Archiv November 2010

Die Mühen der Ebene (30. November)

Dienstag, 30. November 2010

Neulich habe ich eine fünfte Klasse mit meiner beachtlichen Kenntnis der Schulordnung beeindruckt. Anlass war ein Kind, das im Unterricht das Schielen übte, zu dem sagte ich: Übrigens, laut § 83a der Schulordnung ist den Schülern das Schielen im Unterricht strengstens verboten! Das Kind fuhr zusammen und hörte sofort auf zu schielen.
Kurz darauf gab es eine weitere Gelegenheit, ich weiß nicht mehr welche, vielleicht kippelte jemand, den wies ich darauf hin, dass laut § 102c das Kippeln im Unterricht untersagt sei. Daraufhin fragte die Klasse ehrfürchtig: Kennen Sie die ganze Schulordnung auswendig? Ja, sagte ich.
Beim dritten Mal erfand ich eine besonders alberne Regel, da rochen sie Lunte und stellten fiese Fangfragen, zum Beispiel: Wie viele Paragraphen hat die Schulordnung eigentlich? Wie heißt
§ 743c?
Heute nun, wir üben gerade Groß- und Kleinschreibung, sollten sie selbst Paragraphen aus der erfundenen Schulordnung zitieren. Zuerst konnten sie sich totlachen über Sätze wie Das Atmen im Schulgebäude ist nicht gestattet. Aber ziemlich schnell kamen sie auf Das Grüßen von Lehrern ist den Schülern nicht erlaubt oder Das Aufpassen im Unterricht ist nicht erwünscht oder Im Deutschunterricht ist das Denken verboten.
Mir alles egal. Hauptsache, sie schreiben die substantivierten Verben groß.

Die Mühen der Ebene (29. November)

Montag, 29. November 2010

Wenn in Klasse 6 die zweite Fremdsprache dazu kommt, verliert die erste, also Englisch, blitzartig an Attraktivität. Ich finde dann zum Beispiel lateinische und französische Wörter in englischen Vokabeltests, und wenn ich das förmlich und wortreich anprangere, gucke ich in lauter stolz grinsende Kindergesichter.
Um das Vokabellernen in Englisch wieder aufzuwerten, gibt es in meiner Sechsten neuerdings einen internen Wettbewerb, in dem die acht Bankreihen jede Woche beim Vokabeltest gegeneinander antreten. Letzte Woche gewann Team GTA, aber nur, weil bei den Bad Girls jemand abgeguckt und eine Sechs kassiert hatte. Diese Woche geht an die Ugly Dolls, vier ganz liebe, lernwillige Jungs. Und ich warte darauf, dass mal die Happy Tea Drinkers siegen – den Namen mag ich am liebsten.
Zu gewinnen gibt es übrigens nichts, nur einen roten Klebepunkt auf einem Zettel, der an der Tür hängt. Mal sehen, ob das was nützt.

Die Mühen der Ebene (28. November)

Sonntag, 28. November 2010

Kathrin Passig hat im Merkur einen ziemlich klugen Text über die Zukunft des gedruckten Buches veröffentlicht: Das Buch als Geldbäumchen. Über das Bücherregal schreibt sie dort: „Eines Tages wird man es betrachten wie heute das wändefüllende Schallplattenregal: als exzentrisches, ein wenig rückwärtsgewandtes und beim Umzug beschwerliches Wohnaccessoire.“
Die größte Veränderung bei Verschwinden des Buchs in Papierform wäre für mich nicht, dass ich nicht mehr an Neuerscheinungen riechen und beim Umblättern das Papier an den Fingern spüren könnte – darauf kann ich gut verzichten. Die schmerzlichste Veränderung wäre der Ausfall des Buches als Einrichtungs-
gegenstand.
Denke ich mir in dem Raum, in dem ich dies schreibe, alle Bücherregale weg, es wäre ganz schön leer. Außerdem mag ich
als Text-Junkie die Schrift auf den Buchrücken und die Zufallstexte, die sich aus nebeneinander stehenden Buchtiteln ergeben. Beides gibt es genau so nur einmal, nämlich hier, unter meinen Büchern.
Aber klar – jeder, der oft umgezogen ist, weiß, dass Bücher zu den anstrengendsten Einrichtungsgegenständen gehören, die man so haben kann. Wenn ich sie dann also irgendwann einmal abschaffe, werde ich sie ersetzen durch lebensgroße Fotografien der vollen Regale.

Die Mühen der Ebene (27. November)

Samstag, 27. November 2010


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Die Mühen der Ebene (26. November)

Freitag, 26. November 2010

Je höher die Klassenstufe, desto ausgeprägter die Angewohnheit von Schülern, beim Wintereinbruch, also bei den ersten paar Schneeflocken, so zu tun, als hätten sie noch nie Schnee gesehen. In siebten und achten Klassen geht das mitunter so weit, dass sie alle aufspringen, zu den Fenstern rennen und theatralisch ah und oh rufen, so dass der Unterricht für fünf Minuten komplett zum Erliegen kommt.
Als es heute anfing zu schneien, hatte ich gerade Englisch in einer Fünften. Die warfen einen prüfenden Blick aus dem Fenster, sagten: „It’s snowing“, und damit war das Thema erledigt. Dabei können die present progressive noch gar nicht.

Die Mühen der Ebene (25. November)

Donnerstag, 25. November 2010

Schlimmer noch als bei einer Klausuraufsicht nicht abgelöst zu werden und nichts tun zu können außer zu hoffen, dass irgendetwas passiert, ist es, bei einer Klausuraufsicht ganz dringend aufs Klo zu müssen und nichts tun zu können als zu hoffen, dass nichts passiert.

Die Mühen der Ebene (24. November)

Mittwoch, 24. November 2010

Wirre Fieberträume in der Nacht, mit seltsam abgewandelten realen Personen, die merkwürdige Dinge tun. Jemand beugt sich über mich und flüstert mir ein Geheimnis zu, das aber gar keinen Sinn ergibt – oder ich verstehe ihn nicht. Während ich verzweifelt darüber nachdenke, fallen mir immer wieder Haare in die Augen, die viel zu lang sind als dass es meine sein könnten.
Das ist verstörend, aber nicht ganz so unheimlich wie die Halluzination von vor ein paar Jahren, noch zu Berliner Zeiten. Auch mit Fieber, aber in wachem Zustand, war ich mitten am Vormittag auf dem Weg von der Stabi nach Hause, eben weil ich das Gefühl hatte, ich müsste dringend ins Bett. Vom Weg bekam ich fast gar nichts mit, außer dass plötzlich auf dem Bürgersteig neben mir in aller Deutlichkeit ein Schafskopf lag. Ich sehe den noch heute vor mir, besonders das Detail der aus dem Kopf heraustretenden Wirbelsäule. Sie war weiß und sehr sauber.
Als die Nachbarin aus der Anstalt kommt, wundert sie sich darüber, dass ich im Bett liege. Ich hätte ihr doch einen guten Morgen gewünscht, als sie gerade beim Kopieren war.
Das war dann wohl gestern gewesen.