Um es vorweg zu nehmen: Zum Einmarsch der Abiturienten spielte eine Orgel.
Aus Platzgründen fand die Abi-Entlassung in diesem Jahr in einer Kirche statt – ein Umstand, den die Abiturkinder in ihrer Rede sofort zum Einsatz von Wassermetaphorik nutzten („Schiff“). Die alljährliche Wette brauchte aber diesmal gar nicht gewettet zu werden, weil das Jahrgangs-Motto Pirates of the CarABIean war und die ganze Zeit von Segelfahrten, Beutezügen und über Bord gehenden Matrosen geredet wurde.
Die Kirche war auch der Grund für das Grußwort eines Pastors, der sich als Pastor loci vorstellte. Er sagte lotzi, und ich dachte die ganze Zeit, was soll das denn jetzt, der heißt doch Köhler, bis mich Frau L. aufklärte. Frau L. saß zur Unterhaltung neben mir und fand schulterfrei in der Kirche und Sektempfang in der Kirche blasphemisch.
Die offizielle Festrede dauerte fünfundzwanzig Minuten, das ist ein neuer Rekord. Sie kam vollständig ohne rhetorische Mittel aus. In ihr und in zwei anderen Reden wurde nachdrücklich auf die anstehenden schulpolitischen Veränderungen hingewiesen. Nach den entsprechenden Ausführungen sagte der Vertreter des Landkreises, es stimme nur bedingt, dass die Abiturienten das alles gar nicht mehr betreffe, dann ging er ohne Erklärung zur Abschiedsformel über. – Die Abiturkinder merkten hinterher schüchtern an, sie hätten sich gewünscht, dass es mehr um sie gegangen wäre.
Die beste Rede kam von der Silbernen Abiturientin. Die kennen wir, weil sie eins unserer Stammetablissements besitzt. Sie hielt eine lustige, gut geredete Rede in Form einer Liste, die Formulierungen enthielt, von denen man dachte, die könne man mal googeln. Es war dann die Übersetzung einer Zeitungskolumne der Chicagoer Journalistin Mary Schmich, bekannt geworden durch Baz Luhrmanns Vertonung von 1999 unter dem Titel Everybody’s Free (To Wear Sunscreen). Ein Plagiat, wie passend.
Am allerbesten fand ich diese Erkenntnis aus der Rede der Abiturienten: Alliterationen lassen sich in jedem Text finden.
Wohl wahr.