Archiv Montag, 20. Februar 2012

Die Mühen der Ebene (20. Februar)

Montag, 20. Februar 2012

Mit Schülern über Sprache zu philosophieren, ist immer toll. Mit den Kurzen sowieso, und mit den Großen auch. Im 11er-Kurs sind wir gerade mitten in der Sprachkrise der Moderne – Törleß, Chandos-Brief, Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Heute hatten wir Spaß mit diesem:

– Sag einmal, wieso heißt ein Tisch Tisch?
– Nun schau ihn dir doch mal an! Er sieht aus wie ein Tisch, er fühlt sich an wie ein Tisch, man kann ihn benutzen wie einen Tisch, warum, ich bitt dich, soll man ihn dann nicht einfach Tisch nennen?

Ein Tisch ist ein Tisch.
Und obwohl es aus einer ganz anderen Zeit stammt und ich wusste, dass sie es nicht verstehen würden mit ihren siebzehn Jahren, konnte ich nicht umhin, mit ihnen über eins meiner liebsten Zitate von Umberto Eco zu reden:

Die postmoderne Haltung erscheint mir wie die eines Mannes, der eine kluge und sehr belesene Frau liebt und daher weiß, dass er ihr nicht sagen kann: „Ich liebe dich inniglich“, weil er weiß, dass sie weiß (und dass sie weiß, dass er weiß), dass genau diese Worte schon, sagen wir, von Liala geschrieben worden sind. Es gibt jedoch eine Lösung. Er kann ihr sagen: „Wie jetzt Liala sagen würde: Ich liebe dich inniglich.“ In diesem Moment, nachdem er die falsche Unschuld vermieden hat, nachdem er klar zum Ausdruck gebracht hat, dass man nicht mehr unschuldig reden kann, hat er gleichwohl der Frau gesagt, was er ihr sagen wollte, nämlich, dass er sie liebe, aber dass er sie in einer Zeit der verlorenen Unschuld liebe. Wenn sie das Spiel mitmacht, hat sie in gleicher Weise eine Liebeserklärung entgegengenommen. Keiner der beiden Gesprächspartner braucht sich naiv zu fühlen, beide akzeptieren die Herausforderung der Vergangenheit, des längst schon Gesagten, das man nicht einfach wegwischen kann, beide spielen bewusst und mit Vergnügen das Spiel der Ironie… Aber beiden ist es gelungen, noch einmal von Liebe zu reden.
Umberto Eco, Nachschrift zum Namen der Rose, 1986

Es ging schief, wie erwartet – zuerst störten sie sich an dem Wort inniglich, und dann wollten sie nicht einsehen, was an Ich liebe dich so schlimm sein soll. Erst als sie darüber nachdachten, wie oft sie diese drei Wörter im Fernsehen hören, wurden sie ein bisschen stutzig.