Archiv Juli 2010

Perlen gotischer Baukunst (13)

Freitag, 23. Juli 2010

Als der Zug in die Station einfuhr, musste ich an einen Nachmittag vor zehn Jahren denken. Damals war ich mit meiner Schwester Amy in der Chicagoer Hochbahn unterwegs gewesen. Sie musste drei oder vier Stationen vor mir aussteigen. Als sich die Türen öffneten, war sie aus dem vollbesetzten Wagen gestiegen, hatte sich umgedreht und gerufen: „Tschüss, David, und viel Glück vor Gericht mit dieser lästigen Vergewaltigungsklage.“ Sämtliche Fahrgäste hatten sich umgedreht und mich angestarrt. Einige schienen neugierig, andere erschrocken, aber die große Mehrheit schien mich mit einer Leidenschaft zu hassen, wie sie mir nie zuvor begegnet war. „Das war meine Schwester“, hatte ich gesagt. „Die macht gern so Späßchen.“ Ich lachte und grinste, aber es half alles nichts. Jede Geste schien meine Schuld nur noch zu vergrößern.

David Sedaris, Ich ein Tag sprechen hübsch, S. 292/293

Ein Vormittag – schwupps, war es durchgelesen. Laut gelacht beim Lesen, das passiert nicht oft. Ein Buch für Blogger, das die Frage beantwortet, wie man sein Leben so beschreibt, dass es interessant und komisch erscheint und lesenswert für andere. Ich bin sicher, die Hälfte ist erlogen, aber so überzeugend, dass man ihm alles glaubt. Ich bewundere Autoren, die aus den kleinsten Alltagsereignissen die interessantesten Geschichten machen können. Am besten finde ich Schwester Amy. Und als nächstes lese ich Naked.
Die Übersetzung liest sich übrigens, als sei sie in großer Hast hergestellt worden – falsche Präpositionen sind mir öfter aufgefallen, und zuweilen seltsame Satzbauten. Auf dem Titel steht, sie sei von „Georg Deggerich & Harry Rowohlt“, und erst auf der Rückseite des Vorsatzblattes erfährt man: „Die Titelgeschichte wurde von Harry Rowohlt übersetzt, alle übrigen Übertragungen: Georg Deggerich“. An der Titelgeschichte ist sprachlich nichts auszusetzen.

Perlen gotischer Baukunst (12)

Donnerstag, 22. Juli 2010

We should reach Esens at 8.50. Would they drive, as von Brüning had done a week ago? I tightened my belt, stamped my mud-burdened boots, and thanked God for the Munich beer. Whither were they going from Bensersiel, and in what; and how was I to follow them? These were nebulous questions, but I was in fettle for anything; boat stealing was a bagatelle. Fortune, I thought, smiled; Romance beckoned; even the sea looked kind. Ay, and I do not know but that Imagination was already beginning to unstiffen and flutter those nerveless wings.

Erskine Childers, The Riddle of the Sands, S. 74

Einer der ersten Spionageromane überhaupt, erschienen 1903. Er handelt vom Segeln und von möglichen Kriegsszenarien zwischen Deutschland und England. Der Krieg ließ ja noch eine Weile auf sich warten, und das Problem, um das es Childers ging – Invasion Englands durch eine deutsche Flotte – war dann gar nicht das zentrale. Was dieses Buch lesenswert macht, besonders, wenn man gerade auf einer ostfriesischen Insel weilt, ist die Beschreibung der Inseln, des Wattenmeers, des ostfriesischen Festlands. Auch die wandlungsfähige Beziehung zwischen Davies, dem Eigner der kleinen Jacht, in der gesegelt wird, und Carruthers, dem anfangs reichlich arroganten Segelgast, ist die Lektüre wert. Angeblich hielt Childers, seine propagandistischen Zwecke im Kopf, die Figur der Clara Dollmann für total überflüssig – ich hingegen finde, sie muss unbedingt mitspielen. Und die drei Kapitel, in denen Carruthers als deutscher Skipper verkleidet zu Fuß durch Ostfriesland zieht, sind großartig. Ich würde gerne mal seinen Weg nachverfolgen und herausfinden, ob man in der Zeit tatsächlich diese Strecke schaffen kann.

Perlen gotischer Baukunst (11)

Mittwoch, 21. Juli 2010

Die Perlen gotischer Baukunst waren ja eigentlich ein Witz, aber ich belebe sie hiermit neu, um die Urlaubslektüre unterzubringen. Die Regel war ja, wenn ich mich recht erinnere, etwas aus der Mitte von Büchern zu zitieren. Mach ich doch gerne.

But there were no boys. And the girls were rehearsing for a Christmas show Miss Vista had entitled Meadowsweet. The dancers had been divided into three groups; one group were buttercups, another scarlet pimpernels, the third thistledowns. “Welcome in, Mary,” said Miss Vista, “you can join the thistledowns. Just follow what they do.”

Rose Tremain, Sacred Country, S. 47

Ein guter Roman. Anders als dieses Internetz behauptet, geht es nicht nur um das Mädchen Mary, das im Alter von sechs Jahren weiß, dass es eigentlich ein Junge ist. Sondern das eigentliche Thema ist der Gefühlsterror, den ein exemplarisches englisches Dorf in Suffolk auf die jüngere Generation ausübt, die Lieblosigkeit, die emotionale Grausamkeit, die vorgezeichneten Lebensläufe, die Hoffnungslosigkeit. Und es geht um die mehr oder weniger erfolgreichen Befreiungsversuche, die diese Generation unternimmt, um den unmenschlichen Bedingungen zu entkommen. Die Handlung erstreckt sich von den 50ern bis in die 70er Jahre, und am Ende sind alle dem Dorf entflohen und auf ihre Art zufrieden.
Die beste Szene im Buch ist die, in der Mary den Auftritt der Dorfkindertanzgruppe aus Protest statt in rosafarbenen Ballerinas in Gummistiefeln absolviert: „…you cannot walk lightly in a wellington…“

Randnotizen aus der Sommerfrische

Montag, 19. Juli 2010

Unter anderem bei Thomas Mann begegnet man dem Begriff Sommerfrische. Der passt. Auf der Insel fahren keine Autos, das macht die Luft sauber und die Stille groß. Frisch sind das Meerwasser und die Luft morgens.
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Ohnehin ist der Ferienmorgen das Beste überhaupt, darüber müsste man mal einen Essay schreiben. Der müsste beginnen mit dem Aufwachen und den zweifelhaften Verpflichtungen, die man sich für diesen Tag vorgenommen hast. Die lassen sich jederzeit über den Haufen werfen, wenn man will, der Tag birgt morgens noch alle Möglichkeiten in sich. Besonders, wenn die Sonne scheint. Man kann etwas tun, oder man kann gar nichts tun, man kann dasselbe tun wie gestern oder etwas ganz und gar anderes. Ganz wie man will. Der Essay müsste unbedingt ein Johnson-Zitat enthalten: „Der Tag roch nach jungem Gras in der Sonne“, und er müsste gipfeln in der These, das Allerbeste überhaupt sei ein Morgen in den Sommerferien, der mit einem Bad beginnt. Es ist gerade einmal sieben, niemand anders ist wach, die Sonne scheint, das Wasser ist frisch. Glück.
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Auf der Busfahrt sehe ich, dass in einem Ort alle Fußgängerampeln Haltegriffe haben, damit die Fahrradfahrer beide Füße auf den Pedalen behalten können. Das ist mal praktisch.
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Das Gute an Weltmeisterschaften ist nicht nur, dass guter Fußball gespielt wird, sondern dass gut darüber geschrieben wird. Steht in der Süddeutschen über einen gewissen ghanaischen Torwart: „Bei Fernschüssen hatte er nicht selten Probleme, im Strafraum irrte er manchmal umher wie ein Bustourist, der seine Reisegruppe verloren hat, und bei hohen Flanken schlug er gelegentlich so energisch in die Luft, dass diese womöglich Schmerzen litt.“
Aus ganz anderen Gründen habe ich großes Mitleid mit Ghana.
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SZ: „Klose spricht so leise, dass man ihn sich gern ans Ohr halten würde.“
Ich kann mir nicht helfen, ich finde Frau Merkel großartig, wie sie da so auf der Tribüne sitzt, zwischen lauter Männern, die alle für Argentinien sind, und bei jedem Tor erneut sehr erstaunt guckt, dann aufsteht und babyhaft jubelt, Fäuste nicht höher als der Kopf, damit die Jacke nicht zu hoch rutscht, und beim Hinsetzen jedes Mal einen entschuldigenden Seitenblick auf die sie umgebenden versteinerten Männer wirft. Das ist gekonntes weibliches Understatement.
Nach dem Viertelfinale gibt es Fahrradkorso. Und es gibt einen Laden, der Vuvuzelas verkauft und ungefähr drei Leute haben eine gekauft. Hey hey!
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Die Insel ist übrigens beträchtlich geschrumpft. Nur die Sandbänke im Norden sind größer geworden.
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Und jetzt bin ich wieder zu Hause, es ist heiß, kein Meer in der Nähe, mein Fahrrad ist verstaubt und mein Internetz kaputt. Ich glaube, es ist Zeit für die Ferienenddepression.