Archiv September 2011

Dummheit schützt vor Tugend nicht

Montag, 26. September 2011

Im letzten Schuljahr hatte ich eine achte Klasse, die mich oft zur Verzweiflung brachte. Ihr Englisch war aus verschiedenen Gründen grauenhaft, einer davon war schamlose Faulheit. Sie waren schwerstpubertierend, manchmal ziemlich nett, manchmal dreist und unausstehlich, und manchmal beides gleichzeitig, und unter den Faulsten waren einige richtig schlaue Schüler. Ich bin froh, dass ich sie los bin.
Irgendwann im März oder April, einen Tag, nachdem fünf Jungs in der siebten Stunde plötzlich nicht mehr anwesend und von Kollegin K. im Klassenbuch als fehlend vermerkt worden waren, verschwand auf einmal ihr Klassenbuch. Monatelang mussten wir uns mit Kopien behelfen, und das Fehlen der fünf Schüler wurde nie geahndet, weil der Beleg, das Klassenbuch, ja weg war. Jeder konnte sich da einen Zusammenhang ausrechnen, aber Beweise gab es keine.
Nach den Sommerferien tauchte das verschwundene Klassenbuch wundersamerweise wieder auf – in einer Schublade des Lehrerpults im neuen Klassenraum. Kollegin M., die ehemalige Klassenlehrerin dieser Klasse, packte daraufhin ein diabolischer Ehrgeiz: Das wäre doch gelacht, wenn man diesen verruchten Haufen nicht dazu bringen könnte, das offene Geheimnis um das verschwundene Klassenbuch preiszugeben. Marschiert sie also mit todernstem Gesicht in die Klasse und spricht: Neues Schuljahr hin oder her – sie erwarte immer noch ein Bekenntnis derjenigen, die das Klassenbuch widerrechtlich entwendet hätten. Ein Klassenbuch sei ein Dokument, und mit dem vorsätzlichen Diebstahl eines solchen sei nicht zu spaßen.
Einige Tage später sah ich im Vorbeigehen, wie eben jene fünf Neuntklässler vor M.s Büro die Köpfe zusammensteckten und besorgt flüsternd letzte Details besprachen: „Wenn ich das sage, dann musst du das sagen…“ – „Wir dürfen auch nicht vergessen, zu sagen, dass…“ Dann klopften sie zaghaft an die Tür. M. erzählte hinterher, die fünf hätten ihr mit bänglichen Mienen eine krude Geschichte aufgetischt, um zu erklären, wie das Klassenbuch in die Schublade im anderen Raum gelangt sei: Schuld sei nämlich Kollegin K., mit der sie in an jenem Tag in jenem Raum einen Film gesehen hätten; sie müsse das Klassenbuch in die Schublade gelegt haben.
Schüler glauben ja immer nicht, dass Lehrer ab und zu miteinander sprechen. Kollegin K. jedenfalls lachte nur kurz, und abgesehen davon hatte M. die Geschichte schon beim Erzählen nicht geglaubt – kein Mensch verstaut Klassenbücher in Pultschubladen. Sie hatte den Kopf geschüttelt, die Schüler bedauernd angeschaut und ihnen vorgeschlagen, doch noch einmal darüber nachzudenken, wie es wirklich war. Die waren von dannen geschlichen, und M. hatte, kaum hatten sie die Tür hinter sich geschlossen, hören können, wie sie mit wüsten Beschimpfungen übereinander herfielen: „Mann ey, du hast überhaupt nicht gesagt, was du sagen solltest!“ „Alter, das hätte sie doch sowieso nie geglaubt!“ Im Moment denken sie immer noch darüber nach, wie es wirklich war.
Diese Geschichte sorgt im Lehrerzimmer für große Heiterkeit, besonders bei den Kollegen, die im letzten Jahr in der Klasse unterrichtet haben, und die alle froh sind, sie los zu sein. Das ist keine Rachsucht, sondern eher Entzücken darüber, dass man die scheinbar coolsten und gerissensten Jungs mit dieser Nebensache derart unter Druck setzen kann. Mit schlechten Noten hatte das nämlich nicht funktioniert. Dass sie sich solche Angst einjagen lassen, bedeutet ja nichts anderes, als dass sie im Grunde anständige Menschen sind. Derselbe Anstand hat sie wahrscheinlich veranlasst, das Klassenbuch wieder in die Schule zu tragen – aber das war ja nun wirklich saudumm.
Und Dummheit muss bestraft werden. Wir machen uns im Moment einen Spaß daraus zu überlegen, wie man sie noch mehr piesacken könnte. Kollegin A. schlug vor, einen von ihnen auf dem Schulhof beiseite zu nehmen und ihm kameradschaftlich zuzuflüstern: Hör mal, wegen dieser Sache mit dem Klassenbuch – an eurer Stelle würde ich die Wahrheit sagen, bevor die Polizei eingeschaltet ist…
So, und jetzt gehen Sie und verbreiten Sie im ganzen Land, dass Lehrer vorsätzlich Schüler quälen. So isses nämlich.

Wochenende

Samstag, 24. September 2011

Liebgewonnene Tradition inzwischen, freitags nach der sechsten Stunde in die piefigste Gaststätte des Ortes zu pilgern. Dort sitzen wir dann mit glasigen Augen, jammern darüber, wie anstrengend die Schulwoche war (jammern hilft immer), erzählen einander, was die Schüler oder wir selbst Seltsames getan und gesagt haben und essen Schnitzel oder Fisch. Die Bedienung reserviert uns jede Woche einen großen Tisch, sie weiß auswendig, was wir trinken und welche Beilagen wir bevorzugen, und verzeiht unsere erschöpfungsbedingten Wortfindungsstörungen.
Manchmal entwerfen wir im Nebel der Müdigkeit wilde Visionen von verschrobener Schönheit, Bilder aus einem hübscheren Leben. Gestern sah das Szenario so aus: Es ist Winter, tief verschneit, wir machen einen langen Spaziergang, dann sitzen wir am knisternden Kamin, hören klassische Musik, häkeln und stricken… Hä, was? Häkeln und stricken? Seit ich in der Grundschule auf dem Schoß einer Textilkunde-Lehrerin, die meine Urgroßmutter hätte sein können, stricken lernen musste, hege ich eine tiefe Abneigung gegen Handarbeiten. Ohne mich!
Nach längerer Diskussion einigen wir uns darauf, dass diejenigen, die nicht stricken und häkeln wollen, die Partitur mitlesen dürfen. Dann ist Wochenende.

Geschenkt

Sonntag, 18. September 2011

Wenn Leute wissen, dass man komische Sachen sammelt, kriegt man öfter mal was geschenkt. Hier sind zwei geschenkte Einkaufszettel und ein Frisörname:


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Marschbefehl

Mittwoch, 14. September 2011

Mit einem ganzen Jahrgang, einer runden Hundertschaft Elftklässlern, fallen wir heute in der Landeshauptstadt ein – Hochschulinformationstag. Treffen ist morgens um viertel nach sechs im nächsten Ort mit Bahnhof, fünfzehn Kilometer vom Schulort entfernt. In der Herrgottsfrühe fällt es uns nicht leicht, aber wir lassen die Massen eiskalt nach Kursen sortiert Aufstellung nehmen, verteilen Fahrkarten, fragen nach unbekannten Gesichtern und haken Namen ab. Als wir um halb sieben in den Zug steigen, wissen wir genau, wer fehlt, und wer gestern auch schon krank war.

Vorher hatten wir versucht, für die Großgruppe zu reservieren, aber die Bahn hatte sich geweigert, unseren Transport zu garantieren. Also verteilen wir uns auf dem ganzen Bahnsteig und befehlen den Schülern, zügig einzusteigen und sich auf keinen Fall hinauswerfen zu lassen. Das klappt, der Zug wird erst nach einer Dreiviertelstunde richtig voll, die Pendler wundern sich, dass sie heute stehen müssen.

Frau ohne T, gut in so was, ruft bei einem der fehlenden Zwillinge an.
- Niklas. Hier ist Frau ohne T.
- …
- Niklas?
- krächzend Jaa.
- Wir vermissen euch. Wo seid ihr?
- …
- Niklas?
- krächzend Jaa. Äh, also, wir haben den Bus verpasst, und da haben wir gedacht, jetzt brauchen wir auch nicht mehr zu kommen.
- Da habt ihr falsch gedacht. Ihr springt jetzt sofort aus euren Betten und kommt gefälligst nach – nehmt den nächsten Bus und bezahlt den Zug selbst.
- …
- Niklas?
- krächzend Jaa. Okay.

Das sind ja nun echte Provinzler. Heidschnucken. Die rennen gnadenlos auf Radwegen herum und wagen sich nur in großen Pulks in die Innenstadt. Manche von denen haben noch nie eine U-Bahn gesehen. Und jetzt sollen sie sich in der großen Stadt so organisieren, dass sie in Fünfergruppen zurückfahren, zu unterschiedlichen Zeiten. Weil sie sich die Zeit selbst einteilen können, werden wir erst morgen erfahren, ob das geklappt hat. Unerwartet früh allerdings erhalten wir einen Anruf von Niklas, der nur mal kurz mitteilen will, dass sein Bruder und er jetzt auch da sind.
Für manche Schüler mag diese Fahrt der reine Stress gewesen sein. Aber wir waren super.

Tür, offen

Freitag, 9. September 2011

Man kann in Musikinstrumente pusten, wählen gehen, auf Luftmatratzen liegen und lesen oder sich Wunden schminken lassen. Theater gucken, mikroskopieren, Kräuter probieren im Garten, über Mathematik-Zauberei staunen.
Es gibt Kinder, die auf Tischen sitzen. Es gibt eine Tür und eine Begegnung, einen Film und eine Begegnung. Graue Haare und ein junges Gesicht. Einen Altar mit einer Trophäensammlung für Frau Birgit Meyer. Eine Europa-Ecke, total zentral, die niemand wahrnimmt.
Die Kleinen präsentieren ein englisches Lied und eine Vorstellung am Biemar. Oder auch ein Tänzchen.
Zu essen gibt es Waffeln und Bratwürste und das Kolosseum in gebackener Form. Hinterher noch etwas Ordentliches im Separée. Und Christian ist auch wieder aufgetaucht.
Meuchelmörder auf Englisch? Assassin, aber das trifft es nicht wirklich. Der Mörder ist immer der Gärtner.

Die Hübschigkeit der Schauspieler (12)

Sonntag, 4. September 2011

Trick, 1999, mit Christian Campbell, John Paul Pitoc, Tori Spelling

Der Trend scheint im Moment in Richtung Nischenfilm zu gehen – diesmal also ein Low-Budget-Schwulenfilm von vor zwölf Jahren. Darin stehen die Twin Towers noch und sind wahrscheinlich symbolisch zu deuten.
Die Hübschigkeit der Schauspieler ist über jeden Zweifel erhaben, und weil das so ist, wissen wir von vornherein, wie das Ganze ausgehen wird – wer so gut aussieht, kriegt sich am Ende, ganz klar. Nur dass Gabriel unbedingt überprüfen muss, ob Mark ihm die richtige Telefonnummer gegeben hat, wirft einen unnötigen Schatten des Misstrauens auf das junge Glück.
Dass Schwulenfilme den Bechdel-Test bestehen, verlangt ja niemand, aber eine der beiden mitspielenden Frauen redet so dermaßen viel und schnell, dass Frau L. sich bemüßigt fühlt, die Augen fest zuzukneifen und die Ohren zuzuhalten, wann immer diese Frau auf der Leinwand erscheint. Sehr nervig. Und am nervigsten ist, dass sie nur deshalb so nervig ist, weil sie in völliger Verkennung der Tatsachen immer noch glaubt, bei Gabriel Chancen zu haben.
Die andere Frau hingegen sitzt minutenlang mit entblößten Brüsten herum – eine ziemlich lustige Idee für einen Schwulenfilm. Am Ende droht sie, genau so auf die Straße zu gehen, sie habe das in Paris immer so gemacht, und sehr komisch ist der Bruchteil einer Sekunde, in dem Gabriel im Treppenhaus an ihr vorbei stürmt (natürlich um Mark hinterher zu rennen, den er vorher leichtfertig vergrätzt hatte), und in dem sie sich dann doch noch etwas überzieht. New York ist eben nicht in Frankreich.
Ansonsten sieht man ziemlich viele Männerkörper um ihrer selbst willen – mit T-Shirt oder ohne, aber jedenfalls nicht im Anzug, wie Frau L. bedauernd feststellt – und einen unerwartet amüsanten Abspann, auch wenn es natürlich nicht pc ist, über die seltsamen Namen der Mitwirkenden zu lachen.
Das war hübsch und unterhaltsam und fühlte sich überhaupt nicht nach Rache an.