Epiphanias

An einem Tag im September letzten Jahres schreckte Gott aus seinem Mittagsschläfchen hoch, denn er hörte die Stimme von Frau L. Ah, dachte er, Dienstbesprechung in der Anstalt, was geht mich das an. Aber es ging ihn doch etwas an, denn Frau L. stellte einen Antrag: Hiermit beantrage sie, rief sie mit nur unzureichend unterdrückter Wut in der Stimme, den Schulbeginn nach den Weihnachtsferien um einen Tag nach hinten zu verschieben. Wo gebe es denn so was – Schule am Dreikönigstag! In all den Jahrzehnten, die sie schon in der Anstalt tätig sei, habe sie das noch nicht erlebt. Und sie begründete ihren Antrag mit Religion und Tradition.
Der Antrag wurde abgewiesen, aber Gott strich sich über den Bart, blickte wohlgefällig auf Frau L. und dachte, womöglich werde sich da etwas machen lassen.
Am Dreikönigstag um sechs Uhr morgens saß Frau L. in ihrer Küche, trank Tee und wartete auf ein Zeichen Gottes. Der Herr ging vorüber, und ein starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging vor dem Herrn her, aber der Herr war nicht im Sturmwind. Der Herr ging vorüber, und die Erde erbebte, und das Meer erbrauste, aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer, aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Und in dem Säuseln nahte sich der Herr. Und aus dem Radio säuselte eine Stimme: Im gesamten Landkreis fällt heute wegen Eisregens der Unterricht aus.
Na bitte, dachte Frau L. und grinste, geht doch.


  1. Die Verbindung zu Mendelssohns Elias stammt von der Kollegin ohne T (Latein, Religion), muss man ja mal dazusagen.

    Donnerstag, 6. Januar 2011, 9:10 Uhr von nicwest

  2. Das ist eine sehr schöne Geschichte. Fühle mich ganz epiphaniert.

    Donnerstag, 6. Januar 2011, 12:23 Uhr von Angela Leinen

  3. Die drei Weisen brachten wunderbare Geschenke. Aber Streusalz war nicht darunter.

    Donnerstag, 6. Januar 2011, 15:08 Uhr von missmaple

  4. Glaube versetzt also doch Berge.

    Donnerstag, 6. Januar 2011, 19:40 Uhr von gunda

  5. Als Gott allerdings am nächsten Morgen zufällig mitbekam, dass Frau L. nach dem neuen Stundenplan am Donnerstag ohnehin frei hat, war er dann doch ein bisschen ungehalten. Wozu, dachte er erzürnt, mach ich mir die Mühe mit dem Eisregen – ist nämlich nicht so leicht, die Temperatur genau richtig hinzukriegen – wenn Frau L. dann sowieso zu Hause bleibt, und zwar ganz legal?
    Und in seinem Groll erzeugte er den ganzen Nachmittag lang diesen fiesen Sprühregen, der die Menschen so ärgert. Richtig hell wurde es an dem Tag auch nicht.

    Freitag, 7. Januar 2011, 15:31 Uhr von nicwest

  6. Aha, Kollege G. ist also der direkte Gegenspieler des Herrn. Er wusste, dass Frau L. an diesem Tag sowieso zu Hause bleiben würde, und um weniger Arbeit mit dem Vertretungsplan zu haben, schaufelte er ihr den Donnerstag frei. Als guter Calvinist glaubte er, sich dadurch im Himmelreich noch größere Verdienste erworben zu haben, da er dafür gesorgt hatte, dass möglichst wenig Arbeitszeit ausfiel. Der Herr nahm dem Kollegen G. das aber persönlich übel, dass dieser so wenig Vertrauen in seine Blitzeismaschine gehabt hatte. Und so sah er für den Kollegen G. nur einen Platz hinter der Säule vor.

    Freitag, 7. Januar 2011, 16:48 Uhr von missmaple

  7. Habt ihr in letzter Zeit mehrfach den Gottesdienst besucht? Nichts Spannenderes in H-Burg?
    Trotzdem schöne Geschichte

    Freitag, 7. Januar 2011, 17:37 Uhr von gunda

  8. Was Spannenderes in H-Burg als die Gottesdienste? Nicht, dass ich wüsste.

    Freitag, 7. Januar 2011, 17:55 Uhr von missmaple

  9. Auch außerhalb H-Burgs gibt es kaum etwas Spannenderes als Gottesdienste.
    Unsere Interpretation war etwas netter: Kollege G. fand, als überzeugter Christ, Frau L.s Protest eigentlich angemessen; laut konnte er das nicht sagen, aber mit dem freien Donnerstag zollte er ihr heimlich Beifall. Dass er es unterließ, Gott rechtzeitig davon zu unterrichten, ist immer noch Grund genug für den Platz hinter der Säule.
    Übrigens war es in Wirklichkeit so, dass Frau L. an jenem Donnerstag um neun Uhr gerade aufgestanden war – von dem Wetter und dem Unterrichtsausfall hatte sie noch gar nichts mitbekommen – als Kollegin M. anrief, um ihr persönlich zu ihrem grandiosen Sieg zu gratulieren. Frau L. so: Hä?

    Freitag, 7. Januar 2011, 18:21 Uhr von nicwest

  10. Den ersten Satz wage ich leise zu bezweifeln - möchte mich aber nicht in die Schusslinie bringen. Möglicherweise liest ER auch Blogeinträge.

    Sonntag, 9. Januar 2011, 12:52 Uhr von gunda

  11. Mit Sicherheit tut er das. Besonders die, in denen er selber mitspielt.

    Sonntag, 9. Januar 2011, 13:33 Uhr von nicwest

  12. Ach gottogott. Was die Menschen so über mich schreiben.

    Montag, 10. Januar 2011, 0:18 Uhr von gott

  13. Oh ja, einen Haufen Blödsinn. Und Propheten und Messiasse nehmen auch nicht alle ernst.
    Aber das mit dem 6.1. haben Frau L. und alle anderen Beteiligten gut hinbekommen.

    Montag, 10. Januar 2011, 20:55 Uhr von das t

Kommentar schreiben

Powered by WP Hashcash