Archiv März 2011

Wie man sich selbst austrickst

Dienstag, 29. März 2011

Frau L. kennt sich ja nun schon eine ganze Weile. Und weil das so ist, weiß sie allerlei Wege und Mittel, um sich selbst auszutricksen. Heute zum Beispiel die Sache mit dem Fisch.
Da kauft sie nun vor der Konferenz einen Fisch. Der Fisch kann bei der Konferenz auf gar keinen Fall zugegen sein, denn solche Konferenzen dauern gern auch mal länger, und dann wird der Fisch schlecht. Der Fisch muss also in den Kühlschrank im Lehrerzimmer.
Das Lehrerzimmer allerdings ist vom Konferenzraum meilenweit entfernt. Der Weg vom Konferenzraum zum Parkplatz führt unter keinen Umständen am Lehrerzimmer vorbei. Wie stellt nun aber Frau L. sicher, dass sie den Fisch nach der Konferenz nicht vergisst? Sie lagert ihren Autoschlüssel im Kühlschrank im Lehrerzimmer. Direkt neben dem Fisch. Wenn sie dann, so mutmaßt sie, nach der Konferenz vor ihrem Auto steht und den Autoschlüssel nicht findet, wird sie sich erinnern, dass der sich im Kühlschrank im Lehrerzimmer befindet, direkt neben dem Fisch.
Nach der Konferenz, die doch nicht so lange dauert wie befürchtet, hat Frau L. all das vergessen. Sie steht vor ihrem Auto und fragt sich, zunehmend panisch, wo wohl ihr Autoschlüssel sei. Das könne doch nicht sein, noch nie habe sie ihren Autoschlüssel verloren, das sei doch komplett unmöglich… Zum Glück kommt Frau mit T vorbei, die das alles mitverfolgt hat. Sie verweist höflich auf den Kühlschrank im Lehrerzimmer. Frau L. holt ihren Autoschlüssel mitsamt dem Fisch und triumphiert ob ihres grandiosen Selbstüberlistungsversuchs. Das wird sie jetzt immer so machen.

Die Hübschigkeit der Schauspieler (8)

Sonntag, 27. März 2011

Kikujiros Sommer, 1999, mit Takeshi Kitano, Yusuke Sekiguchi, Kayoko Kishimoto

Kollegin K. pflegt eine seltsame Vorliebe für Filme mit kleinen Jungs in der Hauptrolle, das gibt uns zu denken. Diesmal macht sich ein Achtjähriger auf, seine Mutter zu suchen; zusammen mit dem griesgrämigen Kikujiro fährt er von Tokio aufs Land, ohne Geld, ohne Plan, nur mit einer Adresse im Rucksack. Sie treffen allerlei skurrile Leute, tun seltsame Dinge, erleben Enttäuschungen und freunden sich an. Am Ende kommen sie zurück ins betonierte und menschenleere Tokio.
Frau L. hat sich extra aufrecht hingesetzt und weigert sich, ein Kissen als Rückenlehne zu akzeptieren, aus Angst, wieder einzuschlafen, wie beim letzten Mal. Darüber hinaus ist sie brastig, weil sie am nächsten Tag, einem Sonnabend, beim schriftlichen Abitur Aufsicht führen muss. Am Heiligen Wochenende! Statt über den Film reden wir über solche Sachen. Der Film nämlich lässt uns etwas ratlos zurück. Mit Realismus und Psychologie kommt man ihm nicht bei. Rationale Erklärungen für Verhaltensweisen gibt es nicht. Kollegin G. sieht Parallelen zu Tati, aber Tati ist lustig. Melancholisch und poetisch – hm, dazu ist er dann wieder zu albern. Das böse Wort Langeweile fällt. Jeder Schnitt kommt ein paar Sekunden zu spät, es gibt quälend lange Einstellungen ohne irgendein Geräusch, die Gedanken schweifen ab.
Dass sich die Kritik auch nicht einig ist, ob sie den Film mag oder nicht, sieht man hier sehr schön. Über die Hübschigkeit der Schauspieler reden wir nicht. Sie sind nicht hübsch. Allerdings mag ich, wie Kitanos Auge zuckt. Jemand fragt, was wir aus diesem Film gelernt haben. Dass Japans Landschaft so grün ist und fast aussieht wie hier. Und ich habe gerade eben gelernt, was es mit dem riesigen Tattoo auf Kikujiros Rücken auf sich hat.

Limerick (73)

Dienstag, 22. März 2011

Oh, da hat jemand mit diesem hervorragend wunderschönen Meta-Doppellimerick um Aufnahme in den VHMLH ersucht.
Ein neues Mitglied, hurra!

Ein Limerick traf einen Meta-
kollegen nacktbadend auf Kreta.
Der sagt: “Oh, wie klein
der ist, kann das sein?
Schau mich an, ich hab’, verglichen mit dir, viel mehr dran an mir, rund zwei Dezimeter!”

“Deshalb trag ich doch keinen Schurz,”
entgegnet der, “das ist mir schnurz!
Ich weiß, in der Kür-
ze liegt doch die Wür-
ze. Drum lass ich darauf ‘nen.”

Zimmerpflanzen – Eine Familiensaga (3)

Freitag, 18. März 2011

Wenn Leute auf Klassenfahrt gehen und ich kann nicht mit, dann find ichs doppelt nett, wenn mir eine von denen vorher einen Gastbeitrag schickt – als Trost sozusagen. Er heißt Die Küchen- papyrus, denn die Autorin vermutet hier eine u-Deklination. Der Duden vermutet, dass der Plural Papyri heißt, aber wenn man das Foto genauer betrachtet, dann weiß man, dass es Papyrus sein muss. Diese Zimmerpflanzen-Fotografien machen mich übrigens schwindelig, weil sie einen Rekord aufstellen in der Disziplin „mög- lichst viele vertikale Linien, von denen keine einzige parallel zum Bildrand verläuft“. Und nach wie vor finde ich es faszinierend, wie viel man über Zimmerpflanzen schreiben kann, ohne dass es langweilig wird.

auf der fensterbank neben dem basilikum stehen zwei kleine papyrus. klein werden sie genannt, da sie in kleinen töpfen stecken. hoch sind sie etwa einen halben meter und die stengel sind verhältnismäßig dünn. der eine steckt in einem plastiktöpfchen, so einer, den man bekommt, wenn man im frühling eine hyazynthe kauft. oder narzissen. sowas billiges, kleines. dieser plastiktopf wiederum steckt in einem blauen übertopf, dessen herkunft mir jetzt nicht mehr geläufig ist; wahr- scheinlich war mal eine geschenkte pflanze drin, die das zeit- liche geseg- net hat, oder – falls es ihr besser erging – so stark gewachsen ist, dass sie umgetopft wurde. ich weiß es nicht mehr. das interessante an dieser kombination ist jedoch (the point is, and i do have one…) dass dieser plastiktopf alles andere als rund ist. er ist eher von einer spitz-zulaufenden eiförmigkeit, und steckt auch längst nicht so tief in dem blauen übertopf, wie er sollte. der grund hierfür liegt in der unsterblichkeit und dem perfiden überlebenswillen eines papyrus begründet. die pflanze (und ich fang hier gar nicht erst mit diminutiven an) hat inzwischen so viele wurzeln, dass sie den topf sprengen. der papyrus steht auf einem gut zwei zentimeter dicken wurzelfuß, und was genau er in dem topf selber macht, kann ich nur erahnen. es ist aber etwas spitzes… und eiförmiges. mehr weiß ich auch nicht.
der papyrus daneben befindet sich in einem völlig geschlossenen topf. papyrus leben von staunässe, einem zustand, den jede schwächere zimmerpflanze mit blässe, stinkefüßen und letztlichem tod quittiert. nicht so der papyrus. der steht da drauf. der will im wasser stehen. und der in dem geschlossenen gefäß macht, meiner vermutung nach, genau das gleiche wie der in dem plastiktopf, nur, dass der tontopf immer noch stärker ist, und nicht aus der form zu pressen ist. allerdings macht sich die tatsache, dass auch diese pflanze nur noch wurzelmasse im topf hat, daran bemerkbar, dass, wenn man zu wenig wasser da ist, sich die oberfläche von den seitenrändern des topfes löst, und man in unergründliche tiefen blicken kann. wenn man dann wieder gießt, schließt sich dieser abgrund. genau sagen, ob noch erdreich da ist, die wurzeln zu bedecken, kann ich auch nicht, denn die oberfläche ist von moos überwuchert (das moos wiederum stammt aus dem feldsalat, den eine ehemalige mitbewohnerin mal gemacht hat – sie meinte, den jetzt nich so gründlich waschen zu müssen; der sah ja so sauber aus. als ich mir dann an einem grashalm ein stück moos aus dem mund zog, weil es doch sehr knirschte, zuckte sie nur mit den schultern. ich führte das moos dem topfe zu – zu dem zeitpunkt war noch erde sichtbar – und siehe da: eine balsamico/öl marinade macht so einem moos nix aus, das wächst trotzdem weiter (und liebt staunässe… hab ich schon von staunässe gesprochen?)).
insgesamt sind die zwei so ein mittelschöner anblick. neben dem basilikum kommen sie aber ganz gut zur geltung und mein vorsatz für 2011 ist es immerhin, meine zimmerpflanzen umzutopfen, bzw ihnen mal wieder ein bisschen erde zu geben.
wobei ich das mit dem moos eigentlich ganz schön finde.

Limerick (72)

Donnerstag, 17. März 2011

There once was an X from place B
that satisfied predicate P.
He or she did thing A
in an adjective way,
resulting in circumstance C.

Mitbewohner

Freitag, 11. März 2011

Die letzten Klausuren der Abiturkinder vor dem Abitur liegen hier halb korrigiert herum, und also habe ich keine Zeit für nichts. Anscheinend gibt es aber genügend Leute, die sich gerade grandios langweilen, und wenn ich das mitbekomme, dann frage ich sie, ob sie nicht einen Gastbeitrag für mein Blog schreiben wollen. Manche wollen das, und ich schätze das sehr. Heute ist missmaple dran, und sie macht das großartig. Bitte folgen Sie ihr in großen Mengen.

Soeben habe ich eine Einladung in diese virtuelle WG (so stellt es sich jedenfalls momentan dar) erhalten; ich soll was über Schafe oder Mondkälber schreiben. Ich variiere das Thema ein wenig: MITBEWOHNER.
Meine erste WG (schröbe ich eine Doktorarbeit, setzte ich hier meine erste Fußnote und konstatierte, dass mein WG-Begriff dem Zwei-Personen-Nahkampf entspricht. Und ich wiese den Fundort korrekt nach) bezog ich im Alter von 21 Jahren. Bonn, rechtsrheinisch. Nummer zwei: J., eine Freundin aus dem Studium. Wir wohnten in einer Souterrainwohnung, über uns eine Juristenfamilie mit drei Söhnen zwischen zwei, fast fünf („Fällt dir was an mir auf?“ „Nein.“ „Ich hab am Dienstag Geburtstag.“) und sieben Jahren. Das Bad hatte rosa Fliesen, schwarz gerahmt, was mich immer an eine besonders ekelerregende Version von Lakritze erinnerte. Im Übrigen aber war die Wohnung ganz wunderbar hergerichtet und wir hatten Familienanschluss, wenn wir wollten. Gerne erinnere ich mich an den Lachanfall, den ich angesichts des Kresseigels unter der brennenden Dunstabzugsfunzellampe bekam: Den hatte J. dahin gestellt, damit die Kresse auch schön wüchse, schließlich wohnten wir ja unterirdisch…
Viele Jahre später und mehrere hundert Kilometer weiter nördlich zog ich eines Nachts, nur mit einem Rucksack bepackt, zu Kollegin H. Es fiel Schnee, ich begegnete niemandem, nicht mal meiner zukünftigen Gastgeberin; die war nämlich verreist und hatte mir aufgrund einer dunklen Ahnung ihren Wohnungsschlüssel zurückgelassen. Bei ihr wurde das Leben jeden Tag ein bisschen leichter und großartiger. Es folgte ein Sommer mit etwas, was der Kollege von nebenan „neverending barbecue“ nannte. Außerdem kauften wir uns ein Planschbecken.
Seit fünf Jahren bin ich nun mitbewohnerinnenlos. Und ich finde das gut. Ich kann gut allein sein, jawohl. Am Wochenende besuche ich den besten Mann der Welt in der Hauptstadt. Er wohnt in einer WG, und nächtlich unsanft ins Schloss geworfene Türen und viele andere Details überzeugen mich davon, dass meine WG-Zeit nun vorbei ist. Dachte ich. Seit einigen Wochen wohnt ein Kollege, nennen wir ihn Karl-Theodor, bei mir. Er hat eine Wohnungskündigung erhalten und hat noch nichts Neues. Allabendlich stritten wir uns unlängst über das Plagiat seines Namensvetters; ich hatte die besseren Argumente, er die größere Hartnäckigkeit. Auch das von mir genüsslich zu seiner Kränkung wiedergegebene diesbezügliche Gespräch mit der Blog-Betreiberin („Frau Doktor, wo verläuft die Grenze zwischen denen, die eine plagiierte Dissertation herunterspielen und denen, die das empörend finden?“ Frau Doktor: „Bildung!“) konnte ihn nicht beirren, logisch, er ist schließlich durch ein hartes Studium (…) gegangen.
Er trinkt Cola zum Frühstück. Er verschmäht die von mir praktizierte Kaffeekochmethode (Filter auf die Tasse und Wasser drauf) und stellt eigens eine Kaffeemaschine auf, weil er das Geräusch so schön findet. Er stellt sich vor, zu einem Popsong mit einem grünen Hütchen herumzuhüpfen; außerdem hat er Visionen von einem libyschen Diktator, dem Kollegin mit T ein Stück Marmorkuchen reicht. Er sagt, wenn ich die Küche putze: „Hey, das machst du auch nicht zum ersten Mal“. Er prüft die Staubdecke des Türsturzes, sagt gebieterisch „Gib mal den Lappen, du Zwerg!“ und wischt mit Kennerblick die Wollmäuse von Stellen, die zu putzen mir im Leben nicht einfallen würde. Er fragt mich jeden Abend mit unbewegter Miene, ob ich morgen zur ersten Stunde Unterricht hätte (JA, JEDEN TAG, NICHT KOMISCH), obwohl er die Antwort bereits kennt.
Tja, und jetzt ist er nicht da und ich langweile mich so grandios, dass ich einen Blog-Eintrag verfasse. Wenn das mal kein gutes Zeichen ist. Ein Karl-Theodor darf doch bleiben. Ein paar Wochen allemal.

Zimmerpflanzen – Eine Familiensaga (2)

Dienstag, 8. März 2011

Seit mein Blog von adelhaid mit Zimmerpflanzen beliefert wird, ist es gleich viel wohnlicher. Ganz egal, dass Folge zwei „Basilikum“ heißt, Hauptsache grün.

nicht direkt die klassische zimmerpflanze, ich gebe es zu. aber dennoch sind gerade diese kleinen töpfe oft mit vielen emotionen behaftet (stirb! stirb! nein!!! nicht jetzt!!!), und werden, da sie in küchen wohnen, auch oft von mehreren menschen umhegt.
das geht meinem basilikum jetzt nicht direkt so. der wohnt zwar in der küche, aber die mitbewohner- innen sind eher uninteressiert an ihm. die eine versucht bei längeren abwesenheiten meinerseits immer mal wieder einen rettungsver- such, und so komme ich nicht selten zu einem klatschnassen drecktopf mit schlappen blättern zurück, die sich aber bis zum folgenden morgen wieder aufstellen und auf basilikum machen.
die andere mitbewohnerin hat upon arrival dieses basilikums schon verlautbart, dass es ja ohnehin in sechs wochen sterben würde, denn diese dinger werden ja vor der auslieferung schockgefroren und dann müssen sie sterben. bzw, wenn das mit dem schockgefroren nicht stimmt, dann ist da in diesen weißen dingern, die in der erde sind, bestimmt irgendwas drin, was die pflanze langsam und qualvoll sterben lässt, und mich dann dazu bringen wird, wieder neues basilikum zu kaufen, damit den konsum und den kommerz unterstütze, und überhaupt, ist das eigentlich eine bio-pflanze?
ne, die is ausm emsland, wie alle anderen auch, und sie war besonders billig, weil sie nämlich ein jäckchen trug, auf dem estragon stand. ich hab sie zusammen mit einer petersilie gekauft, beide zusammen ein euro, und die petersilie hat leider ein paar tausend freunde mitgebracht und landete schnell im müll.