J.

Die meisten Leute treffen die Freunde fürs Leben in der Schule oder an der Uni. Ich während des Auslandsjahrs in Glasgow.
Zum Beispiel J. Sie fiel mir gleich am ersten Tag auf, in der Einführungsveranstaltung für die ausländischen Studenten, denn sie kam auf grandiose Weise zu spät und musste sich im Hörsaal in die erste Reihe setzen. Ich saß in der zweiten. Sie hatte tolle Haare, frische Dreads, die zweieinhalb Stunden zum Trocknen brauchten und im Laufe des Jahres schleichend verfilzten.
Auf irgendeiner anderen Veranstaltung, auch in den ersten Tagen, kamen wir ins Gespräch, und sie lud mich zum Tee ein. Sie hatte zusammen mit einer Freundin ein privates Quartier gefunden, mit einem Übermieter, der die Asche seines toten Bruders in einer Urne auf dem Kaminsims aufbewahrte. Der hieß Robert, und sämtliche Freunde der Mitbewohnerin in dieser Zeit hießen auch Robert.
J.s Hauspantoffeln hingegen hießen Konrad und Paul.
Ihr Fach war Film, meins Literatur, aber gemeinsam besuchten wir den Übersetzungskurs für Deutsche bei Mrs Sirc. Auch dort kam J. regelmäßig zu spät, denn er begann schon um neun. Einmal lachte sie mich mitten im Kurs lauthals schamlos aus, es ging um Präpositionen und die Frage, ob der Hund nachts draußen in der Hundehütte oder im warmen Wohnzimmer schläft – ich Stadtkind war natürlich fürs Wohnzimmer. Von Mrs Sirc haben wir übrigens gelernt, wie man to gauge ausspricht und dass die Schotten zu dem Ort Milngavie [mʌlˈgaɪ] sagen.
In J.s Wohnung gab es keine Waschmaschine, in unserem Keller dagegen zwei, und also dachte sie sich einen Deal aus: Jedes Mal, wenn sie bei uns wusch, kochte sie ein Essen, von dem die ganze WG etwas abbekam. Das war total unnötig, denn erstens hatte ja die Waschmaschine die Arbeit und nicht wir, und zweitens wurden wir für etwas belohnt, was gar nicht unser Verdienst war. Weil Kochen aber noch nie meins war, lag es mir fern, mich zu beklagen.
Öfter waren wir zusammen im Kino, meistens im GFT. Besonders gut erinnere ich mich an einen sonnigen Sonntagmorgen, an dem wir im Dunkeln hockten und zwei Filme hintereinander sahen, Bringing up Baby und noch einen. Für sie als Filmfestivalbesucherin war das nichts Besonderes, aber ich musste eigens überredet werden.
Auch sind wir zu jeder Tages- und Nachtzeit Kelvin Way zu Fuß entlanggegangen, obwohl man uns als erste und wichtigste Überlebensregel für Glasgow beigebracht hatte: Don’t walk Kelvin Way.
Ein paar Mal waren wir mit dem Auto im Umland unterwegs, am besten erinnere ich mich an die Fahrt zum angeblich bizarrsten Gebäude Schottlands. Von diesem Ausflug gibt es ein Foto, auf dem J. auf einem Baumstumpf steht und gerade pineapple sagt. Als sie Glasgow verließ, hatte sie einen frischen Lachs im Gepäck, was mich an Umberto Ecos Geschichtchen Wie man mit einem Lachs verreist erinnerte.
Zum letzten Mal haben wir uns vor drei Jahren in Hamburg gesehen, wieder im Kino, davor vor sechs Jahren in Berlin bei einer Tagung (wo ich mit einiger Verspätung und dank Judith Halberstam kapiert habe, wozu Queer Theory gut ist), davor irgendwann mal in Hannover, wahrscheinlich vor neun Jahren.
Demnach wäre es mal wieder an der Zeit.


  1. man sollte niemals unterschätzen, freund*innen zu haben, die selbst eine einwanderin an einem deprimierenden wintertag in schweden zum lachen bringen können! danke ;-)

    Montag, 31. Januar 2011, 17:35 Uhr von J.

  2. haben wir eine gemeinsame bekannte?

    Montag, 31. Januar 2011, 18:28 Uhr von adelhaid

  3. Scheint so. Das wollte ich euch schon länger mal fragen, ist ja nicht so ganz abwegig. (Von wegen sieben Ecken.)
    Woran hast du das denn jetzt erkannt?

    Montag, 31. Januar 2011, 20:00 Uhr von nicwest

  4. schweden

    Dienstag, 1. Februar 2011, 14:45 Uhr von adelhaid

  5. ich kann mich aber auch täuschen.. je länger ich nachdenke, desto unwahrscheinlicher erscheint es mir.

    Dienstag, 1. Februar 2011, 14:55 Uhr von adelhaid

  6. ->DM

    Dienstag, 1. Februar 2011, 15:44 Uhr von nicwest

  7. Ja, das mit der Anonymität. Aber komisch isses trotzdem. Small world.
    Auch komisch: Ich geb mir die allergrößte Mühe mit ellenlangen Beschreibungen, und dann genügt dir ein einziges “Schweden” und du weißt, wen ich meine. Sehr komisch sogar.

    Dienstag, 1. Februar 2011, 18:15 Uhr von nicwest

  8. naja, der buchstabe hat schon auch geholfen. kino auch.
    und das schweden, das kam von ihr.

    Dienstag, 1. Februar 2011, 21:25 Uhr von adelhaid

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