Archiv Januar 2012

Die Hübschigkeit der Schauspieler (16)

Mittwoch, 25. Januar 2012

Fargo, 1996, mit Frances McDormand, William H. Macy, Steve Buscemi

Weil kein richtiger Winter ist, sehen wir einen Film, in dem richtig Winter ist. In dem man nicht entscheiden kann, wo der Schnee aufhört und der Himmel anfängt, und in dem man am unteren Bildrand einen winzigen Strich Straße sieht und oben drüber einen riesigen grauen Winterhimmel. Das veranlasst Frau L. zu der Aussage, in solchen Gegenden zu wohnen, sei unmenschlich: „Dort halten es nur Büffel und Indianer aus.“ Und nein, damit meine sie nicht, dass Indianer keine Menschen seien.
Wir reden wenig über den Film, er ist einfach gut. Über das Genre können wir uns nicht recht einigen – Krimikomödie hätte man früher gesagt, aber dafür sieht man einfach zu viel Blut. Der Hübschigkeitsfaktor ist eher gering, die Schauspielerqualität dafür hoch. Am eindrücklichsten ist natürlich die schwangere Polizistin Marge Gunderson, die gleichzeitig hinterwältlerisch, energisch, spießig und clever ist. Eine richtig plausible Erklärung für Mike Yanagita finden wir nicht, aber dafür gibt es dieses Internetz.
Die Behauptung des Vorspanns „THIS IS A TRUE STORY. The events depicted in this film took place in Minnesota in 1987“ ist gelogen und sollte nicht zu ernst genommen werden, das könnte böse enden. Oh yah.

Entenautobahn

Sonntag, 22. Januar 2012


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Aus dem Flüsschen ist ein reißender Strom geworden, eine Entenautobahn geradezu. Und ein großer See außerdem. Fröre es jetzt schlagartig, wir hätten eine Schlittschuhbahn, zu der man aus Hamburg und Hannover anreisen würde, so riesig wäre sie.

– Think that’s a big lake, you should’ve seen the one next to our house. Last fall, a flock of ducks, forty or fifty of ‘em, landed right smack in the middle of it. Then this fluke thing happened. The temperature dropped so fast that the whole lake froze… in three seconds, just like that!
– Those poor little ducks, did it kill them?
– No, they flew off and took the lake with ‘em. To this very day, that lake is somewhere over in Georgia.

Limerick (77)

Donnerstag, 19. Januar 2012

There once was a fellow from Xiangling
whose greatest delight was in mangling
poems. He would drop
words between lines and lop
their ends off, and leave readers dang

#lessambitiousbooks

Sonntag, 15. Januar 2012

Ein literarisches Twitter-Mem, das ziemlich witzige Einfälle hervorbrachte, war das mit dem Hashtag #lessambitiousbooks – in Deutschland war es nach zwei oder drei Tagen Anfang Januar durch, die Italiener haben noch eine Weile weitergespielt. Zwar gab es das in den USA vor einem Jahr schon einmal, und es ist außerdem ein Ableger von #lessambitiousmovies und #lessambitiousrocksongs, aber trotzdem sehr lustig.
Buchtitel, gerade Klassiker, sind oft, nun ja, sehr ambitioniert; sie operieren mit Superlativen, Extremen und höchsten Gefühlen, und man begreift sofort, warum #moreambitiousbooks niemals funktionieren würde: Krieg und Frieden, Pride and Prejudice, Herz der Finsternis, Die Liebe in den Zeiten der Cholera
Meine liebsten entkräfteten Buchtitel sind diese:

Schneewittchen und die dreieinhalb Zwerge
Schindlers Einkaufsliste
Fräulein Smillas Gespür für auf den Punkt gekochte Eier
Die platonische Freundschaft in den Zeiten der Hausstaubmilben-Allergie
Das Dschungelheft
Per Mitfahrgelegenheit durch die Galaxis
100 Minuten Einsamkeit
Mein Name sei Müller
In 80 Tagen um den Block
Medizinstudent Schiwago
Schuld und Bewährung
Hundert und eine Nacht
Frühstück bei Starbucks
Der Zauberhügel
Herz der Dämmerung
Der Name des Gänseblümchens
Die Buddenbohms

Reasonable Expectations
The Neighborhood According To Garp
The Hamster of the Baskervilles
As I Lay Drying
A Brief History of Thyme
Lord of the Onion Rings
Treasure Peninsular
The Pickwick Post-its
A Passage to Indiana
Lord of the Files
Harry Potter and the Chamber of Commerce
Harry Potter and the University of Phoenix

The Da Vinci Open Source Code
Bridget Jones’s Weblog
Das Blog der Anne Frank
Ronja Raubkopierertochter
The Twitpic of Dorian Gray
Lady Chatterley’s Facebook Friend

Buchtitel sind ja immer eine spannende Sache. Mein liebster Lieblingsautor Uwe Johnson zum Beispiel wollte seinen zweiten Roman ernstlich Beschreibung einer Beschreibung nennen, was ihm zum Glück vom Verlag untersagt wurde. Gone with the Wind sollte ursprünglich Tomorrow is Another Day heißen, Harper Lee wollte ihr Buch schlicht Atticus nennen, statt des wunderbaren To Kill a Mockingbird, und Hitler hatte sich den Titel Viereinhalb Jahre (des Kampfes) gegen Lüge, Dummheit und Feigheit ausgedacht – auch in diesem Fall war der Lektor schlauer. Das kann man im Übrigen hier sehr schön nachlesen.

Einkaufslyrik (6)

Samstag, 14. Januar 2012

Ananas
Eier 20
1 x 00 für WC
Kasten Deit
Zitrone klar
2 Nagelbürsten
Apfelmus
Wolfgang 10 Euro Hose

Das war bestimmt schwierig, eine Hose für nur zehn Euro zu finden. Wäre ich Wolfgang, ich hätte auf eine eigene Nagelbürste verzichtet und lieber mehr Geld für eine anständige Hose ausgegeben.

Folge 1, 2, 3, 4, 5

Die ich rief, die Geister

Sonntag, 8. Januar 2012

Goethes Zauberlehrling eignet sich immer sehr gut, um in Deutsch Klasse 6 Kriterien für einen überzeugenden Gedichtvortrag zu erarbeiten. Der Einstieg ist bei mir immer der Vortrag des Schauspielers Wolfgang Höper auf CD – eine Interpretation, die sämtliche stimmlichen Möglichkeiten nutzt und die Emotionen des Zauberlehrlings sehr deutlich hörbar macht. Spätestens nach der ersten Strophe geht das Gekicher los, ich kenne das inzwischen; wenn er in höchster Verzweiflung ruft: „Herr und Meister! Hör mich rufen!“ liegt die ganze Klasse am Boden vor Lachen. Ich verziehe keine Miene und frage sie ungerührt, wie ihnen der Vortrag gefallen habe: Maßlos übertrieben, sagen sie einhellig, lächerlich!

Nun gut, dann beschäftigen wir uns mit dem Inhalt der einzelnen Strophen und mit der Aussage des Gedichts, zwischendurch hören wir noch eine andere Interpretation, von Ulrich Tukur, die ist zurückhaltender, die finden sie besser. Dann kommt eine Doppelstunde über die Stimmungsschwankungen des Zauber-lehrlings; sie müssen eine Gefühlskurve zeichnen und den einzelnen Strophen passende Adjektive zuordnen. Dabei kommt heraus, dass der Zauberlehrling sämtliche Höhen und Tiefen durchlebt, die man sich vorstellen kann; am Anfang ist er herrisch, dann stolz, weil er den Besen im Griff hat, dann erschrocken, panisch, wütend, dann wieder hoffnungsvoll, dann verzweifelt… die ganze Palette eben. Wenn das klar ist, üben wir, einzelne Strophen so zu lesen, dass die Gefühle des Zauberlehrlings hörbar werden, und ich wundere mich jedes Mal, wie gut sie darin sind, das bei anderen zu beurteilen. Wir sammeln Tipps, welche stimmlichen Tricks man an welchen Stellen anwenden könnte, um bestimmte Effekte zu erzielen, und dann kommen die Weihnachtsferien, in denen müssen sie das Gedicht auswendig lernen.

In der ersten Stunde nach den Ferien mache ich in diesem Jahr etwas, was ich vorher noch nie ausprobiert habe: Ich spiele ihnen die erste CD, Wolfgang Höper, noch einmal vor und behaupte glaubhaft, das sei eine noch ganz andere Version. Sie hören gespannt zu, lächeln beifällig und brechen hinterher in anerkennendes Gemurmel aus. Befragt, welche Version sie denn nun am besten fänden, eins, zwei oder drei, sprechen sie sich einstimmig für Nummer drei aus und können sehr detailliert begründen, warum. Nachdem ich das mit Version eins und drei aufgeklärt habe, stehe ich einen Moment lang selbstvergessen da, lächle stolz in mich hinein und denke: Sieh an, sie haben was gelernt.

Dann bricht der Sturm der Entrüstung los: Sie haben uns angeschwindelt! Das hätten wir nicht von Ihnen gedacht! Wir glauben Ihnen kein Wort mehr! Lehrer dürfen nicht lügen, das steht in §134a der Schulordnung!

Die Frau mit dem Aluhütchen

Sonntag, 1. Januar 2012

Auf der Autobahn 9 in Thüringen wurde Heiligabend eine Geisterfahrerin von der Polizei gestoppt. Die 64jährige Frau aus Winsen war 70 Kilometer auf der falschen Seite unterwegs gewesen. Verletzt wurde niemand. Gegen 22 Uhr war sie bei Bad Lobenstein von Beamten der Polizei Saale-Orla gestoppt worden. Ein Beamter habe einen Stopp-Stick (eine Art Nagelgurt) vor ihren Daihatsu Cuore geworfen, berichtete die Thüringische Landeszeitung.
Die Frau, behängt mit allerlei Christbaumschmuck, hatte ihr Auto „zum Schutz vor Strahlenbeeinflussung“ mit einer Tüllgardine drapiert. Zudem hatte sie aus Aluminium eine Art Helm gebastelt. Sie war 70 Kilometer aus Bayreuth auf der falschen Seite in Richtung Berlin gefahren. Die Frau habe von Celle nach Leipzig fahren wollen, weil sie jedoch die Abfahrt nach Leipzig verpasst hatte, fuhr sie auf der A9 nach Süden. Bei Bayreuth bemerkte sie ihren Fehler, wendete und setzt ihre Fahrt auf derselben Richtungsfahrbahn als Geisterfahrerin zurück nach Norden fort. In Bayern hatte sie zudem etliche von der Polizei aufgestellte Straßensperren durchbrochen. Sie wurde trotz Widerstands vorläufig festgenommen.

© Cellesche Zeitung

Winsen, das ist hier ganz in der Nähe.