Das erste Wort

Mit zehn- oder elfjährigen Kindern über Sprache zu reden, ist immer ein Erlebnis.
Zum Beispiel: Genus. Bestimmte Artikel, was das ist, wissen alle, die lateinischen Bezeichnungen kennen sie nicht, und wir üben sie auszusprechen, so richtig altmodisch im Chor. Dann legen wir eine Tabelle an und suchen Beispiele, und es dauert ein bisschen, bis auch die Letzten „Bäume“ und „Stifte“ nicht bei femininum, sondern bei maskulinum einsortieren.
Als Beispiel für den Unterschied zwischen grammatischem und natürlichem Geschlecht benutze ich „das Mädchen“, wobei die Cleversten zuverlässig darauf kommen, dass Wörter, die auf -chen enden, immer neutrum sind – dann muss ich erklären, dass „Mädchen“ von „Maid“ oder „Magd“ kommt, und die sind wiederum femininum – erwischt.
Schließlich kommt der Satz über den Bären, der der Hexe hilft. Wieso steht da jetzt „der Hexe“, wo ihr mir doch vorhin erzählt habt, es heiße „die Hexe“? Die perplexen Gesichter in diesem Moment sind priceless. Zwar kennen sie die Fälle aus der Grundschule, aber es dauert eine Weile, bis sie drauf kommen.
Dass es im Englischen nur einen bestimmten Artikel gibt, wissen sie auch, und ich frage, warum es in verschiedenen Sprachen verschieden viele Genera gibt. Sie überlegen. Vielleicht seien die Engländer ja fauler als die Deutschen. Nein, umgekehrt, denn es seien doch die Deutschen, die Englisch als Fremdsprache lernen. Englisch sei ja Weltsprache, und deshalb sei es doch sinnvoll, diese Sprache so einfach wie möglich zu machen.
Wer eigentlich die Sprachen gemacht habe? Ich schlage vor, dass eine Kommission vor ungefähr 150 Jahren die deutsche, die englische, die französische Sprache erfand. Sie lachen mich aus. Sprache sei doch viel älter! Wie alt denn? Na ja, die Urmenschen hätten doch auch schon gesprochen. Von wem sie das eigentlich gelernt hätten, fragt jemand. Na, logischerweise von ihren Müttern und Vätern. Aber irgendwann muss doch mal jemand der Erste gewesen sein, der ein Wort gesprochen hat. Warum kam jemand auf die Idee, ein Wort zu sprechen? Und welches war das erste Wort?
Und so geht das weiter und lässt mich ein bisschen schwindelig zurück.


  1. Unglaublich spannend fand ich auch Talking Hands von Margalit Fox. Im Zentrum des Buches steht eine zur arabischen Minderheit in Israel gehörende Dorfgemeinschaft, in der aufgrund von Isolation und Inzucht gehäuft Taubstumme geboren werden. Weil das erst seit ein paar Generationen so geht, bietet sich die einzigartige Möglichkeit, einer Sprache beim Entstehen zuzusehen. Die dort von Taubstummen und Sprechende gemeinsam verwendete Zeichensprache ist auf der Welt einzigartig.
    Ein tolles, typisch angelsächsisches Sachbuch, aus dem ich als linguistischer Laie viel mitgenommen habe. Chomsky. Kreolsprachen. You name it.
    Und schon wieder zu 98% vergessen, gleich auf den SwB.

    Samstag, 30. Oktober 2010, 17:18 Uhr von Stephan

  2. Das kenne ich nicht, aber es klingt in der Tat sehr spannend.
    Im Linguistikstudium muss man sich statt dessen mit Herder und “dem Blökenden” beschäftigen, das ist sehr viel weniger anschaulich.

    Samstag, 30. Oktober 2010, 18:58 Uhr von nicwest

  3. Oh, wo ist denn mein erster Kommentar hin?

    Samstag, 30. Oktober 2010, 19:50 Uhr von Stephan

  4. Äh, hm?

    Samstag, 30. Oktober 2010, 20:07 Uhr von nicwest

  5. Merschwürdsch … ich hatte nur bemerkt, wie dankbar ich meiner Großmutter bin, dass sie mir in dem Alter “In Tante Julies Haus” von James Krüss geschenkt hat. Die eponyme Tante betreibt eine kleine Pension auf Helgoland, in der sich der kleine Boy, der gerade auf Heimaturlaub vom Festland ist, mit den Logiergästen zu Gespräche über eben diese Themen trifft: Woher kommen die verschiedenen Sprachen? Welches war der erste Laut (”ma”)?
    Alles etwas erwachsener als mit dem Urgroßvater, z.B. kommt das etymologische Wörterbuch vom klugen Dr. Kluge zum Einsatz.
    Wollte ich damals unbedingt haben, in unserer Kleinstadtbuchhandlung gab es natürlich nur den hellblauen Herkunftswörterduden. Mein Erwachsenen-Ersatz für “Tante Julie” und den “klugen Kluge” ist Limits of Language, ein Tipp von Herrn Rau.

    Samstag, 30. Oktober 2010, 20:27 Uhr von Stephan

  6. So ähnlich, aber aufs Deutsche begrenzt, ist wohl Das sonderbare Lexikon der deutschen Sprache - da kommt man aus dem Staunen nicht heraus.

    Sonntag, 31. Oktober 2010, 7:54 Uhr von nicwest

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