Archiv Mai 2011

Satzzeichen wie ein Schlagzeug

Samstag, 21. Mai 2011

Er fiel auch, mit diesem kleinen Haufen, schon, beim Einbruch der dritten Nacht, den Zollwärter und Torwächter, die im Gespräch unter dem Tor standen, niederreitend, in die Burg, und während, unter plötzlicher Aufprasselung aller Baracken im Schloßraum, die sie mit Feuer bewarfen, Herse, über die Wendeltreppe, in den Turm der Vogtei eilte, und den Schloßvogt und Verwalter, die, halb entkleidet, beim Spiel saßen, mit Hieben und Stichen überfiel, stürzte Kohlhaas zum Junker Wenzel ins Schloß. Der Engel des Gerichts fährt also vom Himmel herab; und der Junker, der eben unter vielem Gelächter, dem Troß einiger Freunde, der bei ihm war, den Rechtsschluß, den ihm der Roßkamm übermacht hatte, vorlas, hatte nicht sobald dessen Stimme im Schloßhof vernommen: als er den Herren schon plötzlich leichenbleich: Brüder, rettet euch! zurief, und verschwand. Kohlhaas, der, beim Eintreten in den Saal, einen Junker Hans von Tronka, der ihm entgegen kam, bei der Brust faßte, und in den Winkel des Saals schleuderte, daß er sein Hirn an den Steinen versprützte, fragte, während die Knechte die anderen Ritter, die zu den Waffen gegriffen hatten, überwältigten und zerstreuten: wo denn der Junker Wenzel von Tronka sei?“

Aus: Heinrich von Kleist, Michael Kohlhaas (1810), Stuttgart 1982, S. 30/31.
markieren, um den Text zu lesen

Zweiter Frühling

Donnerstag, 19. Mai 2011

Der Finne an sich geht ja eher nicht so gern aus sich heraus, aber wenn er Eishockey-Weltmeister wird, ist das ganz anders. Dann feiert er Orgien im Hafen von Helsinki, macht Autokorso mitten in der Nacht und hinterlässt insgesamt eine Spur der Verwüstung, die am nächsten Morgen nicht rechtzeitig beseitigt werden kann, bevor die Touristen auf den Beinen sind. Das ist dem Finnen unangenehm.
Die jungen Birken leuchten in frischem Lindgrün, aber im Schatten vor dem Einkaufs- zentrum ver- steckt sich noch ein Schneeberg. Kalt ist es auch. So weit ist es noch nicht her mit dem finnischen Frühling.
Wir besuchen eine ganze Reihe von Schulen und schließen morgens Wetten ab, wieviele Tassen Kaffee wir aus Gründen der Höflichkeit gezwungen sein werden zu trinken. Finnische Schulkinder sind scheu, ernst und diszipliniert, und wir wundern uns, wie kräftig die Stimmen der Erstklässler klingen, wenn sie uns was vorsingen müssen. Ein winziges Mädchen kramt drei Lieder hindurch in ihrem Pult nach dem richtigen Textblatt; als sie es gefunden hat, ist das Konzert zu Ende. Sie hat aber die ganze Zeit auswendig mitgesungen.
Abends sitzen wir mit den lang vertrauten Freunden in der Sauna, trinken finnischen Wodka und reden über Schulsysteme. Unsere Elternvertreterin, zum ersten Mal dabei, ist beeindruckt.
Am letzten Abend gibt es Livemusik: Die eigens drei Stunden zuvor gegründete Band „The Headmasters“ gibt ihr erstes Konzert. Niemand von denen kann Deutsch, dennoch singen sie sehr engagiert „99 Luftballons“. Danach zerstreiten sie sich und lösen sich umgehend wieder auf.
Auf dem Rückflug sitzen wir inmitten einer Großgruppe bekloppter Chinesen, die sich allesamt daneben benehmen. Sie klauen den Stewardessen Weinflaschen aus ihren Wägelchen, wollen Nudelsuppe aufgewärmt haben, schnallen sich ohne persönliche Aufforderung nicht an und erwecken insgesamt den Eindruck von Hektik und Chaos. Die Kollegen weiter vorn grinsen schadenfroh herüber.
Der Abholer bringt als Willkommensgruß nicht Blumen mit, sondern Lutscher.

Die Hübschigkeit der Schauspieler (9)

Samstag, 14. Mai 2011

The Grass is Greener, 1960, mit Cary Grant, Robert Mitchum, Deborah Kerr, Jean Simmons

Keine kleinen Jungs diesmal, kein Quest, sondern ein klassischer Erwachsenen-Film, eine Ehebruchsgeschichte mit Happy End, die zeitweise wirkt, als sei sie mit Zeitraffer gedreht worden. Wir beginnen auf Englisch, aber nach fünf Minuten gebietet Frau L., die den Film ausgewählt und in einer Hauruck-Aktion hat ordern lassen, man möge auf Deutsch umschalten – sie kenne diesen Film nun mal auf Deutsch, und auf Englisch komme ihr alles so komisch vor. Auf Deutsch trägt er den beknackten Titel Vor Hausfreunden wird gewarnt, wo er doch eigentlich Die Kirschen sind süßer oder so ähnlich heißen müsste.
Lustig sind die Szenen, in denen Touristen durch das Schloss geistern, und alle Auftritte des Butlers. Der beste Dialog entspinnt sich, als die Frauen den Schuss gehört haben, in den Salon stürmen und noch nicht wissen, dass gerade ein Duell stattgefunden hat:

Hilary: Was ist denn hier los?
Hattie: Sie tragen alle Brillen!

In der Tat tragen sie alle übertrieben dicke, schwarze 60er-Jahre Hornbrillen, weil sie nicht mehr die Jüngsten sind und sehen wollen, wo sie hinschießen – schließlich dürfen sie einander auf keinen Fall töten oder schwer verletzen.
Hinterher reden wir ziemlich viel über Unterwäsche. Frau L. äußert diese seltsame These: Je emanzipierter eine Frau, desto Schiesser-Feinripp die Unterwäsche. Die ist ganz sicher falsch. Auf die Unterwäsche kommen wir, weil es im ganzen Film nur eine einzige Szene gibt, in der ein Schauspieler nicht ganzkörperbedeckt ist. Auf genau diese Szene spielt die britische Schauspielerin Sophie Ward – sie besitzt ein wunderbares Blog, in das sie gelegentlich auch mal etwas hineinschreibt – mit den folgenden Worten an:

I was thoroughly enjoying reading the script until I got to the stage direction where I take off my coat and stand in my underwear. This only means one thing and regular readers will know it. No more donuts, dammit.

Was die Hübschigkeit der Schauspieler betrifft, ist Frau L.s Meinung ganz eindeutig: Cary Grant ist klassisch schön, Robert Mitchum hingegen grobschlächtig und verschlagen. Der Lieblingskollege schließt sich an, aber mit der eigenwilligen Begründung, das Grübchen in Robert Mitchums Kinn sei zu tief. Kollegin K. und ich finden das alles überhaupt nicht. Über die Frauen redet niemand.
Am nachdrücklichsten im Gedächtnis bleibt vielleicht die Szene, in der Jean Simmons sich in maßlos übertrieben gespielter Müdigkeit in einen Sessel sinken lassen muss. Uaaah.

Klassenfahrt

Freitag, 13. Mai 2011


Ich liebe ja dieses.