Archiv Juni 2011

Die Mühen der Ebene (30. Juni)

Donnerstag, 30. Juni 2011

Dieses Jahr, hatte ich gedacht, schaffe ich es bis zu den Sommerferien ohne Klebezettel an der Wohnungstür und ohne vollkommenes Chaos auf dem Schreibtisch.
Pustekuchen.
Die Ablage sieht im Moment so aus, dass ich alle Papiere, die in meinem Fach oder sonstwo auftauchen, einfach auf den Stapel auf meinem Schreibtisch werfe. Wichtig oder unwichtig, völlig egal.
An der Innenseite der Wohnungstür kleben heute zwei Zettel, auf dem einen steht Zeugnisse unterschreiben, auf dem anderen Klassenschrank ausräumen. Wann ich das mache, ist unklar. Aber es wird irgendwann morgen passieren. Falls ich mich erinnere.

Die Mühen der Ebene (29. Juni)

Mittwoch, 29. Juni 2011

Wie zwölfjährige Mädchen ein Plumpsklo benutzen.
Bei der bloßen Erwähnung des Wortes in Verbindung mit dem deutenden Zeigefinger erschrecken sie in den höchsten Tönen („Waaas? Hier gibt es keine richtige Toilette? Wenn wir das gewusst hätten, wären wir nicht mitgekommen!“). Schrillere Schreie noch erklingen bei der Begutachtung der Vorrichtung. Deren Ergebnis wird unverzüglich und lauthals der ganzen Klasse mitgeteilt („Da ist gar nichts, da ist nur so ein… Also, da ist nur ein Loch! Und da fällt das dann einfach so…. Uaaaah, ist das eklig!“) Und außerdem rieche es voll Kacke.
Weil es aber wohl doch dringend und die Alternative – im Wald, ganz ohne Klo – nicht tragbar ist, muss das Plumpsklo schließlich doch benutzt werden. Vor dem Betreten der Einrichtung holt man tief Luft und hält den Atem an. Dann verrichtet man sein Geschäft so schnell es geht. Wenn man noch nicht fertig ist und aber trotzdem dringend atmen muss, rennt man zum Herzchen (ja, es ist ein echtes Plumpsklo) und saugt frische Luft von draußen ein wie ein soeben vor dem Ertrinken Geretteter.
Wer diese Tortur auf sich genommen und knapp überlebt hat, informiert flugs noch einmal die gesamte Klasse über die Qualen („Iiiiiiiiih!“), um dann gleichmütig das unterbrochene Frisbee-Spiel wieder aufzunehmen.

Diese geblähten Nüstern in dem Herzchen – von außen sah das ziemlich lustig aus.

Die Mühen der Ebene (28. Juni)

Dienstag, 28. Juni 2011

Sechs Stunden, noch mehr Zeugniskonferenzen, Zeugnisse schreiben, zweite Aufführung vom Musical.
Morgen Wandertag.

Die Mühen der Ebene (27. Juni)

Montag, 27. Juni 2011

In Zeiten der Zeugniskonferenzen herrscht im Lehrerzimmer eine besondere Stimmung. Dort überbrücken die Kollegen Wartezeit, manchmal eine Stunde oder länger, manchmal auch nur eine Viertelstunde – je nachdem, in welchen Klassen man unterrichtet. Im Viertelstundentakt finden die Konferenzen statt, so dass die Besetzung im Lehrerzimmer ziemlich häufig wechselt. Wenn man länger warten muss, geht mal jemand, dann kommt mal ein ganzer Schwung dazu, dann noch jemand, dann springt wieder wer auf und geht.
Natürlich wird auch ernsthaft über Versetzung, Nichtversetzung und Überweisung an die Realschule gesprochen, und wem die eigene Konferenz bevorsteht, der muss sich sowieso ein bisschen konzentrieren – aber der Rest redet über die absurdesten Dinge. Seit Jahren ist es zudem so, dass der hiesige Wettergott an den zwei Zeugniskonferenztagen das allersommerlichste Wetter herstellt, das er sich vorstellen kann, so dass eine halbernst-verzweifelte „Wenn diese Konferenzen nicht wären, dann könnten wir…“-Stimmung entsteht.
Themen, über die ich heute sehr ernsthaft geredet habe:

  • Die Esoterik des amerikanischen Traums.
  • Kann man jede Person in jede andere Person umschminken?
  • Nächster Wandertag: Auf dem örtlichen Flüsschen paddeln machen alle, in ihm tauchen wäre doch mal was anderes.
  • Alle Gegenstände, die man beim Tauchen im Flüsschen findet, in einer großen Installation ausstellen (Kunstprojekt).
  • Rundet man bei einer Fünf nach dem Komma auf oder ab? (Das war eine längere Diskussion, die sich um das Problem drehte, dass man in der Mittelstufe natürlich auch aufrundet, die höhere Note aber schlechter ist, man also faktisch eigentlich abrundet.)
  • Darmkrankheiten.
  • Der stumme Impuls.

Die Mühen der Ebene (26. Juni)

Sonntag, 26. Juni 2011

A lively young damsel named Menzies
inquired: “Do you know what this thenzies?”
Her aunt, with a gasp,
replied: “It’s a wasp,
And you’re holding the end where the stenzies.”

Die Mühen der Ebene (25. Juni)

Samstag, 25. Juni 2011

„Kannste mal die Klappe halten?“ sagte der Kunstkollege zum Schüler neben ihm.
Da stand er auf der Bühne und musste einen Blumenstrauß entgegennehmen, und die Klappe war die obere Hälfte des Drachenkopfes, die angehoben werden musste, damit das darunter steckende Kind sehen konnte, was passierte und ein bisschen Luft bekam.

Die Mühen der Ebene (24. Juni)

Freitag, 24. Juni 2011

Um es vorweg zu nehmen: Zum Einmarsch der Abiturienten spielte eine Orgel.
Aus Platzgründen fand die Abi-Entlassung in diesem Jahr in einer Kirche statt – ein Umstand, den die Abiturkinder in ihrer Rede sofort zum Einsatz von Wassermetaphorik nutzten („Schiff“). Die alljährliche Wette brauchte aber diesmal gar nicht gewettet zu werden, weil das Jahrgangs-Motto Pirates of the CarABIean war und die ganze Zeit von Segelfahrten, Beutezügen und über Bord gehenden Matrosen geredet wurde.
Die Kirche war auch der Grund für das Grußwort eines Pastors, der sich als Pastor loci vorstellte. Er sagte lotzi, und ich dachte die ganze Zeit, was soll das denn jetzt, der heißt doch Köhler, bis mich Frau L. aufklärte. Frau L. saß zur Unterhaltung neben mir und fand schulterfrei in der Kirche und Sektempfang in der Kirche blasphemisch.
Die offizielle Festrede dauerte fünfundzwanzig Minuten, das ist ein neuer Rekord. Sie kam vollständig ohne rhetorische Mittel aus. In ihr und in zwei anderen Reden wurde nachdrücklich auf die anstehenden schulpolitischen Veränderungen hingewiesen. Nach den entsprechenden Ausführungen sagte der Vertreter des Landkreises, es stimme nur bedingt, dass die Abiturienten das alles gar nicht mehr betreffe, dann ging er ohne Erklärung zur Abschiedsformel über. – Die Abiturkinder merkten hinterher schüchtern an, sie hätten sich gewünscht, dass es mehr um sie gegangen wäre.
Die beste Rede kam von der Silbernen Abiturientin. Die kennen wir, weil sie eins unserer Stammetablissements besitzt. Sie hielt eine lustige, gut geredete Rede in Form einer Liste, die Formulierungen enthielt, von denen man dachte, die könne man mal googeln. Es war dann die Übersetzung einer Zeitungskolumne der Chicagoer Journalistin Mary Schmich, bekannt geworden durch Baz Luhrmanns Vertonung von 1999 unter dem Titel Everybody’s Free (To Wear Sunscreen). Ein Plagiat, wie passend.
Am allerbesten fand ich diese Erkenntnis aus der Rede der Abiturienten: Alliterationen lassen sich in jedem Text finden.
Wohl wahr.