Sprache wandelt sich, der Duden hält nur einen momentanen Sprachstand fest, richtig oder falsch gibt es nur in bestimmten institutionalisierten Zusammenhängen, zum Beispiel in der Schule. Die Macht der Sprecher ist groß, Regeln können durch konsequente Missachtung geändert werden, Sprachschutz gibt es nur in individueller Form.
Wir lesen Blogs in eigenwilliger Rechtschreibung, wir finden Tippfehler und seltsame grammatische Konstruktionen in Zeitungen, wir schätzen sprachliche Innovation in der Literatur, und wir alle reden jeden Tag Zeugs, das nicht im Mindesten dem gerade gültigen Regelwerk entspricht – trotzdem verstehen wir und werden verstanden. Das ist nichts Neues.
Die Regeln zu kennen, ist trotzdem sinnvoll, weil orthografische und grammatische Korrektheit komischerweise immer noch als Wert an sich gilt. Wer in bestimmten formalisierten Zusammenhängen nicht korrekt schreibt, verliert an Sozialprestige. Das gilt selbst für Berufe, die nicht in erster Linie mit Sprache zu tun haben – mir hat mal ein Tischler erzählt, er habe ein Stück Holz als bearbeitet kennzeichnen wollen, aber plötzlich nicht mehr gewusst, ob er vertig oder fertig schreiben müsse, also habe er es gelassen – zu peinlich, hätte es falsch dagestanden.
Wer’s nicht kann, wird ausgelacht oder kriegt eine schlechte Note. Wer’s kann, zeigt mit dem Finger auf Deppen-Apostrophen und betreibt mit einem niederträchtigen Überlegenheitsgefühl mutwillige Regelverstöße – zum Beispiel beim Imitieren von Mündlichkeit in schriftlichen Texten. Über die soziale Funktion von Sprache kann man sich wundern oder ärgern oder auch nicht – in England ist das sowieso ja noch viel schlimmer – jedenfalls ist Sprache gesellschaftlich wichtig, und sie ist ein Thema, bei dem jeder meint, mitreden zu können.
Vielleicht sollten wir das mit dem Mitreden und der Häme einfach mal lassen. Wenn mich ein Schüler vor dem Lehrerzimmer fragt: Können Sie das bitte bei Herr Müller ins Fach legen?, dann sage ich: Herrn Müller! Dativ! Dabei lässt mich mein eigenes Sprachgefühl ausgerechnet beim Thema Kasuskongruenz komplett im Stich:
*Dem Schreiben als achtbare Arbeit kommt zu wenig Bedeutung zu.
*In der Tasche des Schülers, einem großgewachsenen Vierzehnjährigen, befand sich ein Apfel.
*Beim Spielen von schnellen Noten wie z.B. Achtel, Sechzehntel oder Zweiunddreißigstel wird mir schlecht.
Ich kann mir das wohl rational herleiten, aber ich muss immer erstmal überlegen.
Wichtiger als grammatische und orthografische Korrektheit finde ich die Fähigkeit zum Registerwechsel, also das Vermögen, die Sprache einer Situation anzupassen. Schlimmer also als den Dativ-Fehler fände ich: Ey, kannste das mal bei Herrn Müller ins Fach legen?