Archiv Juli 2010

U.

Samstag, 31. Juli 2010

Gedöns

Mittwoch, 28. Juli 2010

Als ich vor den Ferien überlegte, was ich mit meiner Klasse am Wandertag unternehmen könnte, schlug Frau L. – originell wie immer – vor, zur Kultstätte des Heidedichters zu pilgern und dort seine Gedichte zu rezitieren. Ich verwarf das umgehend, mit Verweis auf den eher geringen, für elfjährige Kinder überhaupt gar nicht erkennbaren Spaßfaktor.
Allerdings plagte mich die Erinnerung an dieses Gespräch so lange, bis ich die traurige Wahrheit endlich zugeben konnte: Schon im dritten Jahr bin ich Heidegermanistin, und noch immer habe ich keine Ahnung von Hermann Löns.
Darum war ich, als derletzt ein Ausflugsziel gesucht wurde, sofort dafür, seinen Gedenkstein zu besichtigen. Wäre Frau L. mitgekommen, sie hätte uns aus dem Stegreif zehn Löns-Gedichte auswendig aufsagen können, und nach ein bisschen Nachdenken nochmal zehn. So mussten wir uns damit begnügen, die Informationstafel neben dem Stein zu lesen. Sie war ernüchternd. Offensichtlich hat Löns nur ein einziges Jahr in der Lüneburger Heide gelebt. Weder wurde er hier geboren, noch ist er hier begraben. Seinen Ruf als Heidedichter hat er wohl eher eingefordert als erarbeitet.
Das machte mich nun doch neugierig, deshalb guckte ich zu Hause im Kindler nach. Was dort stand, war ebenfalls wenig schmeichelhaft, ich zitiere mal ein paar Halbsätze: „Hermann Löns, ein verspäteter Romantiker, der seine schwärmerischen Neigungen in der Pose männlicher Härte bekämpfte…“ – „Löns, der sich gern als Dichter der Lüneburger Heide feiern ließ…“ – „Löns’ lyrisches Werk verweigert sich den Entwicklungen der Moderne und schließt an die Texte seiner literarischen Vorbilder an […]. Strophenbau und Reimschemata folgen vom Frühwerk an konventionellen Mustern des Volkslieds, die Metaphorik schöpft immer wieder aus dem gleichen Bildvorrat. […] Nach 1945 gerieten die Texte weitgehend in Vergessenheit.“
Als ordentliche Heidegermanistin sollte ich mir nun ein Gedicht vornehmen und es nach allen Regeln der Kunst analysieren, um das mittlerweile entstandene Vorurteil zu stützen oder zu widerlegen, je nachdem. Nur habe ich dazu keine Lust. Lyrik ist ohnehin nicht meine Gattung, ich lese Gedichte wie ich Musik höre – willkürlich, emotional, rein geschmacksorientiert. Ich habe jetzt eine Ahnung von Hermann Löns, und ich zitiere einfach mal ein Löns-Gedicht und vertraue darauf, dass Sie das schon beurteilen können. Und ich werde mal Frau L. fragen, was sie an Löns gut findet.

Sommer

Über die Heide ziehen Spinneweben
Von Halm zu Halm ihr silberweißes Tuch,
Am Himmelsrande weiße Wölkchen schweben
Und weißes Wollgras wimpelt überm Bruch.

Es glüht die Luft wie ein Maschinenofen,
Kein Menschenleben regt sich weit und breit,
Der Baumpieper nur schmettert seine Strophen
Und hoch im Blau der Mäusebussard schreit.

In rosa Heidekraut den Leib ich strecke,
Das Taschentuch ich auf die Augen breit’,
Weit von mir ich die schlaffen Glieder recke
Und dehne mich in süßer Müdigkeit.

O Grabesschlaf, wollüstiges Genießen!
Wenn dieser müde Menschenleib verwest,
Wenn die Atome auseinanderfließen
Und Glied an Glied sich reckend, dehnend löst.

Guten Tag, Herr Schröder

Dienstag, 27. Juli 2010

Das Ende der Sommerferien naht. An einem Tag gegen Ende der Ferien – sobald das neue Schuljahr begonnen hat, fehlt dafür die Zeit – muss man unweigerlich große Mengen Schulbücher und anderen Kram kaufen, den man noch braucht. Das Zentralabitur schreibt Themen vor, in denen man sich womöglich überhaupt nicht auskennt, man benötigt Sekundärliteratur, Lehrerhandreichungen, didaktisiertes Material, Anregungen eben, man möchte nicht jedes Jahr das Rad neu erfinden. Man kriegt Rabatt und man kann das alles von der Steuer absetzen, aber man gibt erstmal Unsummen dafür aus.
Ich reise zu diesem Zweck mit der Bahn in die Landeshauptstadt. Die Zugbegleiter der Metronom-Züge sind bekannt für ihre geschwätzige Originalität. Auf der Hinfahrt sagt einer ein Gedicht auf, das erklärt, warum der Alkoholkonsum im Zug verboten ist. Auf der Rückfahrt gibt es eine Durchsage für die zusteigenden Fahrgäste: „Dieser Zug ist kein Adventskalender. Man kann bedenkenlos alle Türen öffnen.“
In Hannover muss ich zuerst zur Bank meines Vertrauens, damit ich die Bücher auch bezahlen kann, und dort treffe ich auf Herrn Schröder – Sie wissen schon, den ehemaligen Bundesschröder. Eigentlich dachte ich, er arbeitet in Russland, aber vielleicht hat er ja zur Erledigung von Bank- und anderen Geschäften ein paar Tage freigenommen. Er sieht aus wie im Fernsehen und wird angestarrt und beständig von wildfremden Leuten gegrüßt, der Ärmste, aber er grüßt gleichbleibend höflich zurück. Ich gucke natürlich diskret woanders hin.
Für Schulbücher, Folienstifte, Korrigierstifte, Papier gebe ich Unsummen aus und ärgere mich wie jedes Jahr darüber, dass Lehrer die meisten ihrer Arbeitsmaterialien selbst bezahlen müssen. Wo gibt es denn sowas? Schlimm genug, dass mein Arbeitgeber mir kein Büro zur Verfügung stellt, in dem ich meine Arbeit erledigen kann, die eben nur zur Hälfte aus Unterricht besteht.
Erst auf der Rückfahrt erinnere ich mich daran, dass Herr Schröder einmal die These geäußert hat, Lehrer seien faule Säcke. Er war ganz offensichtlich nicht informiert über die zweite Hälfte, die Vorbereitung, die Konferenzen und Besprechungen, das Korrigieren. Wäre mir das früher eingefallen, ich hätte ihn freudig gegrüßt.

Blumen, Technik und ein bisschen Musik

Montag, 26. Juli 2010

Die Nachbarin von nebenan geigt.
Die Nachbarin von unten hingegen hat die ihr anvertrauten Klassenblumen schändlich vernachlässigt, sie sehen noch zerrupfter aus als wenn sie von meinem Blumengießdienst gepflegt worden wären. So langsam entwickle ich echtes Mitgefühl mit den bedauernswerten Gewächsen.
Weil mein Internetz samt Telefon nicht mehr funktioniert und ich inzwischen eingesehen habe, dass ich das nicht selber reparieren kann, telefoniere ich länger mit dem Call-Center meines Telefonanbieters. Zuerst hänge ich eine Viertelstunde in der Warteschleife, dann spricht ein erfolgreich geschulter Mitarbeiter mit mir. Mit sanfter Stimme stellt er mir behutsame Fragen – Besitzt Ihr Telefon eine rote und eine grüne Taste? – und behandelt mich auch sonst, als sei ich geistig benachteiligt. Beflissen spiele ich mit – Nein, hier leuchtet überhaupt kein einziges Licht! – und am Ende tut er genau das, was ich von ihm will. Zum Abschied sagt er: Vielen Dank für dieses freundliche Gespräch.
Ich bin beileibe kein Technik-Freak, aber ein bisschen mehr Ahnung als die Nachbarin – die von nebenan, die geigende – habe ich schon. Die berichtet von der Implosion ihres zwölf Jahre alten Fernsehers und äußert im selben Atemzug die Hoffnung, es sei nur die Glühbirne durchgebrannt, die den Hintergrund beleuchtet.

Perlen gotischer Baukunst (15)

Sonntag, 25. Juli 2010

Eine ausgewachsene Sau liegt schnaufend im Mittelgang des Busses. Auf der anderen Seite, im Durchgang, steht ein kleiner Junge mit einer Angel, von der ein toter, wenn auch ohne Zweifel frisch gefangener Fisch baumelt. Bei jedem Ruck, den das Gefährt macht, und die Fahrt besteht aus nichts anderem, berührt der Fisch, feucht, doch nicht kühl, meinen Arm und manchmal auch meine abgewandte Wange. E. hat einen Sitzplatz am hinteren Ende gefunden […]. Auf einem ihrer Füße sitzt ein kleiner alter Mann, offensichtlich sehr angeheitert. Er hat neben sich auf dem Boden einen Steinkrug stehen, den er von Zeit zu Zeit an die Lippen setzt, eine Operation, die das ganze Fahrzeug mit starken Alkoholschwaden überflutet. Manchmal knallt er den Krug wieder auf den Boden, manchmal aber auch auf E.s freien Fuß. Sie stöhnt und verrenkt sich, hat aber nicht genügend Platz, sich ihm zu entwinden. Der alte Mann wirkt freundlich.

Sybille Bedford, Zu Besuch bei Don Otavio, S. 125/126

Ich liebe Sybille Bedford, sie schreibt hinreißend. Dieses Buch ist ihr erstes, ein Bericht über eine Mexiko-Reise Ende der 1940er Jahre, den sie selbst einmal als Roman bezeichnet hat – also wie bei Sedaris, die Hälfte erfunden. Auch sie versteht es, winzige Alltagsmomente in erlesenster Diktion mit einer Distanziertheit zu schildern, die ganz Mexiko und alle seine Bewohner absurd erscheinen lässt. Dabei wahrt sie allen gebührenden Respekt: Sie macht sich kein bisschen lustig, und selbst wer sich überhaupt nicht für Mexiko interessiert, weiß hinterher eine Menge mehr über das Land.

Perlen gotischer Baukunst (14)

Samstag, 24. Juli 2010

“What’s next?“, Alexander asks Melissa, as they leave another meeting.
“Nothing. Home time,“ she replies.
He smiles. “And tell me, have you ever gone home at five thirty?“
She shrugs. “Not that I can remember but, then, I’m hardly your role model.“ She walks with him to the exit. “Go on home,“ she says. “If you feel like it, I’d love to meet you back here tomorrow. But only if you’re up for it.”
“What sort of time?” He steps into the glass elevator.
“Since you ask, nine sharp,” she says, with a smile, and the doors close.

Shamim Sarif, Despite the Falling Snow, S. 337

Dieses Buch lungert, nachdem ich es durchgelesen habe, noch eine Weile in meinem Kopf herum und ich weiß nicht, warum. Nun gut, schreiben kann sie, keine Frage, aber die Geschichte stört mich – erstens steht sie im Präsens, zweitens scheint sie am Reißbrett entworfen: zu berechenbar dramatisch, die Liebesgeschichte zu übertrieben. Ein Spionageroman, schon wieder, spielt im Russland Chruschtschows und in den USA der Gegenwart. Ein alter Russe ist das Bindeglied, er flieht 1959 bei einer USA-Reise, seine Frau, die in Russland für Amerika spioniert, soll ihm folgen, stirbt aber kurz vorher unter mysteriösen und ungeklärten Umständen. Leute aus der Gegenwart wollen diese Umstände erhellen, reisen nach Moskau, treffen die entscheidende Person, und die ganze emotionale Dramatik der Ereignisse kommt ans Tageslicht. Mir ist das zu dick aufgetragen, dieses Chaos großer Gefühle: Liebe, Vertrauen, Freundschaft, Verrat. Außerdem merkt man deutlich, dass die Autorin wenig Ahnung hat von der Zeit, über die sie schreibt – als Geschichtsbuch ist der Roman untauglich. (Von einem Roman zu sagen, man könne ihn an Stelle eines Geschichtsbuchs lesen, ist nicht das schlechteste aller Komplimente.)
Vielleicht ist es die Liebesgeschichte in der Gegenwart, die mir irgendwie nachgeht. Die ist zwar auch klischeehaft angelegt, aber so rudimentär erzählt, dass genug Lücken für die eigene Vorstellung bleiben.

Das Gegenteil eines Schweißtropfens

Freitag, 23. Juli 2010

Wir haben immer noch Ferien, und am gefühlt heißesten Tag des Jahres machen wir eine Fahrradtour – die zwei Lieblingskollegen und der Besuch, ehemalige Kollegin, aber vor meiner Zeit. Ich kenne sie, weil sie öfter zu Besuch kommt, sie hat sich nicht wegen der Anstalt oder der Leute versetzen lassen, sondern wegen der Provinz, zuerst war sie in Osnabrück, jetzt ist sie in Oldenburg, unter Großstadt versteh ich was anderes, aber egal.
Sie äußert den Wunsch nach einer Fahrradtour. Wir sind höfliche Gastgeber, organisieren ihr ein Fahrrad und fahren los. Es ist brütend heiß, wir kennen uns auch nicht so richtig gut aus, die Karte ist nicht auf dem neuesten Stand, wir fahren ein paar Umwege. Wir haben viel zu reden, denn alle waren im Urlaub und haben sich länger nicht gesehen. Wir trinken Wasser, quasi pausenlos.
Irgendwann ist das Wasser alle und der Boden von einer Beschaffenheit, wie ich sie von rund um Berlin kenne – Sand. Wir müssen schieben. Dann kommen wir durch ein Dorf, in dem eine weitere Kollegin wohnt, hoffen, dass sie uns auf ihren nagelneuen teuren Gartenmöbeln, deretwegen sie einen handfesten Streit mit ihrem Freund auszufechten hatte, mit frischem Wasser bewirtet, allein – sie ist nicht da. Im Urlaub, wie es ihr gutes Recht ist. Wir schreiben ihr eine lustige Nachricht, schieben weiter, und weil wir alle wissen, wie schlimm es ist, wenn bei einem Ausflug die Stimmung kippt, bleiben wir heiter und reden eben einfach weniger.
Ein paar Kilometer weiter befinden wir uns zwar wieder auf einem befahrbaren Weg, aber die beiden Lieblingskollegen haben jetzt ausdrücklich und demonstrativ schlechte Laune. Nur der Besuch und ich glauben noch daran, dass nach der nächsten Kurve rechts die Straße zu den Teichen abzweigen wird. Die Teiche. Dort wollen wir baden, denn es ist heiß.
Die Abzweigung kommt nicht, sie ist einfach nicht da. Wir fahren weiterhin geradeaus und landen schließlich in einem Ort, den wir kennen, weil wir da mit dem Auto durchfahren, wenn wir in die nächste Stadt wollen. Das Flüsschen, das die Teiche speist und auf dem man hervorragend paddeln kann, fließt durch diesen Ort. Die schlecht gelaunten Kollegen hinten legen plötzlich an Tempo zu. Sie überholen uns, missachten die Tatsache, dass ich den Weg zu den Teichen doch noch entdecke, eilen in Richtung Fluss, werfen die Fahrräder achtlos hin, entkleiden sich im Laufen und springen hinein. Der Lieblingskollege fühlt sich bemüßigt, seinen Kopf ins kühle Wasser zu tunken – genau dort, wo die Strömung am stärksten ist – vergisst dabei allerdings, dass er seine Brille noch trägt. Die ist beim Auftauchen weg und der Kollege fast blind.
Er hat sehr schlechte Augen, deshalb stimmt fast blind. Es beginnt eine ernsthafte Brillen-Suchaktion, in die auch zufällig anwesende Badegäste eingebunden werden – gefunden wird nichts. Der Kollege sieht wirklich wenig und kann nicht weiter Fahrrad fahren. Es beginnt eine komplizierte Auto-Rückhol-Fahrrad-Überführungsaktion, in deren Verlauf ich, weil ich überhaupt die einzige Nicht-Brillenträgerin bin, noch einmal mit einer Taucherbrille den Grund des Flüsschens absuchen muss. Ich sehe alles Mögliche, auch Dinge, die man in einem Fluss nicht vermuten würde, aber nicht die Kollegenbrille.
Später sitzen wir in einer der Lokalitäten in unserem Ort, damit niemand, der nicht gut sieht, auf die Idee kommen muss, etwas zu kochen. Eine Ersatzbrille hat er nämlich nicht. Die Stimmung ist gedrückt. Der Besuch fühlt sich schuldig und entwirft Pläne für den nächsten Tag: Augenarzt, Notfall, neue Brille. Welche Geschichte wir der Sprechstundenhilfe erzählen – Brille in Fluss gefallen klingt irgendwie inkompetent.
Am nächsten Tag fahren wir um sieben Uhr morgens los, um vor acht in der Stadt beim Augenarzt zu sein. Die dramatischen Geschichten vom Vorabend erzählen wir lieber nicht, sondern murmeln etwas von Brille und total zerstört. Es funktioniert, um halb neun stehen wir beim Optiker und finden eine sehr schicke neue Brille für den Kollegen. Danach kaufen wir noch alles Mögliche ein, machen sogar eine weitere Radtour, es ist auch längst nicht mehr so heiß, und freuen uns über die wiederhergestellte gute Stimmung. Und darüber, dass man an Ferientagen einfach mal etwas tun kann, das man sonst nicht macht.
Bei der entscheidenden ersten Radtour sind übrigens noch weitere kleinere Katastrophen passiert, die ich mal lieber unerwähnt lasse. Nur die Überschrift sollte ich noch erklären: Dem Besuch flog in einer der Trinkpausen, als noch Wasser vorhanden war, etwas unter den Rock. Sie errötete und tat kund, sie müsse mal kurz… ihr sei da gerade etwas… und so weiter. Jemand schlug vor, das sei womöglich nur ein Schweißtropfen. Worauf der Besuch erwiderte, nein, es sei genau das Gegenteil eines Schweißtropfens.
Während sie sich des Eindringlings entledigte, diskutierten wir anderen die Frage, was wohl das Gegenteil eines Schweißtropfens sein könnte. Später stellte sich heraus: Das Gegenteil eines Schweißtropfens fließt nicht herab, sondern krabbelt hinauf. Logisch, oder?