Archiv Samstag, 31. Dezember 2011

Auf ein Neues

Samstag, 31. Dezember 2011

Die Sache mit den guten Vorsätzen scheitert regelmäßig daran, dass man sich die Ziele unerreichbar hoch steckt, weil man glaubt, Silvester um Mitternacht würde man plötzlich ein anderer Mensch. Stimmt natürlich nicht. Deshalb habe ich diesmal beschlossen, mir ein garantiertes Erfolgserlebnis zu verschaffen, indem ich nur einen einzigen Vorsatz fasse, der noch dazu relativ leicht zu verwirklichen ist – allerdings auch nicht zu leicht.
2011 bin ich wochenlang daran gescheitert, aber 2012 wird das Jahr sein, in dem ich mir einen neuen Fahrradsattel kaufe.

Zum alljährlichen Silvesterritual – dem Hasen im Rausch – gehört außerdem das Anhören dieses hervorragend wunderschönen Liebesliedes:

Fertisch? Dann kommen Sie gut ins neue Jahr.

Kossen [Nachtrag]

Samstag, 31. Dezember 2011

Mündlich tradiertes Wissen, das im Internetz nicht zu finden ist – sehr faszinierend. Nachdem ich gestern über Kossen geschrieben hatte, rief ich meine Mutter an, um sie noch mal genauer zu befragen, zum Beispiel zum Rezept.
Ein Rezept gebe es nicht, sagte sie, man nehme einfach so viel Roggenmehl wie man Teig haben wolle, ein Kilo, ein Pfund, egal, mische es mit etwas Salz, kippe Wasser dazu und knete das ordentlich durch. Nicht zu viel Wasser, denn der Teig müsse ziemlich fest sein, schließlich müssten die Tiere ja stehen. Tiere? Na klar, ihre Großmutter habe immer sehr kunstvoll Tiere geknetet, Elefanten und ein Pferd mit einem Reiter. Die hätten ja beim Backen nicht umfallen dürfen. Kleiderbügel seien lachhaft und gegen jede Regel. Und im Übrigen seien Kossen ja Ziegen; woher ich denn wisse, dass das mit Doppel-S geschrieben werde.
Ich sagte, das wisse ich gar nicht, bloß wenn man es Kosen schriebe, dann würde man es anders aussprechen. Und wieso Ziegen – knetete die Großmutter auch Ziegen? Nein, Kossen seien Ziegen, Ziegen habe ihre Großmutter Kossen genannt.
Meine Urgroßmutter stammte aus Masuren, aus Hohenstein (heute Olsztynek, Polen); sie sprach neben Deutsch auch Polnisch, und ein Blick ins polnische Wörterbuch zeigt: koza = Ziege. Es könnte also auch ein polnischer Brauch sein. Ihre Großmutter, sagte meine Mutter, sei übrigens nicht nur beim Kossen machen handwerklich geschickt gewesen – nach dem Krieg habe sie die ganze Familie mit Nähen durchgebracht. Im ländlichen Niedersachsen, wo sie nach der Flucht gelandet waren, sei sie überregional bekannt gewesen für ihre Nähkünste.
Tante Lisbeth hatte davon offensichtlich nichts geerbt, dabei war sie genauso ihre Tochter wie meine Großmutter, beide unehelich geboren und beide von verschiedenen Männern – damals unerhört. Diese Urgroßmutter hieß Karoline Dlugokinski, und ich freue mich beim Aussprechen jedes Mal über die Luftblase zwischen den ersten beiden Buchstaben ihres Nachnamens.