Archiv April 2012

Common Sense

Montag, 30. April 2012


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Das ist ein Screenshot aus der allerersten Minute des Films Four Weddings and a Funeral von 1994. Ich habe die Aufschrift auf der Cornflakespackung immer für einen Witz gehalten, eine geheime Auskunft über die beiden Personen, die das zum Frühstück essen, Gareth und Matthew nämlich.
Dabei gab es Kellogg’s Common Sense-Zerealien wirklich in den 90er Jahren, der Szenenbildner musste also nur einmal im Supermarkt einkaufen gehen. Inzwischen ist die Produktion eingestellt worden.
Auch wenn die Packung „echt“ ist, ist die Aufschrift natürlich immer noch interpretierbar, genau wie die Tatsache, dass man sie spiegelverkehrt sieht. Auch liegt dahinter die Brille, die Matthew in genau einer Filmszene trägt – ganz am Schluss, nach der verpfuschten vierten Hochzeit. Das hat bestimmt auch irgendwas zu bedeuten.

(Filed under: Informationen, die die Welt nicht braucht.)

Figuren fahren

Donnerstag, 26. April 2012

Letters inscribed into the earth itself.
Paul Auster, City of Glass

In Paul Austers Roman City of Glass gibt es einen Krimiautor namens Daniel Quinn, oder auch Paul Auster, der einen gewissen Peter Stillman Sr. beschattet. Er folgt ihm auf seinen Wegen durch New York und stellt irgendwann zufällig fest, dass dieser Stillman Buchstaben geht.


Da schimmert das „W” durch.

Diese Buchstaben – OWEROFBAB – vervollständigt der Detektiv zu The Tower of Babel und erschrickt ob dieser allzu bedeutungsvollen Botschaft.
Michael Wallace, ein Künstler aus Baltimore, macht das auch, aber mit dem Fahrrad und mit GPS. Heraus kommen “virtuelle Geoglyphen“, seltsam konkrete Figuren, die man in der Stadt nicht vermutet hätte. Niemand muss darob erschrecken. Nachahmenswert ist es allemal.

Kurze Erinnerung

Sonntag, 22. April 2012

„[F]ür mich steht jede Erzählung, ob explizit oder nicht, ‚in der ersten Person’, da ihr Erzähler sich selbst jederzeit, so es ihn danach gelüstet, mit diesem Pronomen bezeichnen kann.“
Gerard Genette, Die Erzählung, München 21998, S. 257

Aus gegebenem Anlass. Und: Erzähltheorie und Erzählpraxis sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Erzähler tun ständig Dinge, die ihnen theoretisch verboten sind, Leser akzeptieren bereitwillig alles Mögliche, weil ihnen gar nicht viel anderes übrig bleibt.
Meine Grenze ist erreicht, wenn in einem Krimi die interne Fokali- sierung auf dem Täter liegt, ohne dass man zu dem Zeitpunkt schon weiß, dass es der Täter ist. Das ist in einem Fred-Vargas-Krimi (zeitweise) so, in dem mit den Wölfen, glaube ich, und, berühmter, in Agatha Christies The Murder of Roger Ackroyd. Da schmeiße ich hinterher das Buch in die Ecke und bin persönlich beleidigt.

So/nicht

Dienstag, 17. April 2012

Konferenz. Zeit für eine neue Liste.

So geht’s

vor einem Redebeitrag Ritalin einnehmen – zur Zeit gerade am Laufen sein – finnische Wörter perfekt aussprechen – Unterricht in Gesundheitslehre – Selbstlernlandschaft – draußen einen Kinderwagen vorbeischieben – Problemzonen vermeiden – Eskalat – ungemeinsame Treffen – Schüler melden – die falsche Protokollantin sein – die Versetzung versägen, weil der Rucksack leichter war – Luxusprobleme erfinden

So nicht

Ereignisse umsetzen – Hörsaalcharakter haben – der Inklusion kritisch gegenüberstehen – so tun, als würde man nicht lange reden – lange reden – Abwesenheit von Geflügelsalat – einfach den Schwerpunkt verrücken – der Trolley an sich – Abiball in den Kalender eintragen – die feierliche Stimmung zum Kippen bringen – hochkarätige Veranstaltungen organisieren

Limerick (82)

Dienstag, 17. April 2012

Es gibt tatsächlich Mitglieder im VHMLH, die es – ganz im Gegensatz zu den beiden Vorsitzenden – für ihre Pflicht halten, ab und zu dem Gott des Metalimericks zu huldigen. Zu ihnen gehört die geschätzte Kollegin im Schafspelz. Sie kokettiert immer mit ihrem schlechten Englisch, aber für Metalimericks reicht es gerade so.
Die Entstehungsgeschichte hat noch einen anderen Hintergrund, den kann man allerdings nicht erklären, ohne jemanden zu beleidigen.

für Gert
Dear father in heaven (or sky?),
forgive me, that me – sorry! – I
can’t speak English so well
and that me I – f***ing hell! –
cannot make my limericks fi
ne. Amen.

Schnipsel

Sonntag, 15. April 2012

Beim Unterfangen, den SUB abzuarbeiten, bin ich an Jeanette Wintersons autobiografisches Buch Why be happy when you could be normal geraten – sehr empfehlenswert. Eine ziemlich krasse Erziehungsgeschichte, die man teilweise aus Oranges are not the only fruit kennt, aber erweitert um die Adoption und die Suche nach der leiblichen Mutter. Das alles in bewährtem aphoristischem Winterson-Stil – man ist versucht, das Ganze für eine brillant ausgedachte Fiktion zu halten. Besonders toll, dass in diesem Buch Bücher Leben retten: Um der tristen Kindheit zu entfliehen, beschließt die Erzählerin, in der Stadtbücherei das Regal English Literature in Prose A – Z von vorn bis hinten durchzulesen. Sie kommt bis O, bis zur Kurzgeschichte The open door von Mrs. Oliphant, dann geht sie nach Oxford.
Hier ist eine Rezension zu Wintersons Buch, hier ein Auszug aus dem Buch mit dem Titel All about my mother mit einem Foto der bösen Adoptivmutter Mrs. Winterson.
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Mit Schülern in der Freitagsmatinee des English Theatre of Hamburg – Shakespeare, The Comedy of Errors. Ich habe das Stück auch noch nie gelesen oder gesehen und wundere mich über die Wörter football und procrastinate – kann das sein, dass es die zu Shakespeares Zeiten schon gab? Ja, im Originaltext sind sie drin.

Hopelesse and helpelesse doth Egean wend,
But to procrastinate his liuelesse end

Ein Blick ins Wörterbuch zeigt aber, dass das Wort procrastinate erst im späten 16. Jahrhundert im Englischen gebräuchlich wurde, es war also ganz neu, als Shakespeare das Stück schrieb. Das Pendant zum Verein deutsche Sprache hat sicherlich aufgeschrieen. Und football taucht bei Shakespeare genau zwei Mal auf, wie man hier nachlesen kann.
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Irgendwas an Rufus Wainwrights Stimme fasziniert mich seit einiger Zeit ganz ungemein, ich weiß nicht genau, was. Im Moment habe ich gerade dies als Ohrwurm. Im Dreivierteltakt.

Helgoland

Samstag, 14. April 2012

Ich bin nicht mit auf Klassenfahrt, leider, aber ich freue mich über die seltsamen Tweets, die Bilder mit schiefem Meer, ablaufend eben, und darüber, was sie alle bloggen. Helgoland ist einfach zu abgelegen, wenn man selber abgelegen wohnt und nicht mal eben Urlaub nehmen kann, wenn man will.
Ich war das erste und das letzte Mal mit zwölf oder dreizehn auf Helgoland und verbinde damit eher unangenehme Erinnerungen. Auf der Fahrt dorthin – damals noch mit einer ganz normalen Fähre – verschwand nämlich plötzlich meine Mutter. Meine Schwester und ich (unser Vater war nicht mit) suchten zunächst panisch das ganze Schiff ab und entschieden dann in pragmatischer Kindermanier, sie könne ja nicht weg sein, vom Schiff gesprungen sei sie ja schließlich nicht. Genau das hatte sie aber ernsthaft erwogen, während sie irgendwo im Schiffsbauch schwer seekrank über der Toilette hing. Die Schilder, es sei streng verboten, sich in den Toiletten einzuschließen, hatte sie ebenso ignoriert wie die wütenden Faustschläge der Mitreisenden gegen die Tür.
Auch überlegte meine Mutter – die am wenigsten wehleidige Person, die ich kenne – für immer auf Helgoland zu bleiben, denn sie hatte große Angst vor der Rückfahrt. Noch heute benutzt sie, um zu beschreiben, wie sie sich gefühlt hat, einen Satz, den sie nicht mal für die Geburten verwendet.
Heute bin ich anderer Meinung, aber damals fand ich es eher unattraktiv, auf Helgoland zu wohnen, deshalb beredete ich meine Mutter, in der einzigen Apotheke ein Mittel gegen Seekrankheit zu erwerben und überzeugte sie davon, dass es ganz bestimmt wirken würde. Das tat es dann auch, und die Rückreise verlief unspektakulär. Überhaupt wäre diese ganze Fahrt nicht Teil der Familiengeschichte, gäbe es nicht diesen einen Satz: Ich wollte sterben.