Archiv Januar 2011

J.

Samstag, 29. Januar 2011

Die meisten Leute treffen die Freunde fürs Leben in der Schule oder an der Uni. Ich während des Auslandsjahrs in Glasgow.
Zum Beispiel J. Sie fiel mir gleich am ersten Tag auf, in der Einführungsveranstaltung für die ausländischen Studenten, denn sie kam auf grandiose Weise zu spät und musste sich im Hörsaal in die erste Reihe setzen. Ich saß in der zweiten. Sie hatte tolle Haare, frische Dreads, die zweieinhalb Stunden zum Trocknen brauchten und im Laufe des Jahres schleichend verfilzten.
Auf irgendeiner anderen Veranstaltung, auch in den ersten Tagen, kamen wir ins Gespräch, und sie lud mich zum Tee ein. Sie hatte zusammen mit einer Freundin ein privates Quartier gefunden, mit einem Übermieter, der die Asche seines toten Bruders in einer Urne auf dem Kaminsims aufbewahrte. Der hieß Robert, und sämtliche Freunde der Mitbewohnerin in dieser Zeit hießen auch Robert.
J.s Hauspantoffeln hingegen hießen Konrad und Paul.
Ihr Fach war Film, meins Literatur, aber gemeinsam besuchten wir den Übersetzungskurs für Deutsche bei Mrs Sirc. Auch dort kam J. regelmäßig zu spät, denn er begann schon um neun. Einmal lachte sie mich mitten im Kurs lauthals schamlos aus, es ging um Präpositionen und die Frage, ob der Hund nachts draußen in der Hundehütte oder im warmen Wohnzimmer schläft – ich Stadtkind war natürlich fürs Wohnzimmer. Von Mrs Sirc haben wir übrigens gelernt, wie man to gauge ausspricht und dass die Schotten zu dem Ort Milngavie [mʌlˈgaɪ] sagen.
In J.s Wohnung gab es keine Waschmaschine, in unserem Keller dagegen zwei, und also dachte sie sich einen Deal aus: Jedes Mal, wenn sie bei uns wusch, kochte sie ein Essen, von dem die ganze WG etwas abbekam. Das war total unnötig, denn erstens hatte ja die Waschmaschine die Arbeit und nicht wir, und zweitens wurden wir für etwas belohnt, was gar nicht unser Verdienst war. Weil Kochen aber noch nie meins war, lag es mir fern, mich zu beklagen.
Öfter waren wir zusammen im Kino, meistens im GFT. Besonders gut erinnere ich mich an einen sonnigen Sonntagmorgen, an dem wir im Dunkeln hockten und zwei Filme hintereinander sahen, Bringing up Baby und noch einen. Für sie als Filmfestivalbesucherin war das nichts Besonderes, aber ich musste eigens überredet werden.
Auch sind wir zu jeder Tages- und Nachtzeit Kelvin Way zu Fuß entlanggegangen, obwohl man uns als erste und wichtigste Überlebensregel für Glasgow beigebracht hatte: Don’t walk Kelvin Way.
Ein paar Mal waren wir mit dem Auto im Umland unterwegs, am besten erinnere ich mich an die Fahrt zum angeblich bizarrsten Gebäude Schottlands. Von diesem Ausflug gibt es ein Foto, auf dem J. auf einem Baumstumpf steht und gerade pineapple sagt. Als sie Glasgow verließ, hatte sie einen frischen Lachs im Gepäck, was mich an Umberto Ecos Geschichtchen Wie man mit einem Lachs verreist erinnerte.
Zum letzten Mal haben wir uns vor drei Jahren in Hamburg gesehen, wieder im Kino, davor vor sechs Jahren in Berlin bei einer Tagung (wo ich mit einiger Verspätung und dank Judith Halberstam kapiert habe, wozu Queer Theory gut ist), davor irgendwann mal in Hannover, wahrscheinlich vor neun Jahren.
Demnach wäre es mal wieder an der Zeit.

Auswärtsspiel

Dienstag, 25. Januar 2011

Da wundere ich mich seit Tagen, dass Leute sich zu Hunderten mit dem Suchbegriff vorwärts nach weit in mein Blog googeln. Ein Rätselwettbewerb, hatte ich getippt, bei dem man eine Reise nach Hannover gewinnen kann, wenn man auf das richtige Lösungswort kommt. Weit gefehlt.
Anscheinend hängt im Stadion von Hannover 96 seit dem Spiel gegen Schalke am letzten Sonnabend ein riesiges Transparent mit den drei rätselhaften Wörtern. Woher die stammen und was sie wohl bedeuten, danach erkundigen sich Leute in großen Mengen im Internetz.
Der oberste Google-Treffer führt zu einem Blogeintrag von vor dreieinhalb Jahren, den ich genau so genannt habe, vorwärts nach weit. Literaturunkundige Fußballfans darüber zu informieren, was es damit auf sich hat – das ist nun offenbar im Nachhinein dessen Bestimmung. Man hat ihn auch bereits im Fanforum verlinkt, darauf bin ich sehr stolz.
Vielleicht kann ich dann ja umgekehrt auch mal eine fußball- unkundige Frage stellen, ohne mich allzu sehr zu blamieren: Warum heißen die 96er „Die Roten“, wo doch die Vereinsfarben grün, schwarz und weiß sind und die Spieler manchmal gar keine roten T-Shirts anhaben?

Vom Paddeln

Montag, 17. Januar 2011

Von 1911. Hamburger Platt ist doch anders als das Heidjer Platt, das man hier nicht selten hört. Das erkenne selbst ich, obwohl ich von Platt eher weniger Ahnung habe. Faszinierend finde ich immer das [ʒ] für den Buchstaben j (Jolle, ja). Ohne IPA kann man das nicht richtig transkribieren, weil es das Phonem im Hochdeutschen, außer in französichen Lehnwörtern, nicht gibt (das Problem hatte auch Uwe Johnson, der es konsequent als sch geschrieben hat). Und wann wird j zu [ʒ] und wann nicht? Niemand weiß es. –
Bin das nur ich oder laufen hier gleich mehrere Subtexte mit?

Geiht man Sümmertags det Obends an die Alster lang,
so in Dustern mit so’n bitten Mondenschien,
wenn die Wellen plätschern leise an den Strand entlang
jeder echt Hamborger find dat doch so fien.
Und wer sich dat von uns Minschen denn so leisten kann
fort im Paddelboot die Alster ob un dool,
und ick keek mie eines obends mol det Woter an,
und da heuer die Melodie ick op’n mol…

Hannes, zuckersüßer Hannes du,
das Paddeln, Hannes, hast du raus,
Hannes, du paddelst mit mir immer zu
und wie du mit deinem Paddel haust,
Hannes, zuckersüßer Hannes du,
du kannst das wirklich ganz famos,
du stippst dein Paddel mit’n Swung so rein,
Hannes, darin bist du groß.

Düsse Paddellady brocht mie op den Infall denn,
mit mien lütten Steern dat Paddeln to probiern
und des obends so im Dustern goht wie beiden dool,
se war bang toerst und wullt dat nich riskiern.
Ober als wie nun so’n büschen in die Gange weern,
und dat Paddelboot, dat schaukelt hin un her,
ja da wollt mien lütten Schieter immer weiter fahrn
und sie bettelt mi man zu een büschen mehr…

Hannes, zuckersüßer Hannes du,
das Paddeln, Hannes, hast du raus,
Hannes, du paddelst mit mir immer zu
und wie du mit deinem Paddel haust,
Hannes, zuckersüßer Hannes du,
du kannst das wirklich ganz famos,
du stippst dein Paddel mit’n Swung so rein,
Hannes, darin bist du groß.

Morgens freu als das lütt Küken so bien Kaffe sitt,
sächt die Mudder säch mie bloß was häst Du dräumt,
du warst mittenmang so ganz allein Igittigitt
auf die Außenalster wo das Wasser schäumt,
und was hast Du bloß getüddert von so’n Paddelkram
auf das Wasser so in Dustern in de Joll
so dass Vadder bald direktemang in Rage kam
na das war ja auch beinah en büschen doll…

Hannes, zuckersüßer Hannes du,
das Paddeln, Hannes, hast du raus,
Hannes, du paddelst mit mir immer zu
und wie du mit deinem Paddel haust,
Hannes, zuckersüßer Hannes du,
du kannst das wirklich ganz famos,
du stippst dein Paddel mit’n Swung so rein,
Hannes, darin bist du groß.

Say Cheese

Samstag, 15. Januar 2011

Gucken Sie mal hier und achten Sie auf die Gesichter (via croco). Ich zähle fünf, auf denen ansatzweise so etwas wie Wohlbehagen erkennbar ist. Alle anderen sehen misstrauisch, ängstlich, schlecht gelaunt oder erschrocken aus.
Auf dem letzten Foto, das ich von meiner Klasse gemacht habe, lächeln alle. Nicht, weil ich ihnen das befohlen hätte, sondern das machen sie ganz von selbst – schon bei Zweijährigen kann man den Pawlowschen Reflex beobachten, ein ganz und gar unnatürliches Fotolächeln aufzusetzen, sobald ein Objektiv auf sie gerichtet wird. Und vorher musste ich ihnen verbieten zu posen, auch etwas, was viele ganz von selbst tun. Auf der Kursfahrt nach London im letzten Jahr habe ich ziemlich viele unvorteilhafte Fotos von posenden Abiturkindern von hinten gemacht.
An den verwischten Gesichtern auf dem Foto von 1905 kann man sehen, dass die Belichtungszeit ziemlich lang war, und da ist es natürlich leichter, nicht zu lächeln. Aber dass man heutzutage grinst, was das Zeug hält, sobald man weiß, man wird fotografiert, muss auch damit zu tun haben, dass in diesen Zeiten Models, Schauspieler, Musiker anders fotografiert werden als vor hundert Jahren und dass wir so viele solcher Fotos sehen.
Das wär mal ein schönes Aufsatzthema: Zur Kulturgeschichte des Lächelns auf arrangierten Gruppenfotos. Ich hab im Moment keine Zeit – Sie können es gerne haben.
Und auf der rechten Portalsäule ist ein Kreide-Graffito.

Gedächtnis und Literatur

Dienstag, 11. Januar 2011

Kommt jemandem zufällig das literarische Motiv des Jünglings, der am Totenbett seiner Mutter von deren Freundin verführt wird, bekannt vor? Ich frage für eine Freundin.

Intertextualität ist was Faszinierendes – mit Maschinen ist ihr nicht beizukommen, es braucht belesene Menschen, um sie zu erkennen.

Durchkommen

Sonntag, 9. Januar 2011

Ihren sechzigsten Geburtstag feiert Frau L. in einem Heidjer-Gasthof in ihrem Wohnort, der auch der Wohnort von Georgette Dee ist. Die nahrhafteste Adresse Deutschlands. Mit der Familie hat sie schon gefeiert, dies ist die Veranstaltung für Freunde und Kollegen.
Uns setzt man an einen Tisch, der Junges Gemüse heißt. Wohl- gemerkt, ein Gesprächsthema an diesem Tisch ist, wie wir alle unsere vierzigsten Geburtstage feiern wollen, die nicht mehr allzu weit weg sind. Die ehemalige Kollegin erzählt interessante Dinge aus Oldenburg. Über unser selbstkomponiertes Ständchen, am Freitag nach Schulschluss noch gewissenhaft im Musikraum geprobt, freut sich Frau L. sichtlich, natürlich bekommt sie ein Exemplar überreicht.
Dann gibt es eine dieser altmodischen Diashows mit Szenen aus dem Leben der Jubilarin. Uns beeindrucken besonders die Kollegiumsfotos – Frau L. zuverlässig auf allen drauf, die wechselnden Schulleiter hat sie alle überdauert. Im Gegensatz zu anderen Kollegen ist sie immer erkennbar. Egal in welchem Alter, ihr haftet stets etwas Jugendliches an, außerdem guckt sie auf jedem Bild freundlich in die Kamera. Auch ist ihr Kleidungsstil unverwechselbar und unbeeinträchtigt von den Moden, den eulenhaften Brillen und den Schulterpolstern in den Achtzigern zum Beispiel.
Wie kommt man durch im Leben und in unserem Beruf? Tun, was von einem verlangt wird, ohne sich allzu sehr zu ärgern. Freundlich sein, viel lachen. Jung bleiben im Kopf. Ein ausschweifendes Privatleben pflegen. Viele Freunde. Man selbst sein und bleiben. – Klingt alles total einfach, ist es aber nicht.
Als das junge Gemüse sich verabschiedet, räumt Frau L. gerade Tische und Stühle zur Seite. Sie will tanzen.

Epiphanias

Donnerstag, 6. Januar 2011

An einem Tag im September letzten Jahres schreckte Gott aus seinem Mittagsschläfchen hoch, denn er hörte die Stimme von Frau L. Ah, dachte er, Dienstbesprechung in der Anstalt, was geht mich das an. Aber es ging ihn doch etwas an, denn Frau L. stellte einen Antrag: Hiermit beantrage sie, rief sie mit nur unzureichend unterdrückter Wut in der Stimme, den Schulbeginn nach den Weihnachtsferien um einen Tag nach hinten zu verschieben. Wo gebe es denn so was – Schule am Dreikönigstag! In all den Jahrzehnten, die sie schon in der Anstalt tätig sei, habe sie das noch nicht erlebt. Und sie begründete ihren Antrag mit Religion und Tradition.
Der Antrag wurde abgewiesen, aber Gott strich sich über den Bart, blickte wohlgefällig auf Frau L. und dachte, womöglich werde sich da etwas machen lassen.
Am Dreikönigstag um sechs Uhr morgens saß Frau L. in ihrer Küche, trank Tee und wartete auf ein Zeichen Gottes. Der Herr ging vorüber, und ein starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging vor dem Herrn her, aber der Herr war nicht im Sturmwind. Der Herr ging vorüber, und die Erde erbebte, und das Meer erbrauste, aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer, aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Und in dem Säuseln nahte sich der Herr. Und aus dem Radio säuselte eine Stimme: Im gesamten Landkreis fällt heute wegen Eisregens der Unterricht aus.
Na bitte, dachte Frau L. und grinste, geht doch.