Frau L. ist eine Bildungsbürgerin und ein Original, das haben Sie schon mitbekommen. Sie hat keine Lust auf die Kurzen, kann aber gut mit neunten und zehnten Klassen. In diesem Schuljahr hat sie unter anderem eine Neunte in Englisch, und irgendwie – man weiß nicht genau, wie – kam sie dort auf eines ihrer Herzensthemen: deutsche Volkslieder.
Sie fragt dann immer, welche Volkslieder die Schüler so kennen und tut entsetzt ob deren Ahnungslosigkeit. Danach singt sie welche vor, und wer die kennt, soll sich melden. Bei Muss i denn melden sich anscheinend ein paar, jedenfalls lässt sie das Internetz anwerfen und die Elvis-Presley-Version mit der Puppe suchen – immerhin handelt es sich um Englischunterricht. Gnadenlos zwingt sie den pubertierenden Haufen zum Mitsingen, und als Hausaufgabe sollen sie den Text auswendig lernen. Auf den wilden Protest hin sagt sie nur, alles reime sich, und man könne es sich leicht merken.
Treat me nice
Treat me good
Treat me like you really should
‘Cause I’m not made of wood
And I don’t have a wooden heart
Allerdings hat sie ein schlechtes Gewissen wegen der Grammatik. Das müsse sie wohl nochmal erklären.
In derselben Pause, in der sie dies erzählt, kommen wir – wieder weiß man nicht genau, wie – auf Verhörer in Liedtexten, weißer Neger Wumbaba und so, und Frau L. hat aus dem Stegreif zwei großartige beizusteuern.
Den alten Freddy-Quinn-Schlager Die Gitarre und das Meer verstand sie jahrelang so:
Jimmy Braun, das war ein Seemann,
Und sein Herz war ihm so schwer,
Doch es lieben ihn zwei Freunde:
Die Gitarre und das Meer.
Jimmy wollt’ ein Mädchen lieben,
Doch ein andrer kam daher,
Und als Trost sind ihm geblieben,
Die Gitarre und das Meer.
Juanita hieß das Mädchen,
Aus der großen fernen Welt.
Und Solenta die Gitarre,
Die er in den Armen hält.
Solenta ist ein gediegener Name für eine Gitarre, verschleiert aber die Tatsache, dass Jimmy Braun in Wirklichkeit die Gitarre so nennt wie das Mädchen, nämlich auch Juanita.
Auch war Frau L. sehr überrascht und ein bisschen enttäuscht, als sie nach Jahren erfahren musste, dass im Lied The Sounds of Silence von Simon & Garfunkel gar keine Person namens Douglas mitspielt.
Hello Douglas, my old friend,
I’ve come to talk with you again
Und dieses Gespräch hat mich dazu gebracht, nach sehr langer Zeit mal wieder Simon & Garfunkel zu hören.