Archiv November 2010

Die Mühen der Ebene (23. November)

Dienstag, 23. November 2010

In Zeiten von viel Arbeit kommt wider Willen das Bloggen zu kurz, das kennen wir schon. Dagegen hilft nur eins – Tagebuchbloggen. Am Tagebuchbloggen ist toll, dass man auch trüben und mühsamen Tagen – sonst kommentarlos einsortiert unter „möglichst schnell vergessen“ – etwas abgewinnen kann. Deshalb und auf ausdrücklichen Wunsch einer einzelnen Dame schreibe ich also mal wieder ein bisschen Tagebuch.
Aber glauben Sie bloß nicht, das alles sei wirklich so passiert.

Literaturinterpretation sei wie Topfschlagen im Minenfeld, äußerte gestern eine Schülerin aus meinem Deutschkurs beim Abendbrot im Familienkreis. Dass da was dran ist, zeigt ein Blick in die Klausur, die sie heute geschrieben hat:

Käte und Peter sind ein Ehepaar und haben drei gemeinsame Kinder. Käte ist, als sie in die Redaktion des Volksboten kommt, innerlich sehr aufgewühlt, denn sie möchte verhindern, dass ihr Mann Thomas seine Entdeckung publik macht.

Die aufsichtführende fachfremde Kollegin, die aus Langeweile in der Klausur blätterte, als das Kind sie schon abgegeben hatte, kam hinterher eigens an, um zu fragen, ob Bigamie eins der Themen für das Deutsch-Zentralabitur 2011 sei. –
Tja, und jetzt liegt er da, der Stapel Klausuren.

Baustaub

Samstag, 20. November 2010

Tiefgraue Wolken hängen halbhoch über der Heide, es nieselt, es ist neblig.
Auch in der Anstalt war es diesig in der letzten Woche.
Feuer, dachte man ganz entsetzt, wenn man durch die dunstigen Flure schritt. Aber es war dann doch immer nur Baustaub.
Baustaub – das Wort machte die Runde in den Gängen und auf dem Hof, kein Tag, an dem es nicht zu hören war.
Vom anderen Hof trug man den Asphalt ab. Das ging nicht ohne schweres Gerät und mächtiges Getöse, und zeitweise bebte der Boden so, dass man sich ganz unsicher auf den Beinen fühlte. Unsicher allerdings ist es immer und überall, auch wenn das nicht immer so körperlich spürbar ist. Nichts bleibt, wie es ist, alles wird wie immer.

Tag des unbekannten Googlers

Montag, 15. November 2010

Der 15. November ist in diesem Blog traditionell der Tag des unbekannten Googlers.
Äh, also, vor zwei Jahren war er das, und auch drüben bei Percanta war er das, und im letzten Jahr hab ich den Tag irgendwie vergessen, aber nicht in diesem Jahr.
Lieber unbekannter Googler, auch wenn die Beziehung zwischen Ihnen und mir häufig auf schrecklichen Missverständnissen beruht – heute werden Ihre Fragen ernsthaft beantwortet und Ihre Kommentare kommentiert, heute suchen Sie nicht ins Leere hinein, sondern begegnen einem verständnisvollen Gegenüber. Sie fragen, ich antworte.

Wiesenraure Blog
In Wirklichkeit heißt es Wiesenraute. Mit T.

Wie sieht eine Raute aus?
Kennen Sie Werder Bremen? Nein? Na, dann gucken wir mal gemeinsam bei Wikipedia nach:

Ein ebenes Viereck, bei dem alle vier Seiten gleich lang sind, heißt Raute (Plural: Rauten) oder Rhombus (Plural: Rhomben). Dabei sind gegenüberliegende Seiten parallel und gegenüberliegende Winkel gleich groß.

Wenn Sie weitergoogeln, werden Sie feststellen, dass eine aus beiden Händen geformte Raute auf Bauchnabelhöhe eine der typischen Gesten der Bundeskanzlerin ist. Und das können Sie sich dann gut so merken: Was die Bundeskanzlerin mit ihren Händen auf Bauchnabelhöhe macht – das ist eine Raute.
Eine Wiesenraute hingegen ist etwas ganz und gar anderes.

Verkauf Wiesenraute
Nein, diese Seite ist unverkäuflich.

junge nackte Mädchen gefesselt
Hier im Blog leider nicht. Müssen Sie woanders suchen.

wegen wen oder was
Wegen mit Akkusativ! Sprachverfall! Wo bleibt der VDS?

Übungsdiktate Klasse 6 Gymnasium kostenlos
Ja, nee, so geht das nicht. Unterrichtsmaterial kostet, sonst ist es nix wert. Machen Sie es wie ich, schreiben Sie sich die Übungsdiktate selber. Ich gebe Ihnen noch einen Tipp. Die moderne Didaktik empfiehlt inhaltlich nüchterne Diktattexte ohne Spannung, um Ablenkungen zu vermeiden. Meine Erfahrung: Diktate sind immer blöd, aber wenn sie ein bisschen lustig sind, dann sind sie nicht ganz so blöd.

Was bedeutet ziemlich hübsch?
Ziemlich knifflig, diese Frage, denn ziemlich ist ein schwieriges Wort. Es kann einerseits relativierend eingesetzt werden, dann bedeutet es: ganz hübsch, aber nicht außergewöhnlich hübsch. Allerdings wird es häufig im understatement benutzt, und dann bedeutet es: unübertroffen hervorragend hübsch.
Das erinnert mich an ein Lehrerzimmer-Gespräch mit Frau L., in dem wir uns fragten, ob es einen Fachbegriff für das rhetorische Stilmittel des understatement gibt. Uns ist keiner eingefallen.

Haiku lady smile on the tiger
Worauf Sie da mit „lady smile on the tiger“ anspielen, ist ein berühmter Limerick, und wenn Sie den als Haiku umgeschrieben haben wollen, dann wenden Sie sich am besten an Frau Isabo. Die schreibt sogar E-Mails in Haiku-Form und kennt sich außerdem mit eben jenem Limerick bestens aus. Wenn Sie Glück haben und sie gerade viel zu tun hat, dann wird sie den meistgesuchten aller Limericks sicher mit Freuden umdichten.

tätowierte Eule
Vermutlich müsste man die Eule betäuben und dann eine federfreie Stelle finden, wo man das Tattoo auch sehen kann. Sonst lohnt sich der ganze Aufwand ja gar nicht.

Fußgänger Halterungen
Es wäre schön gewesen, wenn Sie Ihre Frage noch ein bisschen präzisiert hätten. Meinen Sie Halterungen, an denen sich Fußgänger anbringen können, wenn sie nicht mehr weiter zu Fuß gehen mögen? Oder Halterungen, die man an Fußgängern anschrauben kann, um daran bestimmte Gegenstände aufzuhängen, zum Beispiel Einkaufstaschen, die man dann nicht mehr in der Hand tragen müsste?
Falls Sie glauben, Sie hätten damit eine bahnbrechende Erfindung gemacht, muss ich Sie leider enttäuschen – Parkbänke gibt es bereits, Rucksäcke auch.

Textvorschlag Gedenkminute
„Verehrte Anwesende, wir haben uns heute versammelt, um des schrecklichen Ereignisses vor zehn Jahren / des überaus freudigen Anlasses, dem wir vor zwei Jahren beiwohnen durften, zu gedenken. Obgleich der Alltag uns alle inzwischen wieder eingeholt hat, war es ein erschütterndes / überwältigendes Erlebnis, das niemanden von uns je wieder loslassen wird. Wir alle sind immer noch zutiefst betroffen / äußerst beeindruckt. Unser besonderes Mitgefühl / unsere aufrichtige Freude gilt den bedauernswerten Angehörigen / den glücklichen Gewinnern, und so lasst uns nun eine Minute lang schweigend gedenken / das Glas erheben – möge ein solches Ereignis nie wieder / noch recht häufig eintreten.“
Nichts zu danken.

Fluss (19)

Sonntag, 14. November 2010


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Limerick (69)

Mittwoch, 10. November 2010

Eine Dichterin, die das Verschie
ben von Silben und Buchstaben lie
bte, die strich – so ein Mist! –
ihr Mäzen von der List
e der förderungswürdigen Li
merickdichterinnen.

November

Sonntag, 7. November 2010

„Jerichow, bitte melden Sie sich.“
„Hier meldet sich deine ehrfürchtige Tochter“ sagte sie. Die Leitung war glasklar, die Laute hatten nahezu körperliche Gegenwart. In ihrer Stimme war beim ersten Wort untergründig der zögernde schwingende Redefluss des Niederdeutschen, der von vielen Sprachen geschliffen war. Jetzt war zu hören wie Cresspahl noch einmal aufstand aus Peter Wulffs Sessel und die Tür ins Schloss zog, er räusperte sich.
„Lieben Tochter“, sagte Cresspahl: „schreim tussu nich –“. Sie schreibe nicht, und so erlaube er sich diesen Anruf mitten in der Nacht. Und ob es zu tun habe mit dem Herbst, der nass aus dem Himmel falle auf seine Tochter hinauf.
„Schreips du kein.“
„Doch. Jakob.“
„Du has kein Woulgefalln inne Welt.“
„Nein.
Lieben Vater es is allens so nass, ich hänge mit meinem Zimmer so hoch in der Düsternis, und wenn ich mir einen einlade vor Kümmernis, denn sind sie alle so klug. Ich rede von morgens bis abends, bedenk mal wenn ich das alles verantworten sollte. Nicht dass ich Ärger hätte.“
„Ich tröst dich“.
„Ja“.
„Sprechen Sie noch. Sprechen Sie noch. Sprechen Halloh sprechen Sie noch“
„Ich schprech noch. Ich sach mein Tochte ssu auf ien Kopf dassi das Fenste offn hat wo annere Leute längs heizn“.

Uwe Johnson, Mutmassungen über Jakob, Frankfurt am Main 1959, S.37

Unter 4 Augen

Freitag, 5. November 2010

Leider hat Franzi ein paar Mal zu oft ihre Eingebungen ungefragt und lauthals der gesamten Klasse mitgeteilt, deshalb muss sie einen ziemlich langen Text über Unterrichtsstörungen abschreiben. Damit fängt sie mittags in der Mensa schon mal an, während sie auf den Beginn ihrer AG wartet – und flucht dabei so laut, dass ich es drei Tische weiter deutlich hören kann. Den Vorschlag, ihre Meinung zum Text doch unten drunter zu schreiben anstatt sie in die Mensa zu brüllen, setzt sie allerdings bereitwillig um, und so bekomme ich am nächsten Tag den sauber abgeschriebenen und dazu noch mit einem Blümchen verzierten Text mit einem Zusatz:

MEINE MEINUNG (!!!):
1. das Blatt ist schwachsin
2. mit ihren Worten IRELEWAND
3. Ich bitte um ein Gespräch unter 4 Augen
PS: Danach hatte ich Schmerzen in der Hand (verstärkt hat die Schmerzen noch das ich mir beim Handballspiel [letzten Sonntag: erstes verloren, zweites gewonnen, ich hab 2 Tore geworfen] verletzt hab).
Mit freundlichen (mehr oder weniger) Grüßen
Franzi

Der Bitte nach einem Gespräch wird natürlich umgehend stattgegeben. Es findet nach Schulschluss statt, Franzi verzichtet dafür sogar auf den Wettlauf um einen der vorderen Plätze in der Buswarteschlange. Von meinen Einschüchterungsversuchen – Bespötteln der mageren zwei Handballtore, grammatikalischen Korrekturen an der Grußformel – lässt sie sich nicht beirren; sie deutet zart an, dass sie ihre Lektion bezüglich der Unterrichtsstörungen gelernt hat („Diesen Schwachsinnstext schreibe ich nie wieder ab!“), und kommt dann ohne Umschweife auf ihr zentrales Anliegen zu sprechen: „Finden Sie mich eigentlich nett?“
Ach, Franzi, ich finde dich ziemlich lustig, auch wenn du ganz schön nerven kannst. Und obwohl du beim Vorlesewettbewerb Schwierigkeiten hattest, sechs Bände Harry Potter in zwei Minuten zu erklären, hast du aus dem siebten ganz großartig vorgelesen. Das wollen wir doch mal festhalten.