Archiv September 2012

Durch die Hintertür

Freitag, 28. September 2012

Nach 9/11 war zu lesen, wie die Attentäter elektronisch miteinander kommuniziert hatten, ohne dass ihnen jemand dabei zugucken konnte: Einer speicherte eine Mail als Entwurf, der nächste las und beantwortete diesen Entwurf im selben Account – alles, ohne irgendetwas umherzuschicken.
Eine Möglichkeit, einander geheime Botschaften durch die Hintertüren von Blogs zukommen zu lassen, ist die Suchmaschinen-Anfrage. Wir alle lachen über den unbekannten Googler, der sich aufgrund schrecklicher Missverständnisse auf unsere Seiten katapultiert. Aber das Potential der gezielten Suche als Kommunikationsweg ist nicht mal ansatzweise ausgereizt.

Sommerheide, winterhart

Sonntag, 23. September 2012

Der Mais steht Spalier und verdeckt den Blick auf die Bäume am Ufer des Flüsschens. Wir entzünden den keinarmigen Leuchter, aber der Beginn der Heizperiode fällt traditionell auf den 1. Oktober, da können wir jammern und lamentieren wie wir wollen – bis dahin frieren wir.
In der Zweigstelle Internetz wird gedichtet, was das Zeug hält, und hier muss unbedingt mal was verteidigt werden: Selbst wenn man Rilkes Herbsttag ein paar Mal zu oft im Leben hat lesen oder hören müssen – es bleibt ein schönes Gedicht, das sich durchaus behaupten kann gegen die vielen Parodien, die da so kursieren, und auch gegen die liederlichen Limericks, die leichtfertige Leute in dieses Internetz schreiben.
Bedenkenlos gebe ich die ein bisschen peinliche Information preis, dass ich bei dem Vers und auf den Fluren lass die Winde los immer an verwaiste Schulkorridore denke, in denen vergessene Turnbeutel heftig im Herbststurm schaukeln. Und hier hat sich jemand mal ausführlichst Gedanken zu einer Übersetzung ins Englische gemacht.

Limerick (85)

Samstag, 22. September 2012

Der Dichter spricht: Gott, nun mal los,
mach den Herbst, der Sommer war groß.
Reimt „bleiben“ auf „schreiben“
beschreibt Blättertreiben –
im Hals spürt der Leser nen Kloß.

Aus der Reihe Famous poems rewritten as limericks.

Man gave names to all the animals

Donnerstag, 20. September 2012


Maria Markesini – sehr jazzig, sehr tolle Stimme, besser als Dylan himself. Aber das ist ja nichts Besonderes. (Damit meine ich nicht, dass Dylan schlecht ist, sondern dass er immer so Rohfassungen herstellt, die andere als Cover dann genial veredeln.)

Fish Tea and Cornmeal Porridge

Sonntag, 16. September 2012


In this bright future you can’t forget your past.

Sheerness, 13. September 1978

Donnerstag, 13. September 2012

Lieber Herr Frisch,
ich danke Ihnen für Ihren Brief vom 6. September.
Ja – nun muss es aufhören mit den beiläufigen Berichten von der ureigenen Lebensart der Leute auf der Insel Sheppey, es hat zu lange etwas verdeckt, Sie haben recht. Ein Ende, und weil es zu tun hat mit dem Weggeschwiegenen, will ich nachtragen: die Handwerker, die ins Haus kommen noch zu Aufträgen, die sie von uns gemeinsam erhalten haben, versprechen sich besten Falles ein einziges Mal, und nie mehr ist die Rede von „Mrs Johnson“. Im Pub sind früher vergnügte Witze gerissen worden über die Pünktlichkeit, mit der „Charlie“ wegging zu einer Familientafel – „wir wissen schon, wann dein Donnergong schlägt, Charlie, nach dir stellen wir die Uhr!“ –, jetzt gibt es keinen Kommentar dazu, dass ich zu ganz anderen, späteren Abendzeiten komme, und jede Erkundigung nach meinen privaten Umständen hat aufgehört. Ein Name ist vollständig verschwunden aus dem Gespräch. […] Und die Damen hinter den Theken, für die ich von neuem ein Käufer und Kunde geworden bin, reden mich an mit „dear“ und „my love“ wie je, als sie in mir noch einen Junggesellen vermuteten.
Es bleibt mir, Ihnen zu danken für die Genauigkeit, mit der Sie meine Beweggründe noch einmal ausgeführt haben, und für das Verständnis: welches Verhalten mir gerade Ihnen gegenüber verwehrt war.
Dass ich mich in Sachen der Unbefangenheit geirrt habe, bedaure ich ungemein, um so mehr, als ich Ihnen da lästig geworden sein mag. Aber Sie haben recht, ein brieflicher Umgang unter solcher Belastung, er verbietet sich. Ich bin traurig darüber, habe aber die jämmerliche Genugtuung, das einsehen zu können.
Wenn eine Ebene übrig geblieben sein sollte, auf der wir, zum Beispiel, über die „Klima-Geschichte“ verhandeln könnten, wäre ich ziemlich erleichtert.
Mit Dank und herzlichen Grüssen,
Ihr Uwe Johnson.

aus: Max Frisch / Uwe Johnson, Der Briefwechsel 1964 – 1983, hrsg. v. Eberhard Fahlke, Frankfurt am Main 1999, S.206/207

Die Hübschigkeit der Schauspieler (17)

Samstag, 8. September 2012

Invictus, 2009, mit Morgan Freeman, Matt Damon, Tony Kgoroge

Invictus, das ist zuerst mal dieses kraftstrotzende Gedicht von William Ernest Henley, zuerst veröffentlicht im Jahr 1875:

Out of the night that covers me,
Black as the pit from pole to pole,
I thank whatever gods may be
For my unconquerable soul.

In the fell clutch of circumstance
I have not winced nor cried aloud.
Under the bludgeonings of chance
My head is bloody, but unbowed.

Beyond this place of wrath and tears
Looms but the Horror of the shade,
And yet the menace of the years
Finds, and shall find, me unafraid.

It matters not how strait the gate,
How charged with punishments the scroll.
I am the master of my fate:
I am the captain of my soul.

Die letzten beiden Verse kommen angeblich auch in Casablanca vor, das müsste man mal nachprüfen; hier jedenfalls ist eine gesprochene Fassung von Alan Bates in einem Werbespot – mir persönlich gefällt die besser als die monoton gemurmelte Version von Morgan Freeman im Film.
Der historische Stoff ist filmreif, soviel ist mal sicher: Die südafrikanische Rugby-Nationalmannschaft der Männer, die Springboks, wandelt sich anlässlich der WM im eigenen Land von einer Institution der Apartheid zum Symbol für Einheit und Versöhnung – benutzt, aber auch leidenschaftlich unterstützt von Nelson Mandela, dem Präsidenten höchstpersönlich. Fragt sich nur, ob der Film da nicht mehr hätte draus machen können.
Rugby ist ja nun ein ausgesprochen hässlicher Sport, besonders, wenn man die Regeln nicht kennt. Da wird gedrängelt und geprügelt, es erklingen seltsame Grunzgeräusche wie im Schweinestall, bei jedem Zusammenprall knackt und knirscht es als brächen den Spielern sämtliche Knochen, und in dieses Gemetzel hinein ruft Kollegin G. empört: Die ziehen sich ja dauernd gegenseitig am Hemd!
Nelson Mandela kommt ein bisschen pathetisch rüber, aber das darf er vielleicht auch. Die irreführende 9/11-Assoziation hätte fehlen können, und das entscheidende Endspiel ist unerträglich in die Länge gezogen – man weiß sowieso, wie es ausgeht, ebenso wie man weiß, dass Mandela keinem Attentat zum Opfer fällt, weshalb es der Bodyguard-Handlung etwas an Spannung gebricht.
Aber wir haben viel über südafrikanische Geschichte gelernt. Südafrika ist übrigens doch noch einmal Rugby-Weltmeister geworden: 2007.
Das war das erste Treffen seit fast acht Monaten, und wie es demnächst weitergeht, weiß kein Mensch – die Hauptperson, die große weiße Wand, sie wird fehlen.