Archiv Mai 2012

Erkenntnis

Donnerstag, 31. Mai 2012

Mal ein bisschen erschrocken ob der Macht über Menschen. Zu gut, zu schlecht, eine einsame Punktzahl – und so viel Bedeutung. Unwissen macht es nicht besser. Am Ende ist es doch dienlich, die Leute zu kennen.

Lorbass und Klunkersuppe

Montag, 28. Mai 2012

Pfingstsonntag – Familientreffen. Man traf sich spät diesmal, erst um elf, so dass nicht schon zum Frühstück gegrillt wurde wie sonst immer, und man verabschiedete sich auch schon um sieben – das Durchhaltevermögen ließ ein wenig zu wünschen übrig. Auch waren nicht viele da, nicht einmal die drei Schwestern waren vollzählig versammelt, und Kuchen gab es diesmal ebenfalls nicht. Tante Lisbeth drehte sich seufzend im Grabe um.
Diejenigen, die da waren, sprachen wie üblich lautstark und gleichzeitig; ich saß wortkarg dabei, hörte zu und fragte ab und zu nach: Was ist ein Lorbass? Wie geht Klunkersuppe?
Die Erzählungen aus der Kindheit und Jugend der heute Siebzig- bis Achtzigjährigen sind spannend und bewahrenswert; alle haben unterschiedliche Erinnerungen, und zusammengesetzt ergeben sich stimmige, facettenreiche Geschichten. An ihnen lässt sich studieren, wie existenziell störend sich die „große“ deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts auf einzelne Lebensläufe ausgewirkt hat und wie die Leute trotzdem ihr Leben gelebt haben.
Onkel Klaus war auch da. Er erzählte seine Geschichten klassisch im Präteritum und sang zum Schluss vor, was seine Klasse in den 50er Jahren beim unfreiwilligen Ernteeinsatz gesungen hatte:

…und schon wieder eine Rübe vorm Winterfrost gerettetet…

Diesmal sei es aber nicht so schlimm gewesen mit der mangelnden Gesprächskultur, behauptete meine Mutter tapfer auf dem Rückweg. Das stimmt nicht, es war genauso schlimm wie immer.

Darß

Montag, 21. Mai 2012

Wohin man auch schaute, überall vom Hohen Ufer bis zum Darßer Wald, vom Dünengürtel bis zu den Boddenwiesen, stand jemand mit Kamera und machte Fotos. Andere saßen auf einem Stühlchen in der Landschaft, schauten und verinnerlichten den Anblick. Eine Künstlerin füllte jeden Morgen aufs Neue eine Pfütze auf der Dorfstraße mit Wasser, weil diese zu ihrem Motiv gehörte.


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Der Kampf um die Motive nahm mitunter bizarre Ausmaße an. Denn die Abgeschiedenheit, in der die Fotografen kreative Freiheit gesucht hatten, drohte sich mit der Zeit als Enge zu erweisen, unter der die schöpferische Vielfalt litt.


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Da ist etwa von einer Fotografin die Rede, die eine besonders schöne Blumenrabatte zerstörte, damit eine andere, die ebenfalls darauf aufmerksam geworden war, sich des Motivs nicht mehr annehmen konnte. Aus gleichem Grund wurde die rotbraune Farbe von einer Tür gekratzt oder Bäume, die eine Wegbiegung besonders reizvoll aussehen ließen, kurzerhand gefällt.


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Nur die Wasser- und die Möwenfotografie ließ sich nicht kontrollieren. Und so bevölkern noch heute Tausende Fotografen den Darß, stehen in der Landschaft umher und fotografieren Mückenwasser und Lachmöwen.


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Aus der Serie Tiere gucken dich an

Sonntag, 20. Mai 2012

Neue Zeiten

Sonntag, 13. Mai 2012

Fußball scheidet die Geister. Es gibt Leute, die mit Leidenschaft Spiele sehen, gar lesen, und es gibt andere, die nichts spannender finden als die Interviews nach dem Spiel zu hören, in denen Spieler und Trainer ihre Sicht auf das Spiel darlegen.
Spannend ist es zum Beispiel, darüber nachzudenken, ob es der Anstand eines Spielers oder dessen Medienberater ist, der ihn auf eine Frage wie „Ist der Pokalgewinn jetzt noch mal was ganz anderes als die Meisterschaft?“ wortreicher und detaillierter als mit einem höflichen Ja antworten lässt. Spannend ist auch die Sache mit dem Präsens.
Es ist nicht das szenische Präsens, das einer Vergangenheits- erzählung jähe und unmittelbare Gegenwärtigkeit verleiht: „Das Spiel plätscherte so dahin,“ müsste etwa ein Spieler sagen, „aber plötzlich spielt mir Alaba, völlig unbedrängt, an der Mittellinie den Ball vor die Füße, ich drehe mich um, neben mir startet blitzartig Lewandowski…“. Es ist auch nicht das generelle Präsens, das allgemeingültige, zeitlose Wahrheiten benennt: „So einen Ball muss man reinmachen!“
Nein, es ist erstens ein Präsens, das Vergangenes beschreibt – man könnte es historisches Präsens nennen, läge das beschriebene Ereignis nicht erst ein paar Minuten zurück: „Wenn man sieht, was wir für Gegentore bekommen, was wir für Fehler machen vor den Gegentoren, dann ist das bitter“, sagte zum Beispiel der nassgeschwitzte Herr Lahm unmittelbar nach dem Spiel. Zweitens kann dieses Präsens in ungenierter Art und Weise als Konjunktiv-Ersatz verwendet werden: „Wenn Weidenfeller vorsichtiger ist, muss der Schiedsrichter keinen Elfmeter pfeifen.“ Tatsache ist, Weidenfeller war nicht vorsichtig, der Schiedsrichter pfiff Elfmeter und das war das 1:1, daran lässt sich hinterher im Interview leider gar nichts mehr ändern.
Man kann es nicht anders sagen – dieses Präsens ist falsch. Aber ist es deshalb ein Hinweis auf den Verfall der deutschen Sprache? Mitnichten. Dass es wieder einmal der Fußball ist, dieser stete Quell sprachlicher Verzückung, der keck und furchtlos seinen Beitrag zum Sprachwandel leistet, verdient allerhöchste Anerkennung.
Das Fußball-Präsens, es lebe hoch.

Limerick (83)

Donnerstag, 10. Mai 2012

This poem is copyright ©
by the author, 1983.
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it on radio, film, or TV.

Birken im Frühling

Sonntag, 6. Mai 2012


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Die Birke ist, zumal im Frühling, ein polarisierender Baum – den Allergikern kommen die Tränen, sobald sie sie von Weitem sehen, und wenn sie blüht, bespuckt sie die unter ihr parkenden Autos und alle Fenster in der Nachbarschaft. Andererseits produziert sie die frischesten Grüntöne, die man je gesehen hat, dient als Hommage an unsere finnischen Freunde und ist das Symbol für Fruchtbarkeit und Neubeginn schlechthin. Mit dem Maibaum holt man sich das ins Dorf.

Thus speaks the coppery Venus
through the virgin softness of Birch,
which is delicately rooted
and drinks in the light.
“O Man, work on your soul
in tenderness,
admire lovingly the beauty
of the world.”