Archiv Donnerstag, 6. Januar 2011

Epiphanias

Donnerstag, 6. Januar 2011

An einem Tag im September letzten Jahres schreckte Gott aus seinem Mittagsschläfchen hoch, denn er hörte die Stimme von Frau L. Ah, dachte er, Dienstbesprechung in der Anstalt, was geht mich das an. Aber es ging ihn doch etwas an, denn Frau L. stellte einen Antrag: Hiermit beantrage sie, rief sie mit nur unzureichend unterdrückter Wut in der Stimme, den Schulbeginn nach den Weihnachtsferien um einen Tag nach hinten zu verschieben. Wo gebe es denn so was – Schule am Dreikönigstag! In all den Jahrzehnten, die sie schon in der Anstalt tätig sei, habe sie das noch nicht erlebt. Und sie begründete ihren Antrag mit Religion und Tradition.
Der Antrag wurde abgewiesen, aber Gott strich sich über den Bart, blickte wohlgefällig auf Frau L. und dachte, womöglich werde sich da etwas machen lassen.
Am Dreikönigstag um sechs Uhr morgens saß Frau L. in ihrer Küche, trank Tee und wartete auf ein Zeichen Gottes. Der Herr ging vorüber, und ein starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging vor dem Herrn her, aber der Herr war nicht im Sturmwind. Der Herr ging vorüber, und die Erde erbebte, und das Meer erbrauste, aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer, aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Und in dem Säuseln nahte sich der Herr. Und aus dem Radio säuselte eine Stimme: Im gesamten Landkreis fällt heute wegen Eisregens der Unterricht aus.
Na bitte, dachte Frau L. und grinste, geht doch.