Kossen [Nachtrag]

Mündlich tradiertes Wissen, das im Internetz nicht zu finden ist – sehr faszinierend. Nachdem ich gestern über Kossen geschrieben hatte, rief ich meine Mutter an, um sie noch mal genauer zu befragen, zum Beispiel zum Rezept.
Ein Rezept gebe es nicht, sagte sie, man nehme einfach so viel Roggenmehl wie man Teig haben wolle, ein Kilo, ein Pfund, egal, mische es mit etwas Salz, kippe Wasser dazu und knete das ordentlich durch. Nicht zu viel Wasser, denn der Teig müsse ziemlich fest sein, schließlich müssten die Tiere ja stehen. Tiere? Na klar, ihre Großmutter habe immer sehr kunstvoll Tiere geknetet, Elefanten und ein Pferd mit einem Reiter. Die hätten ja beim Backen nicht umfallen dürfen. Kleiderbügel seien lachhaft und gegen jede Regel. Und im Übrigen seien Kossen ja Ziegen; woher ich denn wisse, dass das mit Doppel-S geschrieben werde.
Ich sagte, das wisse ich gar nicht, bloß wenn man es Kosen schriebe, dann würde man es anders aussprechen. Und wieso Ziegen – knetete die Großmutter auch Ziegen? Nein, Kossen seien Ziegen, Ziegen habe ihre Großmutter Kossen genannt.
Meine Urgroßmutter stammte aus Masuren, aus Hohenstein (heute Olsztynek, Polen); sie sprach neben Deutsch auch Polnisch, und ein Blick ins polnische Wörterbuch zeigt: koza = Ziege. Es könnte also auch ein polnischer Brauch sein. Ihre Großmutter, sagte meine Mutter, sei übrigens nicht nur beim Kossen machen handwerklich geschickt gewesen – nach dem Krieg habe sie die ganze Familie mit Nähen durchgebracht. Im ländlichen Niedersachsen, wo sie nach der Flucht gelandet waren, sei sie überregional bekannt gewesen für ihre Nähkünste.
Tante Lisbeth hatte davon offensichtlich nichts geerbt, dabei war sie genauso ihre Tochter wie meine Großmutter, beide unehelich geboren und beide von verschiedenen Männern – damals unerhört. Diese Urgroßmutter hieß Karoline Dlugokinski, und ich freue mich beim Aussprechen jedes Mal über die Luftblase zwischen den ersten beiden Buchstaben ihres Nachnamens.


  1. Überhaupt sehr gute Idee, die sich geradezu als Neujahrsvorsatz eignet: Verwandte ausfragen. Sich nicht darauf verlassen, dass sie von selbst Vergangenheit erzählen und erklären, schon gar nicht mit den Augen rollen, weil sie dieselbe Geschichte wieder und wieder erzählen, sondern: Ausfragen. Nachbohren.

    Samstag, 31. Dezember 2011, 18:24 Uhr von kaltmamsell

  2. Das stimmt. Meine werden ohnehin mit zunehmendem Alter immer auskunftsfreudiger, was die ferne Vergangenheit betrifft.

    Sonntag, 1. Januar 2012, 2:20 Uhr von nicwest

  3. …ja, das mit den Kossen (Ziegen) ist aus meiner Sicht richtig. Meine Mutter hat mir in den Jugendjahren gesagt ich hätte einen Kossenbart. Dies deshalb, weil mir im Gesicht die Barthare wuchsen.
    Auf die Frage was denn ein Kossenbart sei sagte sie es sei ein Ziegenbar. Da meine Mutter aus Ostpreußen gebürtig ist, sagte sie mir auch, dass die Bezeichnung Kossen (Ziegen) in Ostpreußen/Masuren üblich gewesen sei.

    mittwoch, 24.05.2017

    Mittwoch, 24. Mai 2017, 13:50 Uhr von kossenkamp

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