Doch ich sing, ob so, ob so

In dem Reich der Heidehasen gibt’s schon viele Jahre lang
den Musikverein zur Pflege von Konzert und von Gesang.
Dort singt jeder mit Begeisterung im gemischten Hasenchor,
und den Taktstock führt seit langem Herr Direktor Wackelohr.

Der Sängerkrieg der Heidehasen in Obereidorf ist eine alljährliche Angelegenheit, aber in diesem Jahr etwas Besonderes, da Lamprecht der Siebente (Allergnädigster König der Hasen und Karnickel – „Gesetz und Tradition bin ich!“) keine männlichen Nachfolger hat und seine Tochter im heiratsfähigen Alter ist – klassischerweise werden Prinzessinnen mit den Gewinnern des Gesangswettbewerbs verheiratet. Wer das schönste Lied auf die Hasenprinzessin schreibt und es am besten vorträgt, wird sie zur Frau bekommen.
Die Teilnehmer können vorher beim Minister für Hasengesang und beim Musikvereinsdirektor Wackelohr ihre Stimme prüfen lassen. Das tut der junge Hase Lodengrün, der die beiden mit der Arie aus dem ersten Akt der Oper Der Hasenfrühling von Hoppelberger ziemlich beeindruckt:

Nun ist der Schnee zerflossen,
nun gibt es bald Salat,
die ersten Zweige sprossen,
der Hasenfrühling naht.
Wir springen durch das erste Grün,
hopp hopp, hopp hopp,
und schauen, ob die Primeln blühn,
hopp hopp hopp hopp hopp hopp.

Direktor Wackelohr hatte fest damit gerechnet, den Sängerkrieg zu gewinnen, aber jetzt ist er nicht mehr so sicher. Darum dreht er mit dem Minister für Hasengesang ein krummes Ding: Für hunderttausend Hasentaler soll der Minister der königlichen Majestät zuflüstern, dass Wackelohr der beste Sänger sei. Außerdem verstellt Wackelohr die Sonnenuhr vor Lodengrüns Bau, damit der zu spät zum Wettkampf erscheint.

Kennen Sie das? Das ist ein Kinderbuch von James Krüss, vom Bayerischen Rundfunk 1952 als Hörspiel aufgenommen. Ich hatte das als Kind auf Schallplatte, dann dreißig Jahre nicht gehört und jetzt quasi neu geschenkt bekommen – von der Mutter eines Kindes aus meiner Klasse, das vor ein paar Wochen ständig, gern auch mitten im Unterricht, sang:

In der Hasenheide
zwischen Feld und Weide…

Die Musik ist ziemlich gut, sie stammt von Rolf Wilhelm, der auch für Loriot zwei Filmmusiken geschrieben hat. Die Handlung wird vorangebracht durch Bänkelsang im Dreiertakt; der Höhepunkt ist natürlich der Sängerkrieg, und das beste Lied ist nicht etwa das des Gewinners Lodengrün (die Namensähnlichkeit zu Lohengrin ist wohl eher kein Zufall), sondern Otto Lampes Rumba – eben jenes Lied, mit dem der Knabe aus meiner Klasse mich quälte. Als Kind muss ich das ganze Hörspiel auswendig gekonnt haben und war fasziniert von Lodengrüns Fähigkeit, ein ganzes Ei ohne zu kauen hinunterzuschlucken. Jetzt bewundere ich die Sorgfalt der Herstellung und vor allem die Musik, und ich weiß jetzt auch, dass Lodengrüns Nachbar sächselt.
Hier ist der Anfang, das Bänkellied, als Hörprobe.


  1. Ja, ja, ja! “Der Sänger kriegt den Heidehasen” will unser Patenkind immer hören, ich habe mir die Schallplatte vor ein paar Jahren von zu Hause mitgenommen und kann sie auch immer noch (oder wieder) auswendig.

    Obereidorf ist seit langem
    ein berühmter Luftkurort.
    Hasenherzen, Hasennieren,
    Hasenlungen heilt man dort,
    aber heute kommt nicht einer,
    der da krank ist oder siech,
    heute kommen alle Hasen
    zum berühmten Sängerkrieg.

    Das hat mich schon als Kind fasziniert, siech auf Kriech zu reimen. Und die Musik: großartig.

    Mittwoch, 29. Dezember 2010, 10:14 Uhr von isabo

  2. Ich kann mich erinnern, dass mir erstmal erklärt werden musste, was siech überhaupt heißt.

    Mittwoch, 29. Dezember 2010, 12:30 Uhr von nicwest

  3. Mir wahrscheinlich auch.
    Bitte schnell was Neues bloggen, sonst singe ich auch morgen noch den ganzen Tag “Sie kann klimmmperrrn - miiiiiit den Wimmmperrrn - und im Kimmmperrrn - kommt ihr niemand gleich!”

    Donnerstag, 30. Dezember 2010, 10:39 Uhr von isabo

  4. Aus lauter Verzweiflung hab ich gestern wieder mal den Gnu-Song gehört, das hat eine Weile vorgehalten, und dann kam Otto Lampe wieder durch - unglaublich.
    Einander Würmer in die Ohren bloggen…

    Donnerstag, 30. Dezember 2010, 11:33 Uhr von nicwest

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