Gesellschaft zur Verbreitung allgemeiner Verdutzung

Bücher sind ja, irgndwie, MenschnReste –Arno Schmidt


.
Bargfeld also, das ist hier in der Nähe, und trotzdem war ich noch nie da. Bargfeld ist Arno-Schmidt-Territorium und Sitz der Arno Schmidt Stiftung, die auf ihrer Website warnt: „Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist es nicht zu erreichen.“ Deshalb nehmen wir das Fahrrad.

Das Wohnhaus habe ich schon auf Fotos gesehen, erkenne es aber trotzdem nicht. Nur dass es sich nicht in der Dorfmitte befindet, sondern irgendwo am Rand, ist von vornherein klar – Arno Schmidt war ein menschenscheuer Eigenbrötler, ein schräger Vogel, der seit Mitte der sechziger Jahre eine Politik der gnadenlosen Selbstisolation betrieb. Die drei Bauern, die wir schließlich nach dem Weg fragen, deuten synchron hinter uns: Da ist die Stiftung, das Wohnhaus dahinter.

Die Messingtafel am Stiftungshaus ist so unscheinbar, dass wir sie übersehen haben. An der Seitenwand lehnt ein Fahrrad, auf dem Badesachen trocknen, drinnen sieht man jemanden umhergehen. Wenn wir wollten, könnten wir wohl mit einem Kenner über Arno Schmidt reden. Der ganze Komplex ist umzäunt, hinter dem Wohnhaus weiden ein paar Heidschnucken. Besichtigungstermine muss man vereinbaren, das wussten wir vorher und haben es nicht getan. Also gucken wir von draußen und picknicken zusammen mit den Schafen.

Von 1958 bis zu seinem Tod 1979 (gestorben ist er im Krankenhaus in Celle) hat Arno Schmidt in Bargfeld gelebt. Dort hat er Zettel’s Traum geschrieben, ein „Mehrkilobuch im Überformat“, das erst im letzten Jahr als gesetztes Buch erschien, und dessen Handlung auf einer Kuhweide beginnt. Ich habe keinerlei Ambitionen, das zu lesen.

Arno Schmidt hockte also zwanzig Jahre lang im 150-Einwohner-Flecken Bargfeld, arbeitete unermüdlich, war aber den Menschen irgendwie abhanden gekommen. Reiseunlustig wie er war, sah er nicht viel von der Welt – nur ein einziges Mal in seinem Leben hielt er eine öffentliche Lesung ab – und wenn er mal notgedrungen unter Leute musste, gab es Katastrophen. Zum Beispiel am 18. März 1964, als er im Literarischen Colloquium in Berlin den Fontane-Preis entgegennahm.

Uwe Johnson war zugegen und hat diese Begebenheit mit ziemlich harschen Worten beschrieben, obwohl er bestimmt nicht von vornherein darauf aus war, den Kollegen dermaßen zu demütigen. Sie hatten einiges gemeinsam, und Johnson war ein interessierter Schmidt-Leser. Am Tag nach der Begegnung schrieb Uwe Johnson also voller Verachtung folgendes über Arno Schmidt:

Ein gewisser Schmidt aus Bargfeld wird für den Fontane-Preis vorgeschlagen. Schon morgens tritt er wie körperbehindert aufrecht und steif zu dem Frühstück, das andere Schriftsteller ihm gerichtet haben, wie für ewig schlägt er ein altmodisches Hosenbein übers andere, bleibt eine Stunde so sitzen, wehrt mürrisch allen Versuchen mit ihm zu sprechen, blickt aus dem Fenster, ihm missfällt schon diese Veranstaltung. Bei der öffentlichen bleibt er steinern, kehrt mit dem ungefügen Dokument im Arm zu seinem Platz zurück wie jemand der keine Erfahrungen mit Kindern hat und davor sich ekelt. […] Zusammenhängend spricht er nur, aber sehr nervös gegen Zwischenfragen und Unterhaltung am andern Tischende, über seine Arbeitsweise. Er macht das also mit Zetteln, wie bekannt. Und, auf die Mistgabel gestützt, verbrennt er sie danach am Zaun. Wer ihm die stiehlt, ist angeblich ein gemachter Mann.

Arno Schmidt seinerseits schrieb voller Verachtung über den Ausflug nach Berlin:

Dies ganze Restaurants= & Ateliergeschwätz ist ja etwas fürchterlich substanz= & basisloses: Jeder hat die Maultasche dickvoll falscher Fuffzijer, jeder causiert & zeigt die Plomb’m. Na, ’s is’ überstanden. Alle fuffz’n Jahre kann man so was ma mach’n.

Johnsons Einschätzung von Schmidt als sozial unkompatiblem und wenig weltgewandtem Miesepeter passt ganz gut zu diesem Bargfeld und zu diesem Haus, in dem in seinen letzten zehn Lebensjahren Arno Schmidt unten und seine Frau Alice oben wohnte, verbunden allein durch eine Falltür und eine Neckermann-Wechselsprechanlage.

Etwas ganz anderes ist natürlich die Literatur. Arno Schmidt ist ein Autor mit Gemeinde, und er ist auch – das ist eine Erkenntnis, von der ich seltsamerweise noch genau weiß, sie in meiner mündlichen Magisterprüfung zum Besten gegeben zu haben – ein Autor, den man trotz seines Anspielungsreichtums naiv lesen und komisch finden kann. Genau wie Joyce, sein großes Vorbild. (Dem umfangreichen Intertext kann natürlich nichts anderes als ein veritables Dechiffriersyndikat beikommen. In Schmidts eigenen Worten: „ver=schlüsseln ist um 500%, und fast unanständig, leichter, als das Wieder=Entschlüsseln“.)

Gelehrsamkeit, Sprachwitz, Originalität, Beschreibungsdrastik – das sind Dinge, die ich an Arno Schmidts Texten schätze. In meinem Bücherregal stehen Die Gelehrtenrepublik, Nachrichten aus dem Leben eines Lords, Das steinerne Herz und 6 CDs mit allen Tonbandaufnahmen von Radiolesungen Arno Schmidts. Er liest gut – wenn er wollte, konnte er offensichtlich sprechen.

Das nächste Mal, wenn ich nach Bargfeld fahre, besichtige ich das Wohnhaus von innen. Und ich sollte eigentlich mal diese neue Novelle von Uwe Timm lesen.

Die Zitate stammen aus: Uwe Neumann, Gipfeltreffen!? Uwe Johnson begegnet Arno Schmidt, in: Johnson-Jahrbuch 9 (2002), S. 25-46.
Der Titel ist ein Zitat aus Zettel’s Traum (S. 499).
Foto von Arno Schmidt: © Jan Philipp Reemtsma.


  1. Nach allem, was ich über Arno Schmidt weiß, glaube ich, es hätte ihm gefallen, dass wir - die zu erwähnen vergessenen -50 km im Sattel schwitzten, nur um sein Haus nicht zu besichtigen.

    Donnerstag, 11. August 2011, 22:49 Uhr von ulpe

  2. Das könnte sein.
    Und ihm hätte bestimmt auch gefallen, dass ich die ganze Zeit das falsche Haus fotografiert habe - es war doch das rechte, das Holzhaus.

    Freitag, 12. August 2011, 7:17 Uhr von nicwest

Kommentar schreiben

You must be logged in to post a comment.