Archiv August 2011

Von null auf hundert

Sonntag, 28. August 2011

Jedes Jahr dasselbe und immer wieder aufs Neue überraschend: Nach den Sommerferien wird es ganz plötzlich wieder ganz anstrengend. Langsames Hochfahren, behutsame Eingewöhnung – nix da. Es geht sofort in vollem Tempo los, zack, bumm.
Nach der ersten kompletten Schulwoche fühlt man sich so erschöpft als hätte man nie Ferien gehabt. Wir merken das am Freitag beim Essen in unserem Stammetablissement, der piefigsten Gaststätte im Ort – während die Bedienung auch noch nach sechs Wochen Ferien alle unsere bevorzugten Gerichte auswendig kann, sind wir nicht in der Lage, eine Stunde lang im Gedächtnis zu behalten, was wir gegessen und getrunken haben. Außerdem haben wir Wortfindungsstörungen: Ich hatte den Hund an dem Band, ich könnte heute noch den Hasen mähen.
Für mich beginnt das Schuljahr mit Superlativen. Meine neue Klasse, eine siebte, ist die kleinste der ganzen Schule – nur zwanzig Schüler, das ist paradiesisch. Allerdings wohnt sie in dem Klassenraum, der am weitesten weg ist vom Lehrerzimmer; man muss früh genug losgehen und kann nicht mal eben schnell irgendwas Vergessenes holen.
In meinem Elfer-Deutschkurs sitzen auch nur zwanzig Schüler, 19 Mädchen und ein verschüchterter Junge. Die sind alle noch ziemlich verwirrt vom System Oberstufe. Bis jetzt habe ich jede Stunde mit dem Satz begonnen: „Sie müssen zur Begrüßung nicht mehr aufstehen, Sie sind jetzt Oberstufe“, woraufhin sie mich ungläubig anguckten und verlegen kicherten. Außerdem wollten sie weiterhin geduzt werden, aber das können sie vergessen – die sollen merken, dass sie jetzt erwachsen sind. Vielmehr: Dass sie so behandelt werden als wären sies.
Die neuen Fünftklässler sind wie immer noch winziger als im letzten Jahr. Weil sie bis jetzt mit Einführungs- und Kennenlerntagen beschäftigt waren, habe ich sie noch nicht gesehen. Aber ich höre schon ihre Fragen: Wie heißt die Überschrift? Sollen wir die Überschrift unterstreichen? Sollen wir die Überschrift einfach oder doppelt unterstreichen? In welcher Farbe sollen wir die Überschrift unterstreichen? Wenn man dann sagt, das sei einem alles total egal, dann sind sie tödlich beleidigt.
Und morgen mache ich mit meiner Klasse einen Ausflug. Die früheste Exkursion im neuen Schuljahr – auch ein Superlativ.

Mein Name ist Lohse. Ich kaufe hier ein.

Dienstag, 23. August 2011

Um Loriot kann man gar nicht klassisch trauern, weil man beim Erinnerungs-Sketch-Gucken dauernd grinsen muss. Auch die Ursache seines Ablebens – Altersschwäche (laut Diogenes-Pressemeldung) – ist eher charmant als tragisch.
Ich wüsste zu gern, wann genau am 22. August er gestorben ist. Zwischen 14:30 und 16:00 Uhr womöglich? In dieser Zeit nämlich fertigte mein Deutschkurs eine Gesprächsanalyse von Das Frühstücksei an und kam am Ende zu dem Befund: „Sowas zu schreiben muss echt schwer sein.“ Ganz genau.
Die sind 16 und 17, und von zwanzig Schülern kannten das nur zwei nicht. Das hat mich erstaunt, ich dachte immer, Loriot sei eher was für ältere Leute. Wenn es die vielen Loriot-Zitate in der Alltagssprache nicht gäbe, man müsste sie erfinden.
Es gibt auch Loriot-Sketche, die ich überhaupt nicht leiden kann. Zum Beispiel Das Filmmonster – ich hab immer größtes Mitleid mit dem Monster.
Wir hängen dann mal die Bilder schief. Und kochen eine Nudel.

Limerick (75)

Freitag, 19. August 2011

The limerick’s structure somewhat
necessitates *eloquent* smut.
If you haven’t the time
to learn meter and rhyme
then don’t write them, you ignorant slut.

What shall we do with the drunken sailor?

Dienstag, 16. August 2011

Zwei Jahre lang habe ich in Hamburg gelebt. Aus Gründen nicht besonders gerne. Was ich aber immer sehr mochte, waren das viele Wasser in der Stadt, die großen Schiffe, die Elbstrände, die Möwen. Das KAFFEE.SATZ.LESEN in der Baderanstalt.
Was mache ich heute an einem touristischen Tag in Hamburg? Eine Hafenrundfahrt – schon oft gemacht, immer wieder spannend, diesmal offensichtlich besonders faszinierend: Schiffswände. Eine Besteigung des Turms der Michaeliskirche – noch nie gemacht. Eine Durchquerung des alten Elbtunnels – schon einmal gemacht, diesmal bleibt ein besonders netter Fahrstuhlwärter in Erinnerung, der geduldig alle unsere Fragen beantwortet (Warum hat man in den sleeping policemen, die die Autos bremsen sollen, keine Lücken für die Fahrräder gelassen?) und, als wir keine mehr haben, selber welche stellt: Warum sind die Röhren viel höher als Anfang des 20. Jahrhunderts jedes beladene Fuhrwerk? Ein Besuch im Café Gnosa – schon oft gemacht.

Bacillus anthracis

Sonntag, 14. August 2011

Erinnern Sie sich an die Anthrax-Attacken vor zehn Jahren in den USA? Jemand versandte Briefe mit einem weißen Pulver, dem Milzbrand-Erreger, an Medien und prominente Politiker, fünf Menschen starben.
Das war knapp einen Monat nach 9/11, und Hysterie war das Gebot der Stunde. In Deutschland schickten irgendwelche Witzbolde Briefe mit Mehl, Waschpulver und Babypuder umher, und ich erinnere mich, dass mir eine Bekannte von ihrer Anthrax-Schulung erzählte. Sie arbeitete als Sekretärin in der Berliner Charité und hatte gelernt, was sie zu tun gehabt hätte, hätte sie einen Brief geöffnet, in dem sich verdächtiges weißes Pulver befand: Sie hätte in einen bestimmten Raum rennen, dort alle ihre Kleider ablegen und dann umgehend das Gebäude verlassen müssen. Ich weiß noch, wie wir uns fragten, ob das ernsthaft jemand machen würde. Nein.
Der Fall ist bis heute ungelöst. Nach sieben Jahren Ermittlungen gab es einen Hauptverdächtigen, der sich umgebracht hat und dann, in letzter Zeit, doch nicht mehr so verdächtig ist. In diesem Internetz gibt es eine Menge Quellen zum Nachlesen – die finden Sie allein. Das liest sich wie ein Krimi.

Fluss (24)

Freitag, 12. August 2011

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Das Leben ein Schiff

Donnerstag, 11. August 2011

Im Jahr 1913 wird in der Meyer-Werft in Papenburg ein Schiff auf den Namen Graf Goetzen getauft, dann wird es wieder in seine Einzelteile zerlegt, in 5000 Holzkisten verpackt und mit dem Zug nach Hamburg, per Dampfer durch den Suezkanal nach Daressalam (heute Hauptstadt von Tansania, damals die der deutschen Kolonie Deutsch-Ostafrika) und dann wieder per Eisenbahn nach Kigoma am Tanganjikasee verfrachtet. Dort wird es von drei mitgereisten deutschen Werftarbeitern – darunter Anton Rüter, der das Schiff entworfen hat – und einem Heer einheimischer Hilfskräfte erneut zusammengenietet. Die Goetzen soll Präsenz zeigen, die Belgier (Belgisch Kongo) und Briten (Nordrhodesien) auf der anderen Seeseite beeindrucken und die Vorherrschaft auf dem See sichern.

Dann bricht der Erste Weltkrieg aus, und plötzlich sind alle Feinde, ob sie wollen oder nicht. Die Goetzen wird eilends bewaffnet. Ohne dass die britische Militärführung in London von dem Schiff etwas ahnt (Neuigkeiten verbreiten sich so langsam wie gereist wird), zelebriert sie im Jahr 1915 einen ganz ähnlichen Schiffstransport an den Tanganjikasee. Wettrüsten in Ostafrika: Unter der Führung des exzentrischen Lieutenant-Commanders Geoffrey Spicer Simson werden die beiden kleinen Schnellboote HMS Mimi und HMS Toutou von London nach Afrika gebracht – mit dem Schiff bis Kapstadt und dann unter großen Schwierigkeiten über Land an eben jenen See.

In den nächsten Jahren liefern sich die Deutschen mit den Briten und Belgiern absurde Stellvertretergefechte auf dem See, die mit dem allgemeinen Kriegsverlauf nicht das Geringste zu tun haben. Die Goetzen wird zweimal versenkt – einmal absichtlich von der Hand der (in Europa, aber keineswegs auf dem See) unterlegenen Deutschen, das zweite Mal durch einen Sturm. 1927, nach Jahren der Instandsetzung, geben ihr die Briten den neuen Namen Liemba und nehmen sie wieder in Betrieb. Nach einer Generalüberholung in den 1990er Jahren fährt sie heute noch immer jede Woche die 700 Kilometer zwischen Mpulungu in Sambia und Kigoma in Tansania, dafür braucht sie zwei Tage.

Im 1951 erschienenen Film African Queen spielt das Schiff die Rolle des deutschen Dampfers Königin Luisa, den Humphrey Bogart und Katharine Hepburn unbedingt versenken wollen. Das ist nur eine der vielen Fiktionalisierungen der verrückten Geschichten, die sich im Ersten Weltkrieg in Deutsch-Ostafrika abgespielt haben.
Eine andere ist der Roman Eine Frage der Zeit von Alex Capus.
Lesenswert.