Archiv September 2010

Gelogen

Mittwoch, 22. September 2010

Was du hier hörst,
ist kein Gedicht,
ist endlos lang
und reimt sich nicht.

Paul Maar

Die Hübschigkeit der Schauspieler (6)

Sonntag, 19. September 2010

Die Spielwütigen, 2003, mit Prodromos Antoniadis, Constanze Becker, Karina Plachetka, Stephanie Stremler

Die Hübschigkeit der Schauspieler spielt bei der Auswahl dieses Mal keine Rolle, sondern allein das Genre. Andres Veiel macht spannende Dokumentarfilme, soviel ist mal sicher. Die Großmutter von Karina Plachetka ist aber ziemlich hübsch, wie sie da so im Friseursalon sitzt, frisch frisiert und weise lächelnd. Den Friseursalon allerdings gibt es nicht mehr.
Eigentlich muss man diesen Film drei Mal sehen, das erste Mal so wie er ist, das zweite Mal mit dem Kommentar der vier Beteiligten, das dritte Mal mit dem Kommentar des Regisseurs. Interessant sind die Stellen, an denen die Grenze zwischen Dokumentar- und Spielfilm verschwimmt. Da verpfändet Prod in einem Pfandleihhaus am Kotti seine Gitarre – in Wirklichkeit nie passiert, aber total repräsentativ für seine Situation zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Schauspielstudiums. Erlaubt oder absolut verboten für einen Dokumentarfilm?
Uns interessiert natürlich die Unterrichtssituation in der Schauspielschule, weil wir in einer vergleichbaren Position sind. Zwar sind wir kein Eliteinstitut wie die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, aber auch wir greifen ein in die Persönlichkeiten junger Menschen. Dürfen wir das überhaupt?
Ein Film über das Erwachsenwerden ist das in Wirklichkeit.

Treffen sich zwei Schafe

Dienstag, 14. September 2010

Der erste Blick morgens aus dem Fenster zeigt: Regen. Die Zeitung im Briefkasten fühlt sich deutlich feucht an. Es regnet auf dem Weg zur Arbeit, es regnet am Vormittag, wann immer man aus dem Fenster guckt, es hört überhaupt nicht auf zu regnen. Das Jahr 2010 ist offensichtlich ein äußerst konsequentes, das auf dem akkuraten Vollzug seiner Jahreszeiten besteht: Im Winter war es sehr kalt, im Sommer sehr heiß, und im Herbst regnet es eben ausgiebig. Auch jetzt regnet es, und zwar nicht schon wieder, sondern immer noch.
In der Anstalt wird gejammert, was das Zeug hält. Jemand wünscht sich ein Bett, wer anders stöhnt über Kopfschmerzen, und alle schimpfen über das Wetter. Frau L. übt sich im Rückwärtserzählen von Witzen.
Wir verabreden uns zum Filmabend, wer später dazukommt und nicht weiß, worum es geht, hört eine Diskussion darüber, ob es um halb acht schon dunkel genug sei, oder ob man sich später treffen müsse… wer dran sei… was mitzubringen sei… Ein nächtliches Beschwörungsritual, denkt der vielleicht, ein geheimer Kult zur Anbetung einer wundersamen Gottheit oder die rhetorische Gesellschaft Tunnel über der Örtze, die es sich zum Ziel gesetzt hat, bei Dunkelheit Witze rückwärts zu erzählen.
Angemessener allerdings wäre es, das Jahr um Gnade und ein bisschen weniger Nässe zu bitten. Wir würden das notfalls auch tanzen.

11. September

Samstag, 11. September 2010

Am 11. September 2001 gegen 15 Uhr saß ich in der Küche einer Wohnung in Berlin-Friedrichshain und hörte zufällig Radio. Noch heute bewundere ich die Mischung aus höchster Konzentration und Kaltblütigkeit, mit der die Redakteure des Deutschlandfunk ihren Hörern in aller Sachlichkeit die Bedeutung der Ereignisse vermittelten. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, was eigentlich los war, niemand konnte nach dem ersten Flugzeug ahnen, was noch alles passieren würde. Dennoch hatten Fassungslosigkeit, Entsetzen, Betroffenheit keinen Platz in der Berichterstattung. Der Fakten habhaft zu werden und sie schnell und nüchtern zu verbreiten, war der Zweck dieser Sondersendung – nicht mehr und nicht weniger. Kein Überschlagen der Stimme, als das zweite Flugzeug in den Südturm krachte, kein fußballreportermäßiger Aufschrei beim Einsturz des einen und dann des anderen Turmes. Die Radiomacher im Studio setzten einfach auf die Ungeheuerlichkeit der blanken Fakten. Die reichte aus, um die Hörer in höchste Emotionen zu versetzen. Das war ein Höhepunkt deutscher Radiogeschichte, und ich ärgere mich bis heute, dass ich die Sendung nicht aufgenommen habe.
Ansonsten ist der 11. September für mich der Geburtstag von Tante Lisbeth. Fast jeder hat einen schwulen Onkel, und fast jeder hat eine Tante Lisbeth, bei mir war es die Großtante, Tante meiner Mutter. Tante Lisbeth war nach dem Krieg in russischer Gefangenschaft gewesen, sie hatte dort „den Russen“ und „den Polen“ kennengelernt und sprach gern und ausführlich über diese beiden. Auch über Nachkriegszeit, Wiederaufbau und Männermangel in den 50er und 60er Jahren gab sie bereitwillig Auskunft.
Tante Lisbeth war außerdem bis Ende der 80er Jahre berühmt dafür, kein Telefon zu besitzen („Schnickschnack“), so dass man, wollte man sich mit ihr verabreden, lange vorher eine Postkarte schreiben musste und dann eine zurückbekam mit der Bestätigung des Termins. Auch besaß Tante Lisbeth einen Schrebergarten, in den ich mich flüchtete, wenn ich von zu Hause ausriss. Meine Eltern machten sich in diesen Fällen nie Sorgen, weil sie sicher wussten, ich war bei Tante Lisbeth. Nach einer einsamen Nacht in der kalten und muffigen Gartenlaube war meine Wut über was immer mich unerträglich aufgeregt hatte, stets zuverlässig abgekühlt, so dass ich die 25 Kilometer zurückradeln und zu Hause so tun konnte, als sei nichts gewesen.
Tante Lisbeth ist seit über zehn Jahren tot. Lebte sie noch, wir hätten heute eine großartige Feier zu ihrem dreiundneunzigsten Geburtstag veranstaltet – im Garten, versteht sich.

London

Donnerstag, 9. September 2010


Über Brücken gehen.


Please give horses a wide berth. Das muss Kunst sein.


Die Stacheln im Hintergrund sind die Halterungen vom Millenium Dome.


Aus Wachs natürlich.


Diese Wolke sieht ein bisschen aus wie Britannien, oder?


Fußgängertunnel unter der Themse.


Fürs Protokoll.

T

Donnerstag, 2. September 2010

Links und rechts neben mir in der Mensa saßen heute die beiden Kolleginnen, die fast gleich heißen, nur hat die eine noch ein T, wo der Name der anderen schon zu Ende ist. Die Vornamen sind unterschiedlich genug, aber wenn Schüler an der Lehrerzimmertür nach einer der beiden fragen, muss man sie schon mal bitten, den Namen nochmal ganz genau auszusprechen. Beide unterrichten Latein, beide finden häufig Papiere für die andere in ihren Fächern. Auf ihren Schulshirts steht Frau mit T bei der einen, Frau ohne T bei der anderen. Sie kommen gut miteinander aus, im Lehrerzimmer sitzen sie nebeneinander.
Beim Essen heute allerdings erzählten sie, wie gestern Frau ohne T Frau mit T mit ihrem Tee vertrieb. Frau mit T behauptete, es sei ein ganz und gar übel riechender Tee gewesen, dessen Anwesenheit am selben Tisch sie unter keinen Umständen ertragen könne. Frau ohne T hingegen schwärmte von ihrem Lieblingstee und beteuerte, ihn ab jetzt häufiger in die Schule mitbringen zu wollen. Das klingt nach einem Stellvertreterstreit – es geht gar nicht um den Tee, sondern um das T, das die eine nicht besitzt, aber begehrt, und das die andere verteidigt bis aufs Blut. Übrigens sind beide Namen auch als Substantive im Deutschen vorhanden und bezeichnen ein Spiel und ein Bauwerk – nicht die schlechtesten Namen, die es gibt.
Die wahre Ergänzung zu Frau mit T, das hat das Mittagessen heute auch ergeben, bildet Kollegin T. Die aß nämlich dankbar alle von Frau mit T verschmähten Erbsen und sortierte ihrerseits aus ihrem Mischgemüse sämtliche Möhren für Frau mit T aus.
Ich hingegen aß alles auf, was auf meinem Teller war, und trank ansonsten ziemlich viel Kaffee.