasse: Als ich den Klassenraum betrat, war es still, ziemlich dunkel, und es war kein Mensch zu sehen. Plötzlich, in einem Akt choreografischer Perfektion, öffneten sich sämtliche Vorhänge auf einmal, und von den Fensterbänken purzelten lauter Viel Glück und viel Segen singende Kinder. In der Zeit, die sie brauchten, um die Schokolade zu essen, mussten sie sich allerdings anhören, was Bloomsday ist.