Archiv Oktober 2010

Hepp

Samstag, 16. Oktober 2010

Komisch, dass derzeit wieder ein Stöckchen kursiert, wo doch Stöckchen jahrelang sowas von Uralt-Web-2.0 waren, so ähnlich wie Second Life oder das Wort Blogosphäre. Ich persönlich war ja immer schon eine ernsthafte Verfechterin der Stöckchenkultur, auch wenn ich finde, es macht viel mehr Spaß, sich Stöckchen auszudenken als welche zu beantworten – das kann man zum Beispiel hier, hier oder hier sehen.
Um herauszufinden, ob die Leute alle nur mit ihrer Lektüre angeben wollen, oder ob es sich um eine echte Renaissance handelt, habe ich ein neues Stöckchen geschnitzt. Mal gucken, ob es sich verbreitet. Es heißt das Schonungslose Seelenstrip-Stöckchen.

1. Was hast du in der rechten Hosentasche?
2. Das zwölfte Wort in der viertletzten Mail, die du bekommen hast – wie heißt es, und was sagt es über dich aus?
3. Wärst du ein Limerick, welcher wärst du und warum?
4. Welche Taste auf deiner Computertastatur magst du am liebsten und warum?
5. Kannst du aus dem Kopf beschreiben, wie das Fliewatüüt aussieht?
6. Welche Assoziationen verbindest du mit dem Wort beba?
7. Beschreibe das vierte Kleidungsstück von rechts in deinem Kleiderschrank.
8. Wenn du dich zwischen einer Zwiebel, einem Eimer Wasser und einem Tintenkiller entscheiden müsstest, was würdest du wählen?
9. Schließe die Augen und nimm irgendetwas aus deinem Mülleimer. Was ist es und warum hast du es weggeworfen?
10. Was steht auf der Rückseite deiner Armbanduhr?

Eins habe ich übrigens auch mal beantwortet. Aber nur, weil ich nett gefragt wurde.


Nachtrag: Tour de Stock
isabo
Kollegin K.
adelhaid
alljustletters

Wer sich selbst eine Grube gräbt

Dienstag, 12. Oktober 2010

Seit dem Morgen klopft es unter mir. Ein einzelner Mensch, Mitarbeiter eines Gartenbaubetriebs, ist damit beschäftigt, um das Haus herum eine Bahn aus Katzenköpfen zu legen. Ein Viertel hat er geschafft, da kann man ausrechnen, wie lange es noch klopfen wird. Auch gräbt man seit Tagen hinter dem Haus eine Sickergrube, damit bei Regen nicht immer der ganze Garten unter Wasser steht, so wie in den letzten fünfzig Jahren.
Digitale Fotografien, vor Ort noch begutachtet, zu Hause auf wundersame Weise verschwunden – das ist fast so gruselig wie früher die gespenstischen Belichtungen auf einem Film, den man vergessen hatte einzulegen. Und ich kannte doch tatsächlich Hurz nicht.
Nachmittags habe ich für einige Stunden einen Toilettengast, die Nachbarin nämlich, die aus Gründen ihr eigenes Klo nicht benutzen kann, während sie auf den Klempner wartet. Jedoch ist mir verboten worden, darüber zu schreiben.
Im Ort wird indes ein Jahrmarkt aufgebaut, die Bushaltestelle „Ortsmitte“ ist eigens verlegt worden. Im Eiscafé wird ein Kleinkind gefüttert, aber es ist nicht das eigene. Eine ältere Dame mit irritierenden Kajal-Spuren auf den Augenlidern möchte sich in der Kassenschlange mit mir über Hundefutter unterhalten. Ich aber habe von Hundefutter keine Ahnung.

Kartoffelferien

Montag, 11. Oktober 2010

Das Wort Kartoffelferien gefällt mir, es suggeriert, dass wir im Herbst alle auf die Felder gehen und bei der Ernte mithelfen. Ich hätte nichts dagegen, schon gar nicht in einem goldenen Herbst wie diesem. Morgens läge noch Raureif, und man müsste Handschuhe anhaben, aber dann würde einem warm von der Arbeit. Frühstückspause könnte man im T-Shirt machen. Es wäre anstrengend, aber ein bisschen körperliche Arbeit zur Abwechslung täte allen gut. So wie in Anna Karenina:

Je länger Lewin mähte, um so häufiger wurden die Momente der Selbstvergessenheit, wo nicht die Arme die Sense führen, sondern umgekehrt die Sense den Körper zu regieren schien; den Körper, der voller Kraft und Leben war und seine Aufgabe wie durch Zauberei, und ohne sich dessen bewusst zu sein, erfüllte. Das waren die schönsten Augenblicke.

In Usbekistan ist bis heute jeder Bürger verpflichtet, sein Soll bei der Baumwollernte zu erfüllen. Im Herbst werden in den Dörfern Bettenlager für die anreisenden Städter errichtet, und es wird streng kontrolliert, ob auch wirklich jeder mithilft. Allerdings kann man sich freikaufen: Entweder man bezahlt eine Person, die bereit ist, die eigene Norm mitzuerfüllen, oder man eignet sich bereits geerntete Baumwolle an und gibt sie als selbstgepflückt aus. Letzteres ist natürlich streng verboten.

Dead Duck Day

Samstag, 9. Oktober 2010

Der Kolleginnenhund, von dem hier schon einmal die Rede war, hatte neulich Prüfung. Quasi Jagdhundabitur. Die Kollegin reiste eigens nach Nordrhein-Westfalen und verbrachte einen gesamten Tag damit, das Tier vor den Augen einer Jury dazu zu bringen, gewisse Aufgaben zu lösen. Beispielsweise musste es vorstehen und schleppen, aber das konnte es. Heikel war die Wasserarbeit – nach wie vor die schwächste Disziplin des Hundes.
Ihre Prüfungsmaterialien musste die Hundebesitzerin selbst mitbringen. Für die Wasserarbeit wurde unter anderem eine tote Ente benötigt, die in einen Teich geworfen und vom Hund apportiert werden musste. Während einer der Konkurrenten einen flauschigen, verlockend auf dem Wasser schaukelnden Erpel mitgebracht hatte, besaß die Kollegin nur eine alte Ente, die sie schon einmal zum Üben benutzt und dann eingefroren hatte. Der klebten die Federn unattraktiv am Körper, und sie dümpelte mit kapitalem Tiefgang im Wasser – für Hundeaugen kein besonders einladender Anblick.
Nach dem Entenwurf hatte der Hund sechzig Sekunden Zeit, um ins kalte Wasser zu springen und mit der Jagd zu beginnen. Bei Verpassen dieser Frist hätte er nicht nur die Wasserarbeit nicht bestanden, er wäre durch die gesamte Prüfung gefallen. Die Kollegin holte aus, die Jury drückte auf die Stoppuhr.
Was tat der Hund? Er zierte sich, er winselte, er tanzte am Ufer hin und her, er warf pikierte Blicke auf die dümpelnde hässliche Ente, während die Kollegin pausenlos auf ihn einbrüllte. Sie brüllte, der Hund winselte, die Zeit lief.
In Sekunde zweiunddreißig mischte sich ein aufmerksamer Spaziergänger vom anderen Ufer des Tümpels ein, der nicht wissen konnte, dass es sich um ein Hundeabitur handelte. Er sah nur, dass da jemand einen Hund anschrie und rief seinerseits herüber: Was denn das für Umgangsformen seien, ob sie nicht mal das arme Tier in Ruhe lassen könne, er würde sonst den Tierschutz alarmieren.
Darauf konnte die Kollegin leider keine Rücksicht nehmen – ohnehin ist es ja nicht verboten, Tiere anzuschreien. Sie brüllte also weiter und brachte den Hund nach fünfundfünfzig Sekunden tatsächlich dazu, sich ins Wasser zu stürzen. Zwar merkte man ihm den Widerwillen gegen die unschöne Ente in seinem Maul deutlich an, aber die Prüfung war bestanden.
In der Disziplin Wasserarbeit gab es noch andere Aufgaben, allerdings mit einer lebendigen Ente (die war „geflügelt“, was bedeutet, dass sie flugunfähig gemacht worden war – das ist ein Fall für den Tierschutz), die der Hund bravourös meisterte. Die Prüfung bestand er als bester von allen teilnehmenden Hunden.
Am Ende verlieh man ihm eine Urkunde, auf der steht, er sei jetzt ein zertifizierter „brauchbarer Jagdhund“. Die Jägersprache ist ja insgesamt etwas eigen, aber das ist nun wirklich eine maßlose Untertreibung. Das arme Tier!

Sonntagsspaziergang

Sonntag, 3. Oktober 2010


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Die düstere Landschaft passt gut zu unserer Stimmung oder umgekehrt. Wir hadern mit unserem Beruf und dessen persönlichkeitsverändernden Ansprüchen. Eine Lösung ist, irgendeinen Bereich in sich zu bewahren, der nicht durch den Beruf besetzt ist, eine andere, sich für seine Neurosen einfach nicht verfügbar zu halten. – Wie man das macht, weiß kein Mensch.

1. Oktober – Beginn der Heizperiode

Freitag, 1. Oktober 2010

“Nun werden die Morgenträume wieder interpunktiert von den Nöten des heißen Wassers, das Mr. Robinson aus dem Keller in freistehenden Rohren durch Stockwerk nach Stockwerk aufwärts schickt. Das Wasser erschrickt vor der kalten Luft, prallt allseitig vor der ungleichen Federung, so daß im Schlaf ein alter Kerl erscheint, neben dem Kopfende des Bettes aufragend, der hat eine eiserne Kehle, eine schartige Röhre hat der im Hals, der atmet mit Rasierklingen, der frißt Glas und Schrott. Noch springen kleine Kiesel auf und ab, knallen hin und her. Unverhofft beengt, führt der Atem des Wassers schnelle ängstliche Schläge gegen das Metall. Der gleichmäßige Rhythmus zerfasert in schwächlichen, versiegenden Herztönen. Der Kerl denkt nicht ans Sterben, der treibt sich einen Stacheldrahtbesen in die Kehle, unter kratzenden, kitzelnden, schabenden Lauten, die geradezu behaglich klingen. Zum Nachräumen schickt er kleine Männer mit scharfen Hämmern hinein, die das Rohr abklopfen mit bedächtigen, unverhofften Hieben, abwechselnd mit dem spitzen und dem stumpfen Ende. Die werden alle in mehreren bürstenden Schwüngen hochgehustet und stürzen dann dumpf unten auf, mit einem Zirpen, als brächen ihnen die Knochen. Langsam spült der Kerl nach, aber nicht in einem Schluck, sondern mit einzeln fallenden Tropfen, die hüpfen wie Flöhe. Ein Scherbenhaufen rasselt abwärts, ineinander klirrend, ohne indessen aufzuschlagen in dem schmetternden Knall, den die Erwartung vorbereitet hat. Die Scherben sind verklumpt in gläserne Bälle, mit denen gurgelt einer. Jetzt hüstelt er. Er fühlt sich nicht bemerkt, er räuspert sich viele behäbige Male. Endlich hustet er los, mit kräftigen Schulterstößen. Endlich ist der Schlaf so fadenscheinig, daß die Bilder mitten im Laufen reißen. Es ist kein Traum, es ist das morgendliche Anlaufen der Heizung.
Die Heizperiode hat begonnen.”

Uwe Johnson, Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl, Frankfurt am Main 1970, S. 131/132