Die ich rief, die Geister

Goethes Zauberlehrling eignet sich immer sehr gut, um in Deutsch Klasse 6 Kriterien für einen überzeugenden Gedichtvortrag zu erarbeiten. Der Einstieg ist bei mir immer der Vortrag des Schauspielers Wolfgang Höper auf CD – eine Interpretation, die sämtliche stimmlichen Möglichkeiten nutzt und die Emotionen des Zauberlehrlings sehr deutlich hörbar macht. Spätestens nach der ersten Strophe geht das Gekicher los, ich kenne das inzwischen; wenn er in höchster Verzweiflung ruft: „Herr und Meister! Hör mich rufen!“ liegt die ganze Klasse am Boden vor Lachen. Ich verziehe keine Miene und frage sie ungerührt, wie ihnen der Vortrag gefallen habe: Maßlos übertrieben, sagen sie einhellig, lächerlich!

Nun gut, dann beschäftigen wir uns mit dem Inhalt der einzelnen Strophen und mit der Aussage des Gedichts, zwischendurch hören wir noch eine andere Interpretation, von Ulrich Tukur, die ist zurückhaltender, die finden sie besser. Dann kommt eine Doppelstunde über die Stimmungsschwankungen des Zauber-lehrlings; sie müssen eine Gefühlskurve zeichnen und den einzelnen Strophen passende Adjektive zuordnen. Dabei kommt heraus, dass der Zauberlehrling sämtliche Höhen und Tiefen durchlebt, die man sich vorstellen kann; am Anfang ist er herrisch, dann stolz, weil er den Besen im Griff hat, dann erschrocken, panisch, wütend, dann wieder hoffnungsvoll, dann verzweifelt… die ganze Palette eben. Wenn das klar ist, üben wir, einzelne Strophen so zu lesen, dass die Gefühle des Zauberlehrlings hörbar werden, und ich wundere mich jedes Mal, wie gut sie darin sind, das bei anderen zu beurteilen. Wir sammeln Tipps, welche stimmlichen Tricks man an welchen Stellen anwenden könnte, um bestimmte Effekte zu erzielen, und dann kommen die Weihnachtsferien, in denen müssen sie das Gedicht auswendig lernen.

In der ersten Stunde nach den Ferien mache ich in diesem Jahr etwas, was ich vorher noch nie ausprobiert habe: Ich spiele ihnen die erste CD, Wolfgang Höper, noch einmal vor und behaupte glaubhaft, das sei eine noch ganz andere Version. Sie hören gespannt zu, lächeln beifällig und brechen hinterher in anerkennendes Gemurmel aus. Befragt, welche Version sie denn nun am besten fänden, eins, zwei oder drei, sprechen sie sich einstimmig für Nummer drei aus und können sehr detailliert begründen, warum. Nachdem ich das mit Version eins und drei aufgeklärt habe, stehe ich einen Moment lang selbstvergessen da, lächle stolz in mich hinein und denke: Sieh an, sie haben was gelernt.

Dann bricht der Sturm der Entrüstung los: Sie haben uns angeschwindelt! Das hätten wir nicht von Ihnen gedacht! Wir glauben Ihnen kein Wort mehr! Lehrer dürfen nicht lügen, das steht in §134a der Schulordnung!

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