Archiv Oktober 2011

Feierabend

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Durch die Gänge schlurfen vereinzelte Kollegen, übriggeblieben von ihren AGs oder einfach zu müde, um nach Hause zu gehen. In der Mensa wird noch gearbeitet. Zu Hause die Timeline unterhält sich darüber, ob Shuffle als Modell zur Erklärung der Welt taugt oder nicht (Gott shuffelt nicht!). Draußen ist es noch hell, es hat den ganzen Tag nicht geregnet. Man könnte spazieren gehen – mit den Füßen im Herbstlaub rascheln.

Heide, Nebel

Sonntag, 9. Oktober 2011

Die Hübschigkeit der Schauspieler (13)

Samstag, 8. Oktober 2011

Adams Äpfel, 2005, mit Ulrich Thomsen, Mads Mikkelsen, Ole Thestrup

Es beginnt mit einer Flutkatastrophe beinahe biblischen Ausmaßes, passend zum Film. Erst als die Lappen zum Trocknen auf der Leine hängen, die Socken gewechselt und die Sofas wieder zurecht- gerückt sind, können wir uns dem Apfel widmen, der als einziger übrig bleibt. Nicht Evas diesmal, sondern Adams. Frau L. allerdings ist von Anfang an unwirsch; ihr gefällt der Film nicht, sie sagt aber nicht, warum.
Ein Film mit schönen und mit grausigen Bildern. Die Szenen latenter oder offener Gewalt sind originell, bewundernswert makaber und zudem nützlich, um die groteske Fallhöhe zur extrem naiven Weltsicht Ivans zu konstruieren. Das mit dem Kopfschuss und dem herausquellenden Gehirn allerdings hätte fehlen können.
Man weiß nicht so recht, ob dieser Film sich selbst ernst nimmt oder nicht. Die Botschaft am Ende scheint – wie auch die biblische Symbolik, mit der er operiert – so eindeutig, dass man den Film in kirchlichen Kaffeekränzchen zeigen könnte: Tue Gutes im Sinne der Bibel à la die eine und die andere Wange, und wenn du dabei die Realität komplett verkennst – macht nix.
Will man diese Botschaft auf eine säkulare Welt übertragen, in der nicht Gott regiert, sondern die Vernunft, kommt man nicht weit, denn mit Vernunft hat das alles überhaupt nichts zu tun. Vielleicht ist die Komik ein Resultat der auf diese Weise entstehenden Ratlosigkeit: Man weiß einfach nicht, was man anderes tun sollte als zu lachen. Eine Zumutung nennt Frau L. das – nicht das Schlechteste, was man über einen Film sagen kann.

Senf

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Mein allererster Computer war ein Mac. Das war Mitte der 90er Jahre – er hatte so eine komische Kugel als Maus und war kompatibel mit nichts und niemandem. Sobald das möglich war, habe ich ihn abgeschafft und seitdem nie wieder was mit der Firma zu tun gehabt. –
Das stimmt nicht ganz; etwas später stand im Uni-Rechenzentrum ein einzelner Apple MacIntosh mit hochkantem Bildschirm, auf den eine originalgroße DIN-A4-Seite in Gänze draufpasste. Den hab ich immer bewundert. Leute, die ihren Computer vor allem zum Schreiben verwenden, kommen bei diesen unheimlich breiten Filmguck-Bildschirmen bis heute zu kurz. Ich prangere das an.

So geht’s. So nicht.

Dienstag, 4. Oktober 2011

Listen sind, wie wir alle wissen, ein zuverlässiges Mittel, um die Welt zu erklären – die strukturelle Klarheit, verbunden mit dem faktisch Unendlichen der Aufzählung; die Aneinanderreihung von lauter zählbaren Dingen, die wir aber nicht zählen können. Da bleibt am Ende etwas unerklärt, aber nur ein bisschen. So ganz verstehen wir die Welt ja auch nicht.
Dass sich die klassische Riesenmaschine-Ratgeberliste So geht’s / So nicht als ein Mittel erweist, um eine Gesamtkonferenz zu erklären, ist indes eine Überraschung. Frau ohne T und ich haben das heute ausprobiert und für probat befunden: Heraus kommt ein Protokoll, das man getrost veröffentlichen kann, weil es nur die verstehen, die dabei waren – wenn auch nicht gänzlich. Für alle anderen ist es einfach eine Liste mit total praktischen Tipps.

So geht’s

Abwarten bis zu den Herbstferien – Vertrauen in die Selbstreinigungskräfte des Schulprogramms – kraftvolles Durchregieren – immer schön auf die Zeit achten – Klasseneltern wählen – aufstehen, wenn man eine Rede redet – Herr, äh, Frau – Wurstfinger in Wunden legen – Schüler um 16:30 allein lassen – Frau, äh, ich – Bleistiftbärte – Elternabende als Freizeitersatz – erste Planungen vornehmen – als Ersatzkandidatin kandidieren – verunstaltete Wahlzettel – nichts ist ungültig – Wahlkabinen aus Fleisch – falsches Format knicken – hässliche Finger einfach abbrechen – sich mit dem Hammer beklopfen – taktisches Bockigsein – an Knoppers ersticken – Wettbüro eröffnen

So nicht

Ausschlussfrist – schulprogrammatisches Angstbeißen – Benehmensherstellung – Mikrofone verachten – Weihnachten im Schuhkarton – Zeugnisse unterschreiben – Reden schreiben – utopische Leinenhosen – aus der Mensa direkt in die Busschlange – über die Busaufsicht meckern – die Null wählen – Weltkugelbrunnen – Schulleiterübergewicht – als Ganzes abstimmen – Antrag auf geheime Wahl – Zettel mopsen – Salzbrezeln – Salzbrezeln verteidigen – Salzbrezeln allein aufessen – verregnetekicherte Sommer – keine Wahlparty

1. Oktober – Beginn der Heizperiode

Samstag, 1. Oktober 2011

“Nun werden die Morgenträume wieder interpunktiert von den Nöten des heißen Wassers, das Mr. Robinson aus dem Keller in freistehenden Rohren durch Stockwerk nach Stockwerk aufwärts schickt. Das Wasser erschrickt vor der kalten Luft, prallt allseitig vor der ungleichen Federung, so daß im Schlaf ein alter Kerl erscheint, neben dem Kopfende des Bettes aufragend, der hat eine eiserne Kehle, eine schartige Röhre hat der im Hals, der atmet mit Rasierklingen, der frißt Glas und Schrott. Noch springen kleine Kiesel auf und ab, knallen hin und her. Unverhofft beengt, führt der Atem des Wassers schnelle ängstliche Schläge gegen das Metall. Der gleichmäßige Rhythmus zerfasert in schwächlichen, versiegenden Herztönen. Der Kerl denkt nicht ans Sterben, der treibt sich einen Stacheldrahtbesen in die Kehle, unter kratzenden, kitzelnden, schabenden Lauten, die geradezu behaglich klingen. Zum Nachräumen schickt er kleine Männer mit scharfen Hämmern hinein, die das Rohr abklopfen mit bedächtigen, unverhofften Hieben, abwechselnd mit dem spitzen und dem stumpfen Ende. Die werden alle in mehreren bürstenden Schwüngen hochgehustet und stürzen dann dumpf unten auf, mit einem Zirpen, als brächen ihnen die Knochen. Langsam spült der Kerl nach, aber nicht in einem Schluck, sondern mit einzeln fallenden Tropfen, die hüpfen wie Flöhe. Ein Scherbenhaufen rasselt abwärts, ineinander klirrend, ohne indessen aufzuschlagen in dem schmetternden Knall, den die Erwartung vorbereitet hat. Die Scherben sind verklumpt in gläserne Bälle, mit denen gurgelt einer. Jetzt hüstelt er. Er fühlt sich nicht bemerkt, er räuspert sich viele behäbige Male. Endlich hustet er los, mit kräftigen Schulterstößen. Endlich ist der Schlaf so fadenscheinig, daß die Bilder mitten im Laufen reißen. Es ist kein Traum, es ist das morgendliche Anlaufen der Heizung.
Die Heizperiode hat begonnen.”

Uwe Johnson, Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl, Frankfurt am Main 1970, S. 131/132