Archiv Mittwoch, 22. Februar 2012

Die Mühen der Ebene (22. Februar)

Mittwoch, 22. Februar 2012

Heute ist es mir erneut nicht gelungen, einem Kind in Klasse 5 die Regel beizubringen, die man gemeinhin als He, she, it – das s muss mit kennt. Wir üben das seit anderthalb Wochen, und die anderen machen auch noch Fehler, aber sie haben die Regel verstanden. Dieses Kind nicht.
Es war, neben den vier normalen Wochenstunden, schon die zweite Förderstunde, in der ich versucht habe, ihm das zu erklären, d.h. es waren nur sechs andere Schüler im Raum und ich hatte wirklich viel Zeit für jeden einzelnen. Es scheitert daran, dass dieses Kind keine Wortarten erkennt und nicht versteht, dass man Namen oder Gegenstände durch Personalpronomen ersetzen kann. Ich habe verschiedene Erklärungsmodelle probiert, Analogien zum Deutschen hergestellt, Mitschüler erklären lassen – er versteht es einfach nicht.
Das Kind sitzt mit einer Hauptschulempfehlung in einer Gymnasialklasse, die jetzt, nach einem halben Jahr, langsam anfängt, sich über ihn lustig zu machen. Neulich gab es mal eine Situation, in der ihn seine Sitznachbarin fassungslos anstarrte und total entsetzt sagte: „Das meinst du doch nicht ernst, oder?“ Da hatten wir irgendeine Sache mechanisch seit zehn Minuten geübt, und als er drankam, sagte er, er wisse nicht, was er machen solle. Ich muss inzwischen richtig aufpassen, in solchen Situationen nicht extrem ungeduldig zu werden oder zu resignieren (nach dem Motto: warum soll ich es noch mal erklären, er versteht es ja doch nicht).
Im Halbjahreszeugnis hatte dieses Kind drei oder vier Fünfen, der Wechsel an die Realschule war dringend empfohlen worden, aber die Eltern wollten lieber noch ein halbes Jahr abwarten. In Niedersachsen entscheidet allein der Elternwille über die Wahl der Schulform, und er könnte das Jahr bei uns sogar noch einmal wiederholen, bevor er endgültig gehen müsste. Das wären dann zwei Jahre mit nichts als Überforderung und Frust – die Eltern merken anscheinend überhaupt nicht, was sie ihm antun.
Die Kollegin, die die AG Kochen und Backen leitet, ist übrigens begeistert von diesem Kind: Er sieht, was gerade gemacht werden muss, er ist sorgfältig und hilfsbereit und er kann Geschirr abwaschen (das können heutzutage offensichtlich nicht mehr viele Kinder).