Archiv Juni 2011

Die Mühen der Ebene (23. Juni)

Donnerstag, 23. Juni 2011

Offensichtlich gab es einen Planungsfehler und jemand hat versäumt, für die morgige Abiturienten-Entlassungsfeier die Musik zu bestellen. Musik gibt es schon, der Schulchor singt und das Blasorchester spielt, aber für den Moment, in dem sich das Publikum erhebt und die Abiturienten feierlich in den Saal einziehen, gibt es keine Musik.
Ich hatte das heute beim Mittagessen schon von der Mutter einer Abiturientin gehört, die darüber so empört war, dass sie ernsthaft in Erwägung zog, eigenhändig einen CD-Player und ein geeignetes Stück mitzubringen. Die Musikkollegen erzählten später, sie seien heute Morgen gefragt worden, ob nicht Chor oder Blasorchester ein zusätzliches Stück aufführen könnte. Ungeprobt gehe das nicht, sagten sie und lehnten rundheraus ab.
Daraufhin ging man anscheinend die Liste der musikalischen Kollegen durch und kam unter anderem auch auf mich. Ich hätte doch mal Klavierunterricht gehabt, ob ich nicht einfach ein kleines Stück…, es müsse auch gar nicht besonders anspruchsvoll sein. Zum Glück wurden das wiederum die Musikkollegen gefragt und nicht ich selbst. Ich hätte nämlich vermutlich einen Lachanfall bekommen, der mich einiges an Seriosität und Glaubwürdigkeit gekostet hätte – vor zwanzig Jahren das letzte Mal Klavier gespielt, ohnehin nie gerne Klavier gespielt (zu viele Töne), vor allem nie gut Klavier gespielt, und dann mal eben ein kleines, nicht besonders anspruchsvolles Stück vor 800 Leuten…
Die Vorstellung ist wirklich absurd – wenn allerdings jemand zu mir sagt, hier, du kannst doch Englisch, übersetz doch mal eben diesen Text ins Englische, finde ich das überhaupt nicht komisch. Wahr- scheinlich wäre Ärger doch angemessener gewesen.
Und jetzt bin ich natürlich sehr gespannt, was morgen passiert.

Die Mühen der Ebene (22. Juni)

Mittwoch, 22. Juni 2011

Wettkorrigieren ist eine ganz neue olympische Disziplin. Ganz genau, Disziplin. Und deshalb muss man den Stand der Dinge per Twitter melden, und wer nicht ehrlich ist, fliegt raus. Die äußeren Umstände (Arzttermine, Unterricht, im Haus rumlaufen und Schilder angucken) bevorzugen die eine oder legen der anderen Steine in den Weg. Das macht es spannend.
Und jetzt ist es vorbei. HA!

Die Mühen der Ebene (21. Juni)

Dienstag, 21. Juni 2011

Den ganzen Vormittag lang hatte ich schlechte Laune, die legte sich erst mittags in der Mensa.
Tatsächlich war die Schule zur ersten Stunde betretbar, das war ja nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Allerdings gab es auf dem Schulhof lange vor elf Uhr die üblichen Szenen mit viel Wasser und Lippenstift (damit malten sie allen Opfern Abi 11 in die Gesichter). Neu war dieses Jahr der Rasierschaum, der sich im Lauf des Tages zu einer ekligen Masse in den Haaren von Fünft- und Sechst- klässlern verwandelte.
Um den Lippenstift kam ich kurioserweise herum, weil sie immer höflich fragten, ob sie mich bemalen dürften, und ich immer höflich antwortete, och nö. Bei solchen Sachen fragt man nicht, das macht man einfach.
Mich hat genervt, dass die Kleinen die Show auf dem Schulhof nur deshalb toll fanden, weil sie den Unterricht störte. Die Show war in Wirklichkeit einfallslos, kein bisschen kreativ und sehr langweilig. Auch ärgert mich, dass dieser Jahrgang, der letztes Jahr die etwas weniger einfallslose Abi-Show ihrer Vorgänger in Grund und Boden kritisiert hatte, nicht in der Lage war, sich etwas Besseres auszudenken.
Die Energie, die ich heute aufwenden musste, um die jüngeren Schüler trotz Abi-Show bei der Stange zu halten, hätte ich viel lieber in andere Sachen gesteckt.
Die Kollegin ohne T – aber mit F – meint, ich müsse in dieser Hinsicht gelassener werden. Mag sein.

Die Mühen der Ebene (20. Juni)

Montag, 20. Juni 2011

Niemand kann sich an ein Jahr erinnern, in dem am Tag des von der Schulleitung so genannten „Abi-Juxes“ das Schulgebäude nicht unbetretbar gewesen wäre. In diesem Jahr nun – morgen nämlich – soll eine ganz andere Vereinbarung gelten, nach der die Abiturienten ihren Jux erst um elf Uhr beginnen und vorher das Schulgelände nicht betreten.
Niemand kann das so recht glauben. Soeben beim Abi-Konzert saß ich die ganze Zeit neben dem Hausmeister und habe durch eine fingierte Wette und hinterlistige Fragen nach seinem Wetteinsatz versucht herauszufinden, ob es da eine geheime Verabredung zwischen ihm und den Abiturienten gibt, nach der sie einen Schlüssel bekommen und dann das Lehrerzimmer mit Luftballons oder Wasserbechern befüllen. Er war bereit, hundert Euro zu verwetten – das hörte sich also tatsächlich so an, als sei da nichts geplant. Bis dann, gleich nach dem Konzert, eine kleine Delegation ausgesucht höflicher Abiturienten auf ihn zukam und mit ihm in Verhandlungen eintrat.
Wir werden sehen, was morgen passiert. Heute jedenfalls ist die Nacht, in der sie im Ort umherfahren und Gartentore und Mülltonnen klauen.

Die Mühen der Ebene (19. Juni)

Sonntag, 19. Juni 2011

Garou ist die Fortsetzung von Glennkill und naturgemäß ziemlich ähnlich. Mich stören manchmal die vielen Punkte. Nach Zweiwortsätzen. Um Fakten rauszuhauen. Marlene-Streeruwitz-Imitat. Manieriert.
Das ist aber zum Glück nicht durchgängig so. Der Schafshumor ist lustig, wenn auch nicht mehr überwältigend neu. Aber. Die Ziegen.

„Was es nicht gibt, gibt es auch nicht im Wald.“
„Die Ziege sang Ziegenlieder und roch seltsam.“
„Wölfe sind eine Erfindung der Hirten, erklärte die Ziege, damit sie uns besser unterdrücken können.“
Dolmetscherziege: „Sie sagt gar nichts. – Er sagt auch nichts. – Sie sagt noch immer nichts.“
„Sicher wieder irgendein verrücktes Ziegending.“ (Die Schafe überlegen, was die „Freiheit des Dichters“ ist.)
„Jede Ziege hat einen Plan. Wir haben drei Pläne. Plan B und Plan F, und wenn alles andere schiefgeht, Plan Z.“
„Die Ziegen wirbelten herum und rannten in drei Richtungen davon, Plan B, Plan F und Plan Z.“
„Wenn das Winterlamm groß war, wollte es eine Ziege werden.“

Die Mühen der Ebene (18. Juni)

Samstag, 18. Juni 2011

Das Musical, das der Unterstufenchor in einer Woche aufführen wird, stammt vom Lieblingskollegen (Musik) und mir (Text). Wir sind keineswegs der Meinung, es gebe nicht genug Kindermusicals oder die seien alle schlecht. Sondern wir werden beide unglücklich, wenn wir nicht neben der Arbeit noch irgendwas Kreatives tun. Und wir hatten ziemlich viel Spaß beim Schreiben.
Das Stück trägt den Namen unseres Kaffs und beschäftigt sich mit der Frage, wo die Burg aus dem Ortsnamen geblieben ist. Zuerst dachten wir, wir schreiben ein historisches Stück, aber dann stellte sich heraus, dass auch die Historiker nicht wissen, wie und wann die Burg verschwand, und also mussten wir uns etwas ausdenken. Jetzt spielt ein Drache mit und eine Grafentochter, die kritische Kunigunde. Kunigunde tanzt nicht gern, und mein Lieblingsstück ist ein Tango, in dem Kunigunde wie ein Sack Kartoffeln in den Armen des Drachen hängt und singt: Als sinnfrei körperliche Regung / dient das Tanzen nicht der Fortbewegung. Wenn Sie jetzt meinen, das sei sprachlich zu schwer für Elf- und Zwölfjährige, dann haben Sie Recht. Ich finde aber, Kinder können manchmal ruhig überfordert werden, was ihre Muttersprache betrifft.
Mich ärgert ein bisschen, dass wir den alten Meta-Witz nicht untergebracht haben: Die Band spielt Hintergrundmusik, auf der Bühne passiert Handlung, und plötzlich beugt sich von oben jemand runter und sagt zur Band: Ey, könnt ihr vielleicht mal ruhig sein, wir haben hier was Wichtiges zu besprechen.
Na, nächstes Mal.

Die Mühen der Ebene (17. Juni)

Freitag, 17. Juni 2011

Am nächsten Samstag ist Musical-Premiere – wie jedes Jahr der Höhepunkt des musikalischen Jahres im Unterstufen-Chor (5./6. Klasse). Die ganze nächste Woche lang wird der Chor dafür proben, und weil ein Drittel meiner Klasse im Chor ist, wird an regulären Unterricht nicht recht zu denken sein. Auch diese Woche fehlte ein Drittel, nämlich das, das in der Blut-AG des Kunstkollegen ist – Maskenbildner-AG sollte man wohl korrekt sagen. Die stellten einen riesigen Drachenkopf her und übten, Bärte zu schminken und so was.
Mit nur zwanzig statt dreißig Schülern im Klassenraum ist es natürlich wesentlich leiser und konzentrierter, und als wir uns heute begrüßt hatten und sie da alle so aufmerksam und erwartungsvoll saßen, konnte ich nicht umhin anzumerken, welch erfreulicher Anblick das doch sei, wie sie da alle säßen und mich anguckten. Wir gucken Sie an, entgegneten sie, weil Sie die Lehrerin sind und wir die Schüler. Sie müssen uns etwas beibringen!
Da hatten sie aber natürlich schon gemerkt, dass ich gut gelaunt und gesprächsbereit war, und außerdem war es die letzte Stunde. Aber es sei auch in Ordnung, schoben sie schnell hinterher, wenn wir heute mal keinen normalen Unterricht machten. Schließlich trenne man sich ja demnächst nach zwei gemeinsamen Jahren, und ich wolle doch sicherlich, dass sie mich in guter Erinnerung behielten.
Dass das ein Widerspruch war zur Forderung, ich müsse ihnen etwas beibringen, wollten sie nicht einsehen, ein Spontanstreik funktionierte aber auch nicht recht, und schließlich machten wir doch normalen Unterricht, verwendeten allerdings die letzten Minuten darauf, uns an die Wörter zu erinnern, die in den zwei Jahren für Ausspracheschwierigkeiten gesorgt hatten. In einer der allerersten Stunden zum Beispiel hatte jemand beharrlich tarecater gesagt, wenn er caretaker meinte. Usually war nicht leicht gewesen, bei deliberately hatten sie sich fast die Zungen abgebrochen, und vor ein paar Wochen hatte unerwartet Uncle Bruce für Probleme gesorgt. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich keines dieser Wörter in Klasse 6 schon kannte. –

Und, hey, ein Geschenk vom Wunschzettel! The Celluloid Closet, der Film, nicht das Buch, kenn ich natürlich, Klassiker, hab ich aber nicht besessen. Bis heute. Danke!
(Eine der lustigsten Geschichten ist, finde ich, die vom schwulen Subtext in Ben Hur, von dem Charlton Heston auf keinen Fall etwas wissen durfte, sonst hätte er nicht mehr mitgespielt.)