Das Leben ein Schiff

Im Jahr 1913 wird in der Meyer-Werft in Papenburg ein Schiff auf den Namen Graf Goetzen getauft, dann wird es wieder in seine Einzelteile zerlegt, in 5000 Holzkisten verpackt und mit dem Zug nach Hamburg, per Dampfer durch den Suezkanal nach Daressalam (heute Hauptstadt von Tansania, damals die der deutschen Kolonie Deutsch-Ostafrika) und dann wieder per Eisenbahn nach Kigoma am Tanganjikasee verfrachtet. Dort wird es von drei mitgereisten deutschen Werftarbeitern – darunter Anton Rüter, der das Schiff entworfen hat – und einem Heer einheimischer Hilfskräfte erneut zusammengenietet. Die Goetzen soll Präsenz zeigen, die Belgier (Belgisch Kongo) und Briten (Nordrhodesien) auf der anderen Seeseite beeindrucken und die Vorherrschaft auf dem See sichern.

Dann bricht der Erste Weltkrieg aus, und plötzlich sind alle Feinde, ob sie wollen oder nicht. Die Goetzen wird eilends bewaffnet. Ohne dass die britische Militärführung in London von dem Schiff etwas ahnt (Neuigkeiten verbreiten sich so langsam wie gereist wird), zelebriert sie im Jahr 1915 einen ganz ähnlichen Schiffstransport an den Tanganjikasee. Wettrüsten in Ostafrika: Unter der Führung des exzentrischen Lieutenant-Commanders Geoffrey Spicer Simson werden die beiden kleinen Schnellboote HMS Mimi und HMS Toutou von London nach Afrika gebracht – mit dem Schiff bis Kapstadt und dann unter großen Schwierigkeiten über Land an eben jenen See.

In den nächsten Jahren liefern sich die Deutschen mit den Briten und Belgiern absurde Stellvertretergefechte auf dem See, die mit dem allgemeinen Kriegsverlauf nicht das Geringste zu tun haben. Die Goetzen wird zweimal versenkt – einmal absichtlich von der Hand der (in Europa, aber keineswegs auf dem See) unterlegenen Deutschen, das zweite Mal durch einen Sturm. 1927, nach Jahren der Instandsetzung, geben ihr die Briten den neuen Namen Liemba und nehmen sie wieder in Betrieb. Nach einer Generalüberholung in den 1990er Jahren fährt sie heute noch immer jede Woche die 700 Kilometer zwischen Mpulungu in Sambia und Kigoma in Tansania, dafür braucht sie zwei Tage.

Im 1951 erschienenen Film African Queen spielt das Schiff die Rolle des deutschen Dampfers Königin Luisa, den Humphrey Bogart und Katharine Hepburn unbedingt versenken wollen. Das ist nur eine der vielen Fiktionalisierungen der verrückten Geschichten, die sich im Ersten Weltkrieg in Deutsch-Ostafrika abgespielt haben.
Eine andere ist der Roman Eine Frage der Zeit von Alex Capus.
Lesenswert.


  1. African Queen - sehenswert!!!!

    Donnerstag, 11. August 2011, 19:39 Uhr von gunda

  2. Auf jeden Fall.
    Und das Buch hab ich von Gabi geschenkt bekommen, vor einem Jahr, zum Geburtstag. Ist mir ein Rätsel, warum ich das nicht gleich gelesen habe.

    Donnerstag, 11. August 2011, 21:20 Uhr von nicwest

  3. In Kürze soll eine neues Buch über die Liemba/Goetzen veröffentlicht werden - darin gibt es wohl auch ein Kapitel mit dem Titel African Queen.

    Siehe hier: www.liemba.wordpress.com

    Mittwoch, 29. Mai 2013, 11:39 Uhr von Helmut

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