Archiv Samstag, 1. Januar 2011

Wundertüte

Samstag, 1. Januar 2011

Seit ein paar Tagen lese ich ein Buch, über das in der Zeitung stand, es sei voller Nonsens und Albernheiten – woraufhin ich nicht anders konnte als es sofort und unbesehen zu erwerben: Album von Hans Magnus Enzensberger. Das Buch erinnert ein bisschen an diese Schott-Ankowitsch-Sammelsurien, besteht aber nicht nur aus Listen, sondern ist eine wilde Mischung aus eigenen und fremden Texten, Fotos, Skizzen, Zeichnungen, Faksimiles, die Enzensberger in seinem Leben gesammelt hat. Ein Sudelbuch, ein scrap book, ein aufgeklappter Schädel, ein Blick in die „Vorratskammer HME“, wie es auf dem Vorsatz heißt.
Es beginnt mit einem Limerick und dem Diktum „Nonsens-Verbote, wie sie in der deutschen Literatur üblich sind, schaden der Phantasie“. Dann folgen, unpaginiert und im schönsten
Typografie-Chaos (gestaltet von Franz Greno), Anmerkungen zu den verschiedensten Themen – zu Elementarteilchen, zum Ruhm, zu Schlachthäusern, zu Grimassen auf Geldstücken, zur Schwarzmalerei, zum Aktienmarkt, zur Geschichte der Kommunistischen Partei, und natürlich immer wieder zur Sprache. Ich steche mal mit einer Stricknadel zwischen die Seiten und schreibe auf, was ich da finde.

1. Ein Kurzessay über „Nullsätze“ und „Gesprächskiller“:

[…] Dabei wimmelt es von performativen Widersprüchen, die destruktive Absichten verleugnen möchten: „Ich bin sprachlos“, „Das ist nicht gesagt“ oder „Ich denke nicht daran“ sind Sätze, die sich, ohne mit der Wimper zu zucken, selbst widerlegen. […]

2. Wie Enzensbergers Tochter als Dreijährige das Identitätsproblem löste:

Du bist manchmal da, manchmal weg. Die Mama auch. Nur ich bin immer da.

3. Beispiele für die „hochentwickelte Kunst, einen Brief zu beenden“, heute ersetzt durch die drei Buchstaben MfG:

Erhalten Sie mir Ihre Gefühle, wie Sie auch der meinigen versichert sein dürfen. Niemand kann Sie mit mehrerer Verehrung anerkennen als Ihr ergebenster…

4. Ein wissenschaftlicher Text über den Narwal:

[…] Das Tier misst, vom Mund bis zum Schwanz, ganze vier bis fünf Meter. Der Stoßzahn, der spiralig im Uhrzeigersinn gewendelt ist, wird jedoch allein bis zu drei Meter lang. Früher wurde der Narwal deshalb auch See-Einhorn genannt. […] Niemand weiß, wozu der Stoßzahn des Narwals dient.

5. Ein Auszug aus dem seit 1967 gültigen bayerischen Verzeichnis der Kuh-Namen:

[…] Stocki, Stockrose, Störchin, Stolla, Stolze, Storch, Stori, Stosei, Sträußle, Sträußl, Strala, Stramme, Straßburg, Straudi, Straum, Strausi, Strauß, Streissl, Strelitz, Strolche, Strubi, Strümpfle, Struppel, Stubai, Stubsi, Studia, Stulpe, Stumpi […]

6. Ein Aphorismus von Andy Warhol:

Art is what you can get away with.

7. Eine idiomatische Maschine, mit der man Redewendungen in Paaren neu zusammenwürfeln kann:

Ich seh natürlich als erstes den Rechtschreibfehler. Berufskrankheit.

Weil man in diesem Buch nichts wiederfindet, ist man stets von Neuem gezwungen, ausgiebig darin zu blättern und sieht sich von immer neuen Entdeckungen in höchstes Entzücken versetzt. Hach, was für ein wunderbares Buch! Kost’ vierzig Euro, is jeden Cent wert.