Archiv 2011

Einkaufslyrik (5)

Sonntag, 11. Dezember 2011

Hähnchenbrust
Cola
Joguot
Eier
Brot
Bild / Aktuelle
Ausweishüllen

Die Ausweishüllen – das wäre interessant zu wissen, wofür die gebraucht wurden.

Folge 1, 2, 3, 4

Die Schule tanzt

Freitag, 9. Dezember 2011

Die Frühaufsicht am Freitagmorgen verbringe ich damit, durchs Gebäude zu patrouillieren und viele Lichtschalter zu betätigen. Schüler schleichen lieber im Dunkeln umher als umständlich den Lichtschalter zu suchen, aber Licht macht wach, und außerdem will ja niemand, dass in dunklen Fluren schreckliche Unfälle passieren. In einigen Gängen gibt es keine Schalter, sondern Bewegungs-melder, und wenn man zu lange zu ruhig herumsteht, geht das Licht wieder aus. Tanzt mal bitte das Licht wieder an, sagte ich deshalb heute zu ein paar Achtklässlerinnen, die reglos im Gang standen und sich unterhielten. Das taten sie sofort bereitwillig, mit einem für die frühe Uhrzeit erstaunlichen Elan – sie tanzten immer noch, als ich um die nächste Ecke bog und das Licht längst wieder an war.
Vielleicht in unbewusster Reminiszenz sagte ich in der letzten Stunde, als meine Klasse beim Erklären des Arbeitsauftrags nicht zuhörte und mich hinterher mit unnötigen Nachfragen nervte: Ich könnte noch anbieten, euch den Arbeitsauftrag vorzutanzen, vielleicht macht das mehr Eindruck. Schwerer Fehler, denn sofort entstand eine ernsthafte Diskussion darüber, wie man „die Fragen braucht ihr nicht mit abzuschreiben“ oder „wenn ihr nicht weiter kommt, schaut im Text nach“ in Tanz umsetzen könnte. Allerdings vergaßen sie darüber das Angebot – zum Glück.

Zehn Titel…

Donnerstag, 8. Dezember 2011

…für meine Autobiographie.
Hier, Stöckchen. Nehmet hin und verbreitet es. Wo ich das herhabe, weiß ich nicht mehr.

1. Mein Fahrrad und ich
2. Das sanfte Klappern der Tastatur
3. Schweigen ist Gold. Morgendliche Sprachlosigkeit bei gleichzeitiger Hellwachigkeit – eine psychologische Untersuchung mit empirischen Belegen
4. Vom Danebenstehen und Beobachten
5. Beruf: Rollenspielerin
6. Das Leben in der Hauptstadt – eine Provinzposse
7. Over and over again. Wie man mit einer geringfügigen Menge an Lieblingsmusik durchs Leben kommt
8. Selig sind, die keinen haben: Der Ohrwurm
9. AABBA
10. Das Leben ein Kochkurs

Christa Wolf

Samstag, 3. Dezember 2011

Christa Wolfs Schreiben hat mich immer mehr interessiert als ihre Person und deren Rolle als moralische Instanz, Täterin, Opfer oder was auch immer. Mit 15 oder 16 habe ich den Geteilten Himmel gelesen, der bei meinen Eltern im Bücherregal stand, und etwas daran muss mich so beeindruckt haben, dass ich stracks in die Stadbibliothek marschierte und mir den Essayband Die Dimension des Autors auslieh. Besonders viel kann ich von poetologischen Fragen damals nicht verstanden haben, was mich aber nicht davon abhielt, den Band mit grenzenloser Bewunderung durchzulesen. Vielleicht war es auch die Sprache, die mich faszinierte, das Bemühen um Präzision mit poetischen Mitteln, jedenfalls wollte ich mehr davon.

Das war noch vor der Wende, und für die DDR interessierte man sich im Westen nicht besonders. Als wir in Klasse 12 im Deutschkurs Lektürewünsche äußern sollten und ich Christa Wolf erwähnte, stöhnten die anderen auf und sagten, auf DDR-Literatur hätten sie überhaupt keine Lust. Musste ich also alleine weiterlesen.

Das tat ich, begleitet vom sogenannten Literaturstreit, von dem ich schon immer dachte, dass er mit Literatur nichts zu tun hatte. Auch im Studium ist mir Christa Wolf seltsamerweise nie begegnet, aber ich erinnere mich, in Berlin anfangs auf ihren Spuren unterwegs gewesen zu sein, z.B. auf der Weidendammer Brücke stehengeblieben zu sein und den gusseisernen Preußenadler im Brückengeländer angeschaut zu haben, über den ich gerade in Was bleibt gelesen hatte, dass er der Erzählerin spöttisch entgegensieht.

Inzwischen konnte ich genauer benennen, was mich an Christa Wolfs Texten so fesselte: Die enge Verbindung von Privatem mit Gesellschaftlichem und Politischem, das Schreibideal des Fingierens von authentischer Erfahrung und auch die bewusste Verrätselung, die das Umgehen der Zensur erforderte. Nachdenken über Christa T. werde ich mein Leben lang immer wieder mit größter Hochachtung lesen, aber mein liebstes Buch ist Sommerstück – heiter und melancholisch zugleich, tiefgründig und skizzenhaft flüchtig.

Was ich außerdem an Christa Wolf mag, ist die Hartnäckigkeit, mit der sie über 40 Jahre lang jeden 27. September protokolliert hat – ein Einfall Gorkis, der 1960 von der Moskauer Zeitung Iswestija verbreitet wurde, sowie ein Hobby, das sie mal irgendwo beschrieben hat, und das ich auch pflege: beim Warten in einer Kassenschlange diejenige Person heraussuchen, der man in einem Notfall am ehesten vertrauen würde.

Meine Examensarbeit schrieb ich über Medea, damals gerade frisch erschienen und noch ganz ohne Sekundärliteratur. Das hat Spaß gemacht, aber als ich fertig war, hatte ich ganz plötzlich das Gefühl, Christa Wolfs überdrüssig zu sein. Nicht, dass ich ihre Texte nicht mehr leiden konnte, aber ich hatte einfach keine Lust mehr, mich wissenschaftlich mit ihnen auseinanderzusetzen. Irgendwie war die Herausforderung verschwunden.

So kam ich zu Uwe Johnson, von dem ich manchmal dachte, er sei die bessere Christa Wolf. Das stimmt natürlich nicht, aber die Parallelen sind frappierend – inhaltlich-thematische Ähnlichkeiten, vergleichbare Erzählstrukturen, verwandte Poetiken, ähnliche Titel (Mutmassungen über Jakob, Nachdenken über Christa T.). Johnson soll mal gesagt haben, er könne nichts dafür, dass Christa Wolf ihm immer hinterherschreibe. Biografische Parallelen gibt es auch, z.B. haben beide in Leipzig bei Hans Mayer Germanistik studiert. Sie kannten sich auch persönlich, und in Wolfs Tagebuch vom 27. September 2000 kann man lesen:

Ein Germanist möchte, daß ich meine Begegnungen mit Uwe Johnson für seine Johnson-Anthologie beschreibe – ich aber möchte mir vorbehalten, mich zu Uwe Johnson zu äußern, in welcher Form und zu welchem Zeitpunkt ich will (ein anderer Erinnerungsstrom).

Das tat sie dann zehn Jahre später, in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Uwe-Johnson-Preises, in der sie mehrere Treffen schildert, unter anderem dies:

Erst allmählich begreife ich, dass er weniger essen, vielmehr trinken will, und bekomme es mit der Angst zu tun, dass unsere mäßigen Alkoholvorräte seinem Bedürfnis nicht gewachsen sein würden. Eine Flasche Wodka wird gerne angenommen. Nordhäuser Korn lehnt er ab: Seine Großmutter habe ihn davor gewarnt, es sei dasselbe wie Nortak-Tabak. Dann schon lieber Ihren vorzüglichen Gin. Im Gegensatz zu seiner sonstigen Höflichkeit, sogar Förmlichkeit, bedient er sich selbst …

Ich weiß nicht, ob diese Rede irgendwo anders als in der Dokumentation der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft Neubrandenburg veröffentlicht ist, ich würde sie gerne mal ganz lesen.

Uwe Johnson ist schon seit 1984 tot, Harry Mulisch, mit dem zusammen ich Christa Wolf einmal habe lesen hören, seit gut einem Jahr, und nun also auch sie. Dann kann man jetzt anfangen, auf die über 6000 Seiten Tagebücher zu warten, die sie hinterlassen hat. Und endlich mal dieses Buch lesen.

Donnerstag, 1. Dezember 2011


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Fluss (25)

Montag, 28. November 2011

Draufklicken öffnet die Serie.

Die Hübschigkeit der Schauspieler (14)

Samstag, 26. November 2011

Der dritte Mann, 1949, mit Joseph Cotten, Alida Valli, Orson Welles

Dam da dam da dammm da dammm… – das Harry-Lime-Theme ist ein ganz schlimmer Ohrwurm, der uns jetzt zwei Wochen lang verfolgen wird. Erstaunlicherweise beginnt er gar nicht mit Punktierten, sondern mit Triolen, wie man auf dem Grabstein des Komponisten und Zitherspielers Anton Karas nachlesen kann. (Links daneben liegt übrigens Strecki begraben.)
Alle erwarten einen Operettenfilm von Frau L., aber dann ist es der Dritte Mann. Anspruchsvolle klassische Unterhaltung ist genau das Richtige nach einem anstrengenden Elternsprechtag, auch wenn das heimliche Motiv hinter diesem Film ein belehrendes ist: Ach, wie DEZENT dieser Film doch sei, ruft Frau L. an mehreren Stellen demonstrativ aus. In der Tat sieht man weder die missgebildeten Kinder im Krankenhaus noch die Morde an Paul Hörbiger und Orson Welles, und selbstredend handelt es sich um ein besonders edles Exemplar der Kategorie Anzugfilm.
Die Straßenlampen müssen in diesem Wien von damals wohl dicht in Bodennähe befestigt gewesen sein, anders sind die riesigen Schatten nicht zu erklären. Zu welcher Jahreszeit der Film spielt, ist auch nicht ganz klar; manchmal sieht man eine Atemwolke vor den Schauspielermündern, manchmal nicht. Holly ist ein seltsamer Vorname für einen Mann. Die expressionistisch-schrägen Kameraperspektiven nennt Frau L. chinesisch, aber dieses Internetz kennt sie als Dutch angles. Die Hübschigkeit der Schauspieler ist ganz okay. Besser noch sind die schwarz-weiß-Töne und das grandiose Licht.
Hinterher blättern wir im Geschichtsbuch, um die Wissenslücken im Kapitel Besatzungsgeschichte zu schließen. Die Ergebnisse dieser Studien sind leider im Elternsprechtags-Müdigkeitsnebel verschwunden, schreibt die mal bitte in die Kommentare, ja?
Nächster Termin: 16. Dezember.